„Aber noch nicht alle. Manche öffnen sich früh, die anderen folgen nach.“ Nehela ging ein wenig in die Hocke, damit sie Eolanee leichter in die Augen sehen konnte. „Wenn wir die Pflanzen zu früh ernten, dann haben einige ihren Samen noch nicht abgegeben. Wir würden sie töten und sie hätten keine Nachkommen. Der Kreislauf des Lebens wäre unterbrochen und das darf nicht geschehen.“
„Aber wenn der Wind ihren Samen ergriffen hat, dann töten wir sie doch auch. Wo ist da der Unterschied?“
„Wir können nicht auf Nahrung verzichten, Eolanee. Dadurch würden wir uns selber töten und auch das wäre nicht richtig. Wir töten nur, wenn wir es für unser Überleben müssen und wenn wir das tun, wie bei dieser Ernte, dann achten wir darauf, dass der Kreislauf des Lebens nicht unterbrochen wird.“
„Aber die Pflanzen können doch auch so sterben. Letzten Sommer hat der Blitz in ein Feld eingeschlagen und viele Getreidepflanzen verbrannt.“ Eolanee sah Betratos und streckte ihm rasch die Zunge heraus. „Da ist dann doch auch der Kreislauf des Lebens unterbrochen.“
„Weil die Große Schöpferin es so gefügt hat.“ Nehela schüttelte den Kopf. „Du hast dein Gewand beschmutzt.“
„Hm?“ Eolanee errötete. Sie hatte nicht mehr daran gedacht, dass Brot und Käse hinter ihrem Gürtel steckten und beides war inzwischen zerkrümelt und hatte Flecken in ihrer Toga hinterlassen.
Ein goldener Schimmer schien sich über dem Feld auszubreiten, als die grünen Blüten nun ihre Pollen abstießen und diese mit dem Wind zu treiben begannen. Einige der Samenschirmchen kitzelten Eolanee in der Nase und sie nieste heftig, was ihr einen spöttischen Blick von Betratos eintrug. Für einen Moment schien die Sonne von den zahllosen Samen verdeckt zu werden, bis diese sich zu verflüchtigen begannen. Eolanee fragte sich unwillkürlich, wie weit einige von ihnen wohl vom Wind mitgeführt würden.
Die Luft begann wieder klar zu werden. Die meisten der Pollen hatten sich auf dem Feld niedergelassen und Menschen und Pflanzen schienen von goldenem Staub bedeckt.
Die Stimme der Baumhüterin erhob sich über den Gesang der Menge. „Wir alle sind ein Teil des Ganzen und müssen bedacht sein, zu bewahren und zu hüten und dafür zu sorgen, dass jedes Ding wächst und gedeiht. So möge sich nun der Kreislauf des Lebens schließen, wenn wir unsere Hände ausstrecken, um die Ernte des Feldes heimzubringen“, endete Neredia.
„Möge sich der Kreislauf des Lebens schließen“, sangen die anderen.
„Auf, ihr Brüder und Schwestern der Bäume.“ Neredia wies in das große Feld. „Es ist an der Zeit.“
Fröhliches Gelächter erklang und die Menschen wischten sich Pollenstaub aus den Gesichtern und klopften ihre Kleidung ab. Ein eher sinnloses Unterfangen, denn die Arbeit im Feld würde den Staub erneut aufwirbeln und alle Reinigungsversuche zunichte machen. Stimmen schwirrten über das Feld, als sich Männer, Frauen und die größeren Kinder daran machten, in einer langen Linie auszuschwärmen. Zwei der Frauen blieben zurück, um jene Kinder zu beaufsichtigen, die an der Ernte nicht teilhaben konnten.
Die Männer schoben die kleinen Karren auf denen sich die großen Sammelkörbe befanden. Jetzt war ihre Arbeit noch leicht, aber bald würden die Körbe schwer und die Wege zwischen den Getreidehalmen zerfurcht sein. Die Frauen schwangen die Sensen und schnitten die Halme, die Jungen und Mädchen folgten ihnen, und beförderten die Halme zu den Karren ihrer Väter. Noch vor zwei Jahren hatte Eolanee mit sehr konzentriertem Gesicht einzelne Halme getragen. Die anderen hatten sie angelächelt und die Dreijährige war von Stolz erfüllt gewesen. Nun war sie älter und wusste, dass es sinnvoller war, gleich mehrere Halme gleichzeitig zu nehmen.
Die Körbe brachte man zum Versammlungsplatz zwischen den Kegelbäumen. Dort konnte man das Getreide schlagen, damit sich die Spreu vom Weizen trennte. Den Weizen würden die Enoderi für ihr Brot verwenden, die Überreste der Getreidepflanze verteilten sie auf dem Boden unter den Kegelbäumen. Deren Fangwurzeln konnten auch den letzten Rest Nährstoff herausfiltern.
