„Wie war dein Eindruck, als du Sabrina kennenlerntest? War Sabrina damals glücklich?“ fragte ich.
Birgit schüttelte den Kopf. „Nein, es ging ihr immer schlecht. Ich kenne sie nicht anders. Zuerst dachte ich, es läge an einer Krankheit, doch als wir uns besser kennengelernt hatten, erzählte sie mir, dass sich ihre Ehe in einer Sackgasse befand. Darunter litt sie wie eine Todkranke. Manchmal war ihr so schlecht, dass sie nur kurze Waldspaziergänge absolvieren konnte. Immer öfter heulte sie auch, so dass ich sie in den Arm nehmen und trösten musste.“
Klaus-Peter blickte mit ernster Miene auf Birgit, sagte aber nichts.
„Wo lagen die Probleme? Hat sie darüber gesprochen?“
„Zuerst nicht. Sie hat sich offenbar geschämt, denn nach außen hin wirkten Ralf und Sabrina, wenn man sie mal sah, wie ein Traumpaar. Mit der Zeit aber erfuhr ich recht genau, woran die Ehe haperte.“
„Und?“
„Sabrina war unglücklich, weil ihr das Haus, der Hund und vor allem ihr Geschäft über den Kopf wuchsen. Sie fühlte sich überlastet und von Ralf zu wenig unterstützt, mehr noch: er schien sich nach ihrer Darstellung für sie überhaupt nicht zu interessieren. Sie klagte immer wieder darüber, dass sie nicht mehr zusammen reden und schon lange nicht mehr zusammen schlafen würden. Sie war ganz ausgetrocknet vor Mangel an körperlicher Zuwendung. Das war das Hauptproblem.“
„Wieso das?“ fragte ich. „Dass Zärtlichkeit und Sex in der Ehe etwas nachlassen, soll doch vorkommen.“
„Kann sein. Weiß ich nicht. Aber ganz sicher weiß ich, dass Sabrina zu den Menschen gehört, die die Sexualität brauchen wie das tägliche Brot – nicht der Lust wegen, sondern als Bekundung von Nähe und Geborgenheit. Dass Ralf das nicht erkannt hat, ist sein größter Fehler gewesen.“
Der Kuchen war verspeist, der Kaffee getrunken. Die beiden großen Hunde lagen friedlich in der Ecke, als ich den Gedanken zu Ende führte: „Und dann hat sie sich das, was ihr fehlte, woanders geholt.“
„Stimmt. Das war für sie damals eine Frage des seelischen Überlebens.“
Klaus-Peter zog eine Schnute. Diese Moral von der Geschichte gefiel ihm nicht. Mir auch nicht. „Warum hat sie nicht mit offenen Karten gespielt? Sie hätte doch ausziehen können ohne gleich einen Fritten hineinzuziehen?“ fragte ich.
„Dafür hatte sie zu große Angst. So sehr sie am Ende Ralf niedermachte, im Kern hatte sie eine Heidenangst vor ihm. Am Ende fürchtete sie, dass er sie eines Tages abschießen und aus dem Haus werfen würde.“ Birgit zündete sich eine Zigarette an und nahm einen langen Zug.
Ich zögere einen Augenblick, dann fragte ich. „Du warst also von Anfang an in die ganze Geschichte eingeweiht?“
Birgit blickte mich überrascht an. „Was heißt eingeweiht? Es war ja kaum zu übersehen. Ein paar Monate bevor die Ehe der beiden auseinanderbrach, ging mit Sabrina eine erstaunliche Veränderung vor. Sie hörte plötzlich auf zu heulen und begann über Ralf wie ein Rohrspatz zu schimpfen. Es schien auf einmal keine Gemeinheit mehr zu geben, die sie ihm nicht zugetraut hätte. Richtig sauer konnte sie werden, wenn sie seine Untaten aufzählte, und als ich einmal anmerkte, nun würde sie aber übertreiben, ist sie mir über den Mund gefahren. Na ja, sie war halt ein wenig temperamentvoll. Übrigens war das natürlich auch die Zeit, als die Affäre mit Manuel begann.“
„Und Ralf? Was war mit dem? Merkte der denn gar nichts?“
„Nein, der war ahnungslos wie ein Baby. Wir haben uns ja damals noch öfters zu viert getroffen, Ralf und Sabrina, Klaus-Peter und ich saßen dann vor ihrem Kamin und tranken Wein, und ich weiß noch genau, wie leid er mir damals tat. Das Unheil braute sich über seinem Kopf zusammen, und er war der einzige im Kreis, der davon nichts wusste. Manchmal schämte ich mich auch, ihn sehenden Auges in die Falle tappen zu lassen. Er war bei weitem nicht der schlechte Kerl, als den ihn Sabrina hinstellen wollte, aber er war doch auf eine ganz unerhörte Weise auf sich bezogen, sonst hätte er spüren müssen, was abging.“
Klaus-Peter wollte mir einen neuen Schnaps nachschenken, doch ich winkte ab.
