Neben ihr stand eines der dichten Dornengebüsche, die häufig im Wald zu finden waren. Auf Händen und Knien kroch sie darauf zu. Der Busch spürte ihre Angst, reagierte und öffnete sich ihr. Eolanee bemerkte es gar nicht, kroch nur immer weiter. Dornen rollten sich zusammen, damit sie nicht verletzt wurde, Zweige zogen sich zurück, andere wuchsen in rasender Schnelle und als das Mädchen inmitten des Dornbuschs wimmernd zusammensank, hüllte die Pflanze sie in dichtes Laub und nach außen drohende Stacheln.
Schritte waren zu hören, gedämpft durch den weichen Waldboden. Gelegentlich knackte ein Zweig unter dem Fuß eines Mannes. Leise Rufe erklangen, mit denen sich die Berengar verständigten.
„Sie muss hier irgendwo sein. Ich konnte sie erkennen. Ein kleines Mädchen.“
„Ja, ein niedliches Ding. Wäre ein Jammer, wenn sie uns entwischt. Sie bringt sicher einen guten Preis.“
„So schmackhaft wie sie aussieht, steckt der Clan sie lieber auf den Spieß.“
„Ist noch nicht viel dran. Kaum Fleisch auf den Rippen“, lachte einer grob. „Da müssten wir noch ein lange warten und sie ordentlich füttern.“
„Seid endlich still“, sagte Lutrus grob. „Sie verbirgt sich hier irgendwo. Aber Menschenkinder sind niemals still. Jedenfalls nicht lange. Also seid leise und wir werden sie früher oder später hören können.“
Eolanee hörte die Stimmen ohne die Bedeutung der Worte zu begreifen. Sie hörte die Schritte ohne sie wirklich wahrzunehmen. Sie kauerte inmitten des Dornbusches, die Knie unter den Leib gezogen und wiegte sich leicht vor und zurück. Sie hatte keine Tränen mehr, um zu trauern und sie hatte keine Stimme mehr, um zu schreien. Das Einzige, was sie im Übermaß hatte und empfand, war nacktes Entsetzen.
„Ich weiß nicht, Lutrus, aber dieser verdammte Wald gefällt mir nicht.“
„Mir auch nicht. Sieh dir diese verfluchten Bäume an, Lutrus, und dieses Gebüsch. Ich sage dir, darin verbirgt sich etwas.“
„Ja, erwiderte Lutrus, „das Mädchen, das wir suchen.“
„Das ist nicht das Mädchen“, sagte einer der anderen Berengar. „Da ist was anderes. Dort drin ist etwas gefährliches, das sage ich euch.“
„Unsinn.“ Lutrus stieß dieses Wort mit größerer Sicherheit hervor, als er tatsächlich empfand. Auch er spürte sein wachsendes Unbehagen, während sie gemeinsam auf das Gebüsch starrten, welches nur wenige Meter von ihnen entfernt wuchs. „Hier gibt es nichts gefährliches, außer uns.“
„Das hier ist ein verdammter Wald, Lutrus. Du kennst doch diese Höllen aus Grünzeug. Man sagt, da gäbe es furchtbare Raubtiere.“
„Solche Biester verstecken sich“, ächzte einer. „Die lauern einem auf. Schlagen blitzartig zu und verschlingen dich.“
Lutrus stieß ein ärgerliches Knurren aus. Es waren gute Krieger, die vor keinem Kampf zurückschreckten, doch das Pflanzenland der Menschen war ihnen fremd und unheimlich. Nervös leckte er sich über die trocken gewordenen Lippen. Er versuchte, das leichte Zittern seiner Hand zu verbergen, als er eine Farsawurzel aus dem Köcher zog. Er rieb sie auf eine bestimmte Weise und spürte, wie sie sich versteifte. In diesem Zustand konnte eine Farsa sogar den Brustpanzer eines Ritters durchstoßen. Er streckte seine Waffe vor und machte einen zögernden Schritt in Richtung auf das Dornengewächs.
Eolanee bemerkte die Berengar nicht. Die Fünfjährige hatte sich ihrer Furcht ergeben und der Dornenbusch spürte ihre Angst. Seine Dornen wurden länger und schärfer, um das, was er umgab, zu schützen.
Lutrus war ein kampferprobter Veteran so mancher Schlacht und war noch nie vor einer Übermacht zurückgewichen. Aber nun fühlte er sich weit mehr, als nur unbehaglich. Von dem Busch ging eine unheimliche Drohung aus. Eine furchtbare Gewissheit, dort nichts als den Tod zu finden. Schweiß perlte auf der Stirn des Unterführers, als er einen erneuten Schritt machte und nur noch auf Armeslänge von dem Gewächs entfernt war. Sein Herz schlug rasend schnell, er schmeckte süßen Schweiß auf seiner Zunge, als er die Lippen befeuchten wollte.
