Als er am nächsten Morgen, lange vor fünf Uhr erwachte, fühlte er sich zu schwach zum Laufen, und als er in den Spiegel blickte, erschrak er vor seinem Gesicht. Seine Wangen waren eingefallen wie bei einem Todkranken. Seine Augen glühten, die Haare lagen ihm strohig auf dem Schädel, und seine Haut war gescheckt und rissig.
„Mein Gott, sehen Sie beschissen aus“, meinte die Nachbarin Frau Droste trocken, als er sie an diesem Morgen vor der Garage traf. „Nehmen Sie es doch nicht so schwer. Das ist keine Frau wert.“
Ralf nickte und ging ins Haus zurück. Ihre Äußerung zeigte, dass sie es gut meinte, aber auch, dass das ganze Dorf bereits im Bilde war. Ihm war die Frau davongelaufen, und alle hatten es mitbekommen.
Nach der Schule fuhr er nach Wipperfürth, um endlich den Rasenmäher abzuholen. Sein Weg führte ihn an der „Oase“ vorbei, doch er widerstand dem Drang, anzuhalten und sich vor ihrer Türe auszuheulen. Sabrina war weder der warmherzige noch der mitleidige Typ. Sich vor ihren Augen zerschmettert zu präsentieren, wäre gänzlich sinnlos gewesen.
Daheim stürzte er sich in die Gartenarbeit, als hinge sein Leben davon ab. Er grub zwei Bäume um, rupfte das Unkraut aus den Fliesenmulden, versorgte den Boden mit Rindenmulch und brachte geschlagene zweieinhalb Stunden damit zu, den verwilderten Rasen auf Vordermann zu bringen. Am Ende sah der Garten so proper aus, dass Ralf hätte heulen können. Nun fehlte nur noch Sabrina, die mit Kaffee und Kuchen aus dem Haus trat und unter dem Apfelbaum den Tisch deckte. Seine Gedankenkontrolle drohte wieder zu versagen, und er begann so akribisch wie möglich den Rasenmäher zu säubern, wobei es ihm nur mit Mühe gelang, Verletzungen zu vermeiden. Denn auch mit seiner Feinmotorik stand es schon lange nicht mehr zum Besten. Er hatte sich schon zweimal empfindlich beim Brotschneiden verletzt, und nach seinen morgendlichen Nassrasuren glich er manchmal einem von schweren Kämpfen gezeichneten Krