Sabrina war am Apparat. Die Welt um Ralf verschwand sofort.
„Ich will zurückkommen“, sagte sie ohne Umschweife, und als er sprachlos blieb und nichts mehr sagen konnte, fügte sie mit Wärme und Freundlichkeit in der Stimme hinzu: „Schatz, es ist vorbei, ich komme wieder nach Hause. Du kannst mich morgen abholen. Ich muss heute Abend nur noch Manuel meinen Abschied schonend beibringen.“
Er vermochte noch immer nichts zu sagen. Sein Kopf war wie leergefegt.
„Bist du dir auch ganz sicher?“ fragte er schließlich.
„Ja. Hundertprozentig.“
„Gut, ich komme morgen gegen neunzehn Uhr in den Laden und hole dich ab. Und bitte, überleg es dir nicht wieder anders.“
„Nein, du kannst dich auf mich verlassen. Und wenn du willst, kannst du für unseren Hochzeitstag etwas Schönes vorbereiten.“
„Das mache ich. Ich freue mich so. Und glaub mir: alles wird gut.“
„Bis morgen, Ralf.“
„Bis morgen, meine Liebe.“
Als er aufgelegt hatte, war seine Stimmung gekippt. Was er nicht mehr zu hoffen gewagt hatte, war eingetreten, sie würde heimkehren. Irgendein deus ex machina hatte den Gang der Handlung verändert.
Er nahm sich eine Flasche Grappa aus dem Schrank und lief nach nebenan zu Klaus-Peter und Birgit, um den beiden die Neuigkeit zu erzählen.
Sie empfingen ihn freundlich, holten die Schnapsgläser aus dem Schrank und stellten Kekse auf den Tisch. Was die gute Nachricht jedoch betraf, blieben sie skeptisch.
„Sie kommt also zurück“, resümierte Birgit, als sie Ralfs Bericht gehört hatte. „Das erstaunt mich, wenn ich an das denke, was sie mir vor der Trennung erzählt hatte.“
Ralf hätte gerne gewusst, was Sabrina erzählt hatte, doch weil er sich sicher war, dass das keinesfalls etwas Freundliches hatte sein können, fragte er nicht nach.
„Männer kommen zurück“, sagte Klaus-Peter, während er drei Schnaps einschenkte. „Wenn Frauen aber gehen, ist die Liebe meistens zu Ende. So war es auch bei meiner Frau gewesen.“
Klaus-Peter war als Fleischermeister im gleichen Jahr nach Overath gekommen, in dem auch Sabrina und Ralf das Haus bezogen hatten, und was Ralf derzeit erlitt, hatte Klaus-Peter gleich nach seinem Umzug erleben müssen. Seine Frau, mit der er ein alteingesessenes Fleischereifachgeschäft übernommen hatte, wurde der Plackerei überdrüssig und brannte durch. Sie verließ Klaus-Peter nach einundzwanzig Ehejahren wegen einer Urlaubsbekanntschaft und zog zurück nach Köln. Klaus-Peter blieb alleine in Overath und erlebte den Niedergang des Geschäftes, den Rinderwahn, die Hühnerpest und welche Katastrophen in diesen turbulenten Jahren auch immer über die Fleischereifachwelt hereingebrochen waren.
Nun hob er das Glas und blickte Ralf an, der sich unbehaglich fühlte und sich gar nicht sicher war, ob er hören wollte, was Klaus-Peter nun sagen würde.
„Auch meine Frau kam mehrfach zurück“, fuhr Klaus-Peter fort. „Aber am Ende ist sie auch immer wieder gegangen, und schließlich ist sie für immer in Köln geblieben.“ Klaus-Peters gutmütiges Gesicht war ernst und traurig, diese Wunde würde für den Rest des Lebens nicht mehr geschlossen werden.
„Na ja“, wandte Birgit ein. „Das muss ja nicht immer so sein.“ Sie war eine herzensgute Frau in den Vierzigern, die sich auch nach zwei gescheiterten Ehen ihre mädchenhafte Ehrlichkeit bewahrt hatte. Nach zwei Jahren Einsamkeit hatte das Schicksal dem Fleischermeister Klaus-Peter die alleinstehende Birgit zugeführt, die nach einer kurzen, aber intensiven Phase der Freiung zusammen mit Mister Meier, einem irischen Wolfshund, und Miss Ellie, einer Schäferhündin, zu Klaus-Peter gezogen war.