Es war heiß und Eolanee sehnte sich bald nach dem Schatten der Bäume. Zudem war es ihr zunehmend langweilig, sich nach den geschnittenen Halmen zu bücken und sie zu einem der Karren zu tragen. Sehnsüchtig starrte sie immer wieder zu den kleineren Kindern, die sich nicht derart plagen mussten.
Ihr Vater bemerkte die wachsende Unlust seiner Tochter. Als sie erneut einen Arm voller Halme brachte, stützte er sich auf die Holme des Karrens und zwinkerte ihr zu. „Nur bis zum Mittag, Eo, dann kannst du ein bisschen ausruhen. Du kannst ja mit Betratos zu dem kleinen Teich gehen, den wir angelegt haben. Vielleicht sind die Fische ja schon etwas gewachsen.“
„Und die kleinen Frösche!“ Eolanee klatschte begeistert in die Hände.
„Nun ja, sie wachsen schnell“, erwiderte er lächelnd, „aber ein wenig Zeit werden sie schon noch brauchen.“ Er beschattete die Augen und schätzte den Sonnenstand ein. „Ist nicht mehr lange, meine Süße. Wenn du magst, kannst du schon Brot, Käse und Wasser für die Rast holen.“
„Und süße Beeren?“
Er lachte auf. „Ja, auch süße Beeren. Ich weiß ja, wie sehr du sie magst.“
„Au fein.“ Eolanee ließ die Halme, die sie noch im Arm trug, einfach fallen und rannte los.
Ihr Vater seufzte leise, hob das Getreide in den Korb und sah seine Frau dann achselzuckend an. „Sie ist noch sehr jung.“
„Ja, aber ihre Kräfte sind stark.“ Nehela blickte zum Kegelbaum hinüber, in dessen Richtung die Tochter verschwunden war. „Sie hat den Wind gespürt.“
„Das haben wir alle.“
Seine Frau schüttelte den Kopf. „Sie wusste es, bevor wir ihn gespürt haben.“
„Der Baum?“
„Ja.“
Teneteanos kratzte sich im Nacken. „Wir sollten mit der Baumhüterin Neredia darüber sprechen. Vielleicht hat Eolanee die Gabe. Es gibt nie genug gute Baumhüterinnen, das weißt du. Neredia hat noch keine geeignete Nachfolgerin.“
„Eolanee ist erst Fünf. Sie ist noch viel zu jung.“
Ihr Mann trat neben sie und legte den Arm um ihre Schulter. „Dennoch. Wenn Eo die Gabe hat, sollte die Baumhüterin es erfahren. So früh wie möglich. Auch wenn es in jedem Dorf mehrere Hüterinnen gibt, so sind sie für jede Enoderi mit der besonderen Gabe dankbar.“
Eolanee hatte die Fangwurzeln fast erreicht, als sie Betratos Stimme hinter sich hörte. „He, warte. Wieso hörst du mit der Ernte auf?“
Die Fünfjährige verharrte, eine Hand an der Wurzel und sah ihren Spielkameraden spöttisch an. „Weil ich jetzt Wichtigeres zu tun habe.“
„Ach. Was sollte es Wichtigeres als die Ernte geben?“
„Mittagessen.“
Betratos leckte sich über die Lippen, dann nickte er zögernd. „Ja, das ist wahr. Ohne Essen habe ich auch gar keine Kraft zur Ernte.“ Er lächelte breit. „Soll ich dir helfen?“
„Wenn du willst. Wer zuerst oben ist?“
„Das gilt.“ Betratos lachte auf und drückte Eolanee zur Seite, um ihre Fangwurzel zu ergreifen. „Such du dir eine andere. Die hier ist mir.“
Es hätte ihn irritieren sollen, dass Eolanee nicht protestierte. Aber der Sechsjährige war viel zu sehr darauf konzentriert, vor seiner Freundin oben anzukommen. Die Wurzel formte die Trageschlinge, veränderte sich und Betratos glitt in die Höhe.
Aber nicht weit.
Eolanee konnte die Fangwurzel packen, bevor diese zu weit über ihr war und setzte erneut ihre Kräfte ein. Betratos begriff überhaupt nicht, was ihm da geschah. Eben saß er noch sicher in der Wurzelschlinge und schwebte auf bequeme Weise in die Höhe, dann, ohne jegliche Vorwarnung, löste sich die Tragevorrichtung auf. Die Fangwurzel streckte sich und wurde glatt, als sei sie poliert worden. Mit einem heiseren Aufschrei stürzte er auf den Boden zurück. Das weiche Moos dämpfte seinen Aufprall, dennoch trieb es ihm die Luft aus den Lungen.
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