Ensar erhob sich nun ebenfalls und er war ungewöhnlich blass. „Eine Aura, die Leben nimmt, um Leben zu gewähren… Bergos, wenn es stimmt, dass dieses Kind über solche Kräfte verfügt, dann darf Eolanee niemals einer Schulung ihrer Macht unterzogen werden.“
„Nicht nur das“, ächzte ein anderer. „Dann sollten wir sie aus der Gemeinschaft verbannen. Wir können kein Wesen unter uns dulden, das fähig wäre, ein anderes zu töten.“
Bergos machte eine beschwichtigende Geste. „Eine Aura, die Leben nimmt, um Leben zu gewähren… Das hört sich für mich nicht nach einem blutrünstigen Wesen an.“
„Leben zu nehmen heißt, den Kreislauf des Lebens zu unterbrechen“, protestierte Kender und einige der anderen Männer stimmten erregt zu.
„Dennoch wird es diese Aura geben“, mahnte Bergos. „Ihr alle habt die Prophezeiung gehört und sie steht außer Zweifel.“ Er sah Kender auffordernd an. „Gleichgültig, wie wir uns entscheiden, die Weissagung wird sich erfüllen und diese mächtige Aura wird es geben.“
Der nickte widerwillig. „Nein, daran besteht kein Zweifel.“
„Wir wissen nicht, ob Eolanee die Kräfte beider Gaben in sich birgt“, räumte Bergos in versöhnlichem Tonfall ein. „Aber wir sollten weise genug sein, diese Möglichkeit in Erwägung zu ziehen. Wenn ein solch machtvolles Aurawesen entsteht, so wäre es besser, wir würden es schulen und seine Schritte lenken. Vielleicht hat das Kind wirklich die Gabe. Es gibt nur einen Weg, Gewissheit zu erlangen.“
„Niemals.“ Kender stampfte entschlossen mit seinem Fuß auf. „Du kannst, du darfst dieses Kind nicht unterweisen!“
Ensar erhob sich und trat neben Kender. „Ihr wisst, ich bin nicht immer einer Meinung mit Kender, doch in diesem Fall muss ich ihm zustimmen. Es ist ein Mädchen!“
„Auch Baumhüterinnen sind Frauen“, warf der Hagere ein. „Und sie sind wertvoll für das Volk.“
„Das ist etwas vollkommen anderes“, zischte Kender.
„Die Bedrohung durch die Berengar ist neu für uns.“ Ein Auraträger, der fast das Alter von Bergos erreicht hatte, erhob sich. Merius Ma´ara war ein hoch geachteter Mann im Volk und das nicht nur wegen seiner Fähigkeiten als Auraträger. Sein dichter grauer Bart war von weißen Strähnen durchzogen und er hinkte ein wenig, als Folge eines Reitunfalls. „Nie zuvor wurde eine Gemeinde des Volkes auf solche Weise abgeschlachtet. Es ist etwas Neues und vielleicht müssen wir neue Wege gehen, um dem zu begegnen. Ich stimme Bergos zu, dass wir alles versuchen müssen, den Kreislauf des Lebens zu erhalten.“ Er sah die Anwesenden eindringlich an. „Auch wenn dies bedeutet, ein weibliches Wesen in der Aura auszubilden. Sofern diese Eolanee überhaupt über die entsprechenden Veranlagungen verfügt.“
Seine Worte machten viele Nachdenklich, aber Kender stapfte erneut mit dem Fuß auf. „Es ist verboten. Es ist gegen die Tradition. Es ist…“
„Unsinn.“ Merius lachte spöttisch. „Es ist nur noch niemals vorgekommen.“
Kender erwiderte den Blick des Alten wütend. Der Respekt vor einem anderen Auraträger verbot eine beleidigende Erwiderung, die dem Jüngeren auf der Zunge lag. „Ich, Kender Ma´ara, Träger der Aura, verweigere in jedem Fall die Zustimmung.“
„Und ich, Bergos Ma´ara´than, Träger und Führer der Aura, sage, dass wir es tun müssen.“
Aufgeregte Stimmen schwirrten durcheinander. Ensar trat neben Kender. „Ich, Ensar Ma´ara, verweigere ebenfalls meine Zustimmung.“
Merius trat nun neben Bergos. „Und ich, Merius Ma´ara, gebe sie.“
Bergos hob beschwichtigend die Hände. „Lasst keinen Streit aufkommen, Träger der Aura. Wir sollten Eolanee prüfen und beobachten. Behutsam erkunden, ob sie die Fähigkeit überhaupt in sich trägt.“
Rolos erhob sich. „Und Bergos sollte dies tun. Er ist unser Anführer und hat die größte Erfahrung. Seinem Urteil kann man vertrauen.“