„Allerdings kann ich auch Sabrina nicht mehr verstehen“, fügte sie hinzu. „Wenn eure Ehe so schlimm gewesen war, wie sie es mir immer erzählt hat, dann kann sie jetzt unmöglich zurückkommen. Und wenn sie nicht so schlimm gewesen ist, dass sie jetzt schon nach wenigen Wochen zurückkommen kann, dann hätte sie gar nicht auf diese Weise gehen dürfen.“
„Jede Geschichte ist anders“, sagte Ralf, dem die Vorbehalte von Klaus-Peter und Birgit nicht entgingen. „Kommt, lasst uns einen trinken und haltet mir die Daumen.“
Angetrunken und glücklich kam Ralf am späten Abend nach Hause. Der Druck auf Brust und Magen hatte sich gelockert, auch die Angst vor der Nacht war verschwunden, und er schlief tief und fest bis weit in den nächsten Morgen.
Doch schon am nächsten Morgen begann ihn die Befürchtung zu quälen, Sabrina würde anrufen und ihre Rückkehr wieder absagen. Bei jedem Telefonklingeln fuhr er zusammen und hoffte inständig, dass sie es nicht sei. Doch sie meldete sich nicht, und wie vereinbart fuhr er gegen Abend nach Wipperfürth, um sie abzuholen.
Doch schon als er das Geschäft betrat, erwartete ihn eine böse Überraschung. Er brauchte kein Wort von ihr zu hören, um zu erkennen, dass sie ihre Meinung geändert hatte.
„Ich weiß nicht, ob wir das richtig machen, ich weiß nicht, ob ich zurück kann, selbst wenn ich es wollte“, jammerte sie, während sie ihm einen flüchtigen Begrüßungskuss gab.
Ralfs Mund war sofort wie ausgetrocknet, er konnte kaum sprechen. Stattdessen nahm er sie in die Arme, doch sie war eine steife, kalte Puppe, die sich nicht rührte. „Was redest du da? Lass uns erst einmal nach Hause fahren.“
Als sie zu ihrem Wagen gingen, sah er, dass sie ihren alten und verschrammten Polo gegen einen schmucken Fiesta eingetauscht hatte, ein gepflegtes und blitzblank poliertes Fahrzeug, mit dem sie ihm so zögerlich hinterherfuhr, als wolle sie am liebsten wieder umkehren. Vor dem Haus in Overath weigerte sie sich, den Wagen hinter Ralfs Fahrzeug in die Garage zu stellen. Alle sahen es, und Ralf schämte sich vor den Nachbarn dafür, wie entschieden sie den Parkplatz für ein fremdes Auto einzig und allein unter dem Aspekt aussuchte, jederzeit und sofort wieder nach Wipperfürth zurückfahren zu können.
Als sie kurz darauf in der Bergischen Pfanne eine Kleinigkeit aßen, gab sie sich verschlossen wie eine Auster, sagte kein Wort und stocherte lustlos im Essen herum.
Ralf war ratlos. Nun war sie wieder da, und doch nicht da. Er wollte sie nicht bedrängen und schwieg auch seinerseits, so dass die Stimmung fast unerträglich wurde.
Schließlich berührte er sie am Arm und sie zuckte zusammen.
„Nein, bitte fass mich nicht an.“
„So kommen wir nicht weiter“, erwiderte Ralf, während er seine Hand zurückzog. „Wollen wir nicht reden? Vielleicht können wir das, was geschehen ist, vergessen, ich wäre bereit dafür.“
„Aber ich nicht“, gab sie sofort zurück. Ihre Apathie war dabei, in Feindseligkeit umzuschlagen. „Ich kann nichts vergessen.“
„Was habe ich denn eigentlich so Schreckliches verbrochen, dass du bei Nacht und Nebel mit zwei eilig gepackten Taschen aus dem Haus laufen musstest? Kannst du mir das einmal sagen?“
„Dass du das nicht weißt, sagt mir alles. Dass du das nicht weißt, zeigt mir, dass es keinen Sinn hat.“
Ralf hob die Hände. „Sinn hat es nur, wenn wir beide nach vorne blicken und uns ändern. Ich habe dir doch gesagt, wo ich meine Fehler sehe. Vielleicht kannst du dich auch ein wenig ändern, und dann schaffen wir es.“ Er hasste sich für diese windelweichen Sprüche, doch er wusste, dass sie sofort aufstehen und das Restaurant verlassen würde, wenn er etwas anderes sagen würde.
„Ich brauche mich nicht zu ändern“, zischte Sabrina. „Immerhin gibt es jemanden, der mich so liebt, wie ich bin.“
Ralf fühlte, wie sich die Verzweiflung wieder in ihm ausbreitete. Aber er wollte nicht aufgeben. „Ich bin bereit mich zu ändern“, wiederholte er. „Ich habe für meine Fehler in den letzten Wochen reichlich gebüßt. Willst du denn das nicht wenigstens anerkennen?“
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