„Ich erinnere mich noch genau an eine Szene, als Sabrina kurz vor ihrem Auszug wegen einer Routineuntersuchung im Krankenhaus war und ich sie in Hückeswagen besuchte“, erzählte Birgit weiter. „Damals sah ich Manuel zum ersten Mal. Für mich war er großer Kerl mit riesigen Händen und einem treuen Hundeblick - eigentlich nicht das, worauf Sabrina abfuhr. Aber es war mit Händen zu greifen, wie bedingungslos dieser Mann Sabrina liebte, wie sehr er sie mit jeder Faser seines Wesens begehrte. Als wir zu dritt auf dem Parkplatz standen, kam plötzlich Ralf angefahren um seine Frau zu besuchen. Das war eine heikle Szene, denn er hätte sich doch fragen müssen, was dieser Kerl neben seiner Frau zu suchen hatte. Aber er schien überhaupt nicht auf die Idee zu kommen, dass dieser Mensch irgendetwas mit Sabrina zu tun haben könnte. Ich glaube, er hat ihn mir zugeordnet, ohne dass darüber ein Wort gesprochen worden wäre.“
Ich ließ mir noch einen Kaffee einschenken und überlegte. „Aber wenn das so war, wenn Sabrina und Manuel ihre Affäre lange vor Ostern begonnen hatten, wie passt denn das zu dem Plan, dass Ralf und Sabrina Ostern noch gemeinsam in Urlaub fahren und über ihre Ehe reden wollten? War sie sich vielleicht doch nicht ganz sicher?“
Birgit schüttelte den Kopf. „Die Sache war noch eine Spur komplizierter. Manuel hatte sie für die Ostertage zu einer Reise nach Bayern eingeladen. Am Tegernsee stand es eine internationale Oldtimershow an, bei der Manuel hoffte, sich besonders eindrucksvoll präsentieren zu können. Auch Sabrina hatte Lust auf das ganze Ambiente von Prominenz, Geld und kostbaren Autos, hatte aber noch immer Angst vor der eigenen Courage. Am liebsten wäre es ihr wahrscheinlich gewesen, Ralf hätte sie mit Manuel fahren lassen und anschließend ihre Entscheidung entgegengenommen. Da daran natürlich nicht zu denken war, verfiel sie auf den Plan, der ehelichen Türkeireise scheinbar zuzustimmen. Das stellte Ralf erst mal ruhig und erlaubte es Sabrina, den Hund mit der nötigen Vorlaufzeit sicher in einer Hundepension unterzubringen. Ralf glaube natürlich, dass Schnöfy wegen des gemeinsamen Türkeiurlaubes abgegeben würde. Sabrina hatte aber niemals vorgehabt, mit Ralf in die Türkei zu fahren.“
Klaus-Peter blickte mich an. So akribisch können Frauen sein, schien sein Gesicht zu sagen.
„Am betreffenden Samstag war sie weder im Geschäft noch in der Stadt. Sie war den ganzen Tag mit Manuel zusammen gewesen, und als sie abends nachhause kam, war sie entschlossen Ralf zu überreden, ohne sie in die Türkei zu fahren, während sie sich allein daheim alles noch einmal überlegen würde. So hätte sie genügend Zeit gewonnen, Manuel in Bayern auf den Zahn zu fühlen. Wenn die Sache schief gelaufen wäre, hätte sie nach Ralfs Rückkehr aus der Türkei immer noch das Ruder herumwerfen können.“
Birgit drückte die Zigarette aus. „Als Ralf dann ausrastete und aus dem Haus raste, überschlugen sich die Ereignisse. Sabrina packte ihre Sachen und fuhr zu Manuel. Vielleicht hat sie es auch getan, weil sie fürchtete, Ralf hätte seinerseits eine andere Frau in der Hinterhand, so dass sie nun endgültig die Seiten wechseln musste. Auf jeden Fall wurde nun offenbar, was lange vorher eingefädelt worden war.“
„Aber sie hat ihn doch noch in der Nacht vor der Abfahrt in die Türkei angerufen“, gab ich zu bedenken. „Dabei hat sie ihm noch Hoffnungen gemacht.“
„Ja, sie wusste ja noch immer nicht, wie die Reise mit Manuel ausgehen würde.“
Mister Meier war aufgestanden und drängte sich an Birgit. „Der Hund muss raus, gehst Du mit eine Runde durch den Wald?“ fragte sie.
Читать дальше