Kender leckte sich über die Lippen. Neben Bergos verfügte er über die größten Kräfte der Auraträger und der Führer hatte bislang keinen Zweifel aufkommen lassen, dass Kender sein Nachfolger werden könnte. Der jüngere Mann hatte durchaus den Ehrgeiz, einmal den Stirnreif mit dem größten Kristall zu tragen. Aber Bergos konnte seinen Nachfolger nur vorschlagen, er konnte ihn nicht bestimmen. Kender brauchte die Mehrheit im Rat, wenn es so weit war. Der Rat schätzte überlegtes und abwägendes Handeln. Es mochte angemessen sein, jetzt einzulenken und seine Befürchtungen für sich zu behalten. „Ich, Kender Ma´ara, stimme dem zu.“
Bergos nickte sichtlich erleichtert. „Damit ist es beschlossen.“
Merius seufzte leise. „Dann lasst uns nun überlegen, was weiter zu tun ist. Ayan muss neu belebt werden. Dann müssen wir Späher an den Grenzen postieren, die uns vor einem erneuten Überfall der Bestien warnen. In jeder unserer Gemeinschaften sollten sich Auraträger bereithalten. Das ist meine Meinung. Nun, Brüder der Aura, was sagt ihr dazu?“
Es dauerte noch Stunden, bis Bergos endlich die Lichter mit einer sanften Handbewegung löschen konnte und er als letzter die Ratshalle verließ. Er war müde und erschöpft, aber er konnte sich noch nicht zur Ruhe begeben.
Auch auf dem Versammlungsplatz inmitten der Kegelbäume war es ruhiger geworden. Es war spät in der Nacht, eher früher Morgen und auch in Ayanteal musste geerntet werden. Trotz ihrer Neugier hatten sich die meisten Bewohner zur Nachtruhe begeben. Einige Lampen mit Glühkäfern spendeten ihr sanftes Licht, aber Bergos war diese Wege so oft gegangen, dass er sie auch in völliger Dunkelheit gefunden hätte.
Sein Ziel war ein Kegelbaum im zweiten Ring. Hier brannte noch Licht in einem der Häuser. Bergos berührte eine Fangwurzel, strich sanft mit dem Finger an ihr entlang und sie formte die Sitzschlinge und trug ihn nach oben. In der dritten Ebene spürte eine Frau die Schwingungen und trat auf den Rundgang vor dem Haus. Neredia fühlte sich noch schwach und ihr Kopf schmerzte noch immer von dem gewaltigen Hieb, den sie erhalten hatte. Aber sie lebte und das war weit mehr, als es den meisten Menschen von Ayan vergönnt gewesen war.
Sie stützte sich auf das zierliche Geländer und lächelte, als sie Bergos erkannte. So wie Bergos Ma´ara´than der Führer der Auraträger war, so war Neredia Ma´ededat´than die Führerin der Baumhüterinnen.
Als Kinder waren sie im selben Dorf aufgewachsen und hatten sich angefreundet. Dann, als man bei ihnen die möglichen Fähigkeiten der Aura und des Baumhütens erkannt hatte, waren sie getrennt worden. Sie erfuhren intensive Schulungen, die ihre Anlagen förderten und sie auf ihre verantwortungsvollen Aufgaben vorbereiteten. So blieb nur wenig Zeit für eine unbeschwerte Kindheit und noch weniger Raum für persönliche Beziehungen. Kein persönliches Empfinden sollte die Heranwachsenden von der Konzentration auf ihre Unterweisung ablenken. So wurden Bergos und Neredia jene Gefühle vorenthalten, die Mann und Frau zueinander führten und zu einem glücklichen Paar werden ließen. Das Wohl der Gemeinschaft stand über dem persönlichen Glück. Es war ein Opfer, welches den Kindern auferlegt wurde und doch war es für das Überleben der Enoderi erforderlich. Als Bergos und Neredia sich nach vielen Jahren erneut begegneten, da hatte sich ihre einstige Freundschaft verändert. Ihre gegenseitige Zuneigung ging noch tiefer als zuvor und sie brauchten nicht viele Worte, um einander zu verstehen. Die körperliche Liebe blieb ihnen versagt, um ihre Fähigkeiten nicht zu gefährden, doch ihre geistige Bindung war stärker, als je zuvor.
Der hölzerne Rundgang knarrte leise, als Bergos sich auf ihn schwang und die Fangwurzel entließ. Für einen kurzen Moment berührten sich ihre Hände, mehr an Vertrautheit war ihnen nicht gestattet. Vor Jahren mochten sie sich nach mehr als einer flüchtigen Berührung gesehnt haben, aber sie hätten ihre Kräfte niemals für ein kurzes Vergnügen aufs Spiel gesetzt. Nun war für sie beide die Zeit des körperlichen Verlangens vorbei, denn sie hatten die Phase des Begehrens überwunden.
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