„Ich sage dir, wir sollten hier verschwinden“, ächzte einer der anderen.
„Halt dein Maul“, keuchte Lutrus. Es forderte seine ganze Kraft, den Arm auszustrecken und mit der erstarrten Farsa an einen der Dornenäste zu stoßen.
Der Ast zog sich zusammen, schnellte wieder vor und Lutrus stieß einen wilden Fluch aus, als mehrere scharfe Dornen über seinen Handrücken glitten und ihn zerschnitten. Instinktiv sprang der Berengar zurück.
Ein Brüllen ertönte am südlichen Ende des Tals.
Es schien zwischen den Bäumen des Waldes seinen Widerhall zu finden. Ein dunkler vibrierender Ton, der den Berengar den letzten Rest an Selbstbeherrschung raubte.
„Weg hier“, schrie einer der Männer auf. „Die Bestie kommt! Sie wird uns zerfleischen!“
„Weg hier“, befahl auch Lutrus kreidebleich und wandte sich ab.
Fort von dem Gebüsch, in dem etwas Entsetzliches auf ihn und seine Männer lauerte und fort von dem Brüllen einer Bestie, das immer näher kam und den Tod verkündete.
Die Gruppe rannte an den Kegelbäumen vorbei und sah, dass die anderen bereits am nördlichen Talausgang warteten. Die Hauptgruppe trieb die gefangenen Frauen und Kinder mit sich und sah nun ins Tal zurück, von wo Lutrus Gruppe auf sie zu hastete, gefolgt von dem drohenden Ton.
„Der Wald steckt voller Bestien, Han-Keltor“, meldete Lutrus schwer atmend, als sich die Gruppen vereinigten.
Der Anführer mit den sonnengelben Haaren sah mit verengten Augen zum Wald. „Was für Bestien, Lutrus? Was geht da vor sich?“
„Du willst es nicht wissen“, keuchte der Unterführer. „Glaube mir, das willst du nicht.“
Han-Keltor legte die Hand unentschlossen um den Schwertgriff. „Nun gut, wir haben gute Beute gemacht und keinen Mann verloren. Es wäre unsinnig, das jetzt aufs Spiel zu setzen und sich einem unbekannten Feind zu stellen.“
Sie lauschten dem erneuten Gebrüll, welches nun inmitten des Waldes zu verharren schien. Unzweifelhaft waren es mehrere Kreaturen, welche diese drohenden Laute ausstießen.
„Na schön“, sagte Han-Keltor zögernd. „Verschwinden wir. Hier gibt es nichts mehr zu gewinnen.“
Lutrus und die Männer seiner Gruppe nickten erleichtert.
Während die Krieger sich mit dem raschen Laufschritt der Berengar auf den Heimweg machten, warf der erfahrene Lutrus immer wieder einen raschen Blick zurück. Er empfand unsägliche Erleichterung, denn die Bestien, die ihr Leben bedroht hatten, folgten ihnen nicht. Vielleicht, so tröstete er sich, hatten sich die Ungeheuer mit dem Geschmack des kleinen Mädchens zufrieden gegeben.
Weit hinter den Berengar, auf dem breiten Grasstreifen, der den normalen Wald von der Gruppe der Kegelbäume trennte, verharrte eine Gruppe Reiter. Es waren unzweifelhaft Menschen vom Volk der Enoderi, doch diese Männer waren ebenso ungewöhnlich, wie ihre Reittiere.
Sie waren die Träger der Aura, die Träger der Macht. Ihre Aufgabe war es, das Volk zu schützen.
Die Enoderi waren friedliebende Menschen, welche das Leben achteten und keine Waffen nutzten. Aber es gab andere Völker, die nach Besitz und Macht strebten und nicht vor Gewalt zurückschreckten, um beides zu erlangen. Die Enoderi waren jedoch nicht schutzlos. Es gab eine Fähigkeit in ihrem Volk, die mächtiger war als jede geschmiedete Waffe.
Man nannte es die Aura und niemand konnte sagen, warum einige diese Fähigkeit besaßen und sie anderen verweigert wurde. Es gab nicht viele Träger der Aura und diese waren ausschließlich männlich. Diese Männer trugen die besondere Kraft von Geburt an in sich. So, wie einige Frauen die besondere Kraft einer Baumhüterin aufwiesen. Ein Träger der Aura war in der Lage, einem Angreifer zu begegnen, in dem er ein Gefühl unsäglicher Furcht in die Gedanken des Feindes projizierte. Das Volk der Enoderi erhob keine Schwerter gegen ein anderes Wesen und nahm niemals ein Leben, aber Angst konnte eine mächtige und überaus furchtbare Waffe sein.
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