Sie schwieg und weinte leise, dann kam sie ans Bett und entkleidete sich.
Ralf empfand weder Verlangen noch Erregung, er kam sich vor wie ein Verdurstender, der keinen anderen Wunsch mehr hegt, als in den nächsten Minuten einen Schluck Wasser zu erhalten. Zugleich spürte er in sich auch den Wunsch, durch diesen verzweifelten Akt die Nostalgie, die ihn quälte, zu zerstören. Doch sie war liebreizend und makellos wie immer, als sie sich auszog und sein Glied massierte, ehe sie es in ihre Scheide führte. Und was noch schlimmer war: sie hatte sich zum Gefallen ihres neuen Geliebten die Schamhaare abrasiert, so dass er auf ihr nacktes Geschlecht blickte und bei dem Gedanken erschauderte, das sie das für einen anderen getan hatte.
Er hatte sich während des Verkehrs körperlich nicht völlig unter Kontrolle, doch er spürte, wie sie sich während des Zusammenseins veränderte. Ihre physische Abwehrhaltung war dabei zusammenzubrechen, ihr Gesicht rötete sich, als sie sich rhythmisch auf ihm bewegte und sagte: „Komm noch nicht.“
Er aber kam, und es war, als ergieße sich ein großer Teil seines Schmerzes in ihren Körper. Schlagartig ging es ihm besser, seine Atemzüge wurden tiefer, die Klammer um seine Brust war verschwunden. Seine Fingerspitzen berührten ihre Haut, und sie wehrte sich nicht mehr, ohne ein Wort zu reden, lagen sie eine Weile nebeneinander und sprachen kein Wort. Dann stand sie auf und begann sich anzuziehen. Während sie sich im Schlafzimmer schminkte und Ralf im Bett lag, begann sie sie von ihrem Besuch bei einer Wahrsagerin zu erzählen, die ihr eine große Ehekrise und ihre anschließende Überwindung vorausgesagt hatte. Was sollte das bedeuten? Einen Augenblick sah es so aus, als würde sie ihre Taschen wieder entleeren und bleiben, doch dann raffte sie sich auf und fuhr zurück nach Wipperfürth.
Er hatte damit gerechnet, dass es ihm am nächsten Morgen, nachdem Sabrina das Haus wieder verlassen hatte, nicht gut gehen würde, doch die Intensität des Schmerzes, der über ihn hereinbrach, sobald er die Augen öffnete, übertraf seine schlimmsten Befürchtungen. Jede Selbstkontrolle war wie weggewischt, auch die Erleichterung, die ihn nach dem Verkehr mit Sabrina beflügelt hatte, war dahin - stattdessen erfüllte ihn eine Übelkeit, so bitter wie ein Vorbote des Todes. Weder Joggen noch Telefonieren noch Arbeiten vermochten ihn abzulenken. Die Gedankenkontrolle versagte, und seine Erinnerung überschwemmte ihn mit Bildern und Reminiszenzen aus ihren schönsten gemeinsamen Tagen, durchsetzt mit Selbstmitleid und Wut, Rachefantasien und Angst.
Er erkannte, dass er nun noch viel tiefer erschüttert war als vor ihrer Rückkehr. Wie blitzschnell und vollständig sie sich schon kurz nach ihrem Verschwinden auf das Neue eingelassen hatte, als er noch an Abstand, Chance und Rückkehr glaubte, ging über seinen Verstand. Während er in der Türkei noch über seine eigenen Fehler gebrütet hatte, war sie schon damit beschäftigt gewesen, sich zum Wohlgefallen ihres neuen Geliebten die Scham zu rasieren. Sie war die untreue Kuh, die zu einem anderen Hirten gelaufen war, um sich ein neues Brandzeichen abzuholen. Einen eindringlicheren Beweis dafür, dass er sie verloren hatte, konnte es nicht geben.
Den ganzen Tag über brannte sein Herz wie ein Organ, das dabei war, mitten in seinem Körper langsam zu verenden. Doch er konnte das Haus nicht verlassen. Er musste seine Alltagsarbeit wenigstens auf einem minimalen Niveau erledigen, wollte er nicht riskieren, dass auch seine berufliche Existenz zusammenbrach. In seiner Unruhe baute er seinen Laptop mal im Garten, mal im Wohnzimmer auf, er versuchte, auf der Couch und auf der Galerie zu arbeiten, doch er brachte nur Murks zustande. Auch Helenes Nähe, die ihn zum Kaffee besuchte und es sich im Garten gut gehen ließ, konnte ihm nicht helfen. Helene schüttelte den Kopf, als sie Ralfs Unglück sah. „Was trauerst du um sie?“ fragte Helene. „Wer so einen grausamen Mund wie Sabrina hat, der kann andere Menschen nur unglücklich machen.“
Am Ende der ersten Woche bemerkte Ralf, dass sich die Erscheinungsform seines Schmerzes verändert hatte. Er war zu einer Faust geworden, die über ihm schwebte, zu einem Schub, der ihn in unplanbaren Abständen überfiel. Mal erwischte ihn der Schub schon in der Garage, mal am Autobahnkreuz Köln-Nord, mal kurz vor der Schule, dann wieder, wenn er den Klassenraum betrat und die Schüler nichtsahnend und lärmend ihre Plätze einnahmen. Noch nicht einmal der Unterricht vermochte ihn abzulenken. Die Trübsal legte sich wie Mehltau über seine Fragen und Reaktionen, er agierte wie in Zeitlupe, musste sich unablässig selbst über die eigene Schulter blicken und über die Belanglosigkeiten schämen, mit denen er seine Schüler traktierte.
Ralf wusste, dass er das Unglück wie ein Kainszeichen auf der Stirn trug, und jeder seiner Kollegen sah: der stolze Dr. Sani war schwer angezählt und würde möglicherweise bald k.o. gehen. Sogar die Schüler spürten, dass ihrem Lehrer ein unbegreifliches Unglück widerfahren war und duckten sich während des Unterrichts über ihre Texte. Ralf hatte während des Unterrichts das Fenster zum Hof geöffnet und überlegte, ob er sich nicht aus dem dritten Stock in die Tiefe stürzen sollte. Er verwarf den Gedanken wieder. Für den Tod würde es nicht reichen, allenfalls für den Rollstuhl. Das war keine Lösung. Außerdem war es lächerlich, sich wegen Sabrina das Leben zu nehmen. Sie hatte ihm den Dolch in den Rücken gestoßen, warum sollte er nun auch noch freiwillig sterben?
An diesem Nachmittag meldete er bei seinem Rechtsanwalt einen Termin wegen einer Scheidungsberatung an. Danach avisierte er dem Hauseigentümer die bevorstehende Kündigung und rief den Gartenmechaniker an, um zu erfahren, dass der Rasenmäher endlich repariert worden sei und das Gerät wieder einsatzfähig war.
Am frühen Abend meldete sich Karl Schneider, der robuste Broker, und fragte, ob Ralf zur Ü-30-Fete nach Köln kommen wolle. Derzeit gehe bei den Über-Dreißig-Jährigen in der „Kantine“ gewöhnlich die Post ab, da müsse man vor Ort sein und seine Chancen wahren. Ralf war müde, doch da er wusste, dass er noch lange nicht würde einschlafen können, sagte er zu.
Schon kurz nach zwanzig Uhr war die „Kantine“ brechend voll, aber die Frauen waren wie er selbst von der Einsamkeit gezeichnet. Es waren Kettenraucherinnen, Dürre und Dicke, Bohnenstangen und Pygmäen, Blöde und Aufdringliche, und keine war keine darunter, die Ralf nicht an Sabrinas kalte Schönheit erinnert hätte.
Auch Schneider, mit dem er am Tresen stand, blickte missmutig in die Menge. Nach Hunderten von Affären in den letzten Dutzend Jahren, in deren Verlauf er manche Frau hatte gehen lassen, mit der er hätte glücklich werden können, war er zum Geliebten einer Ehefrau herabgesunken, zum Gespielen einer Lehrerin, die sich von ihm tagsüber beschlafen ließ, ehe sie am Abend, wenn ihr Mann nachhause kam, die brave Ehefrau markierte. Diese Frau war noch verdorbener als Sabrina, dachte Ralf, als er Karls Geschichte hörte. Sabrina hat wenigstens das Haus verlassen und die Karten auf den Tisch gelegt. Andererseits war sich Ralf inzwischen ziemlich sicher, dass die entscheidenden Annäherungen lange vor ihrer nächtlichen Flucht aus dem Haus geschehen waren.
Diese Eingebung, eine flüchtige Assoziation während der Erzählungen am Tresen, ließ ihn den ganzen Abend nicht mehr los. Sie verfolgte ihn bis in sein Schlafzimmer, wo er trotz aller Bemühungen Stunde um Stunde wach lag. Ohne sich dagegen wehren zu können, drangen die Bilder in sein Bewusstsein, vor denen er sich am meisten fürchtete. Er sah, wie sich Sabrina nackt in einem Bett räkelte und die Beine spreizte, ihr Liebhaber, dessen Gesicht konturlos blieb, rieb sein Glied an ihrer rasierten Scheide, ehe er es einführte. Er, wer immer es sein mochte, liebte sie zuerst von vorne und dann von hinten, ehe sie auf ihn stieg und ihn so ritt, wie sie früher ihn geritten hatte. Unvermittelt riss der Film, und er realisierte, dass er mit Krämpfen auf dem Boden lag. Ihm war speiübel, und es gelang ihm gerade noch, sich zur Toilette zu schleppen, wo er sich übergab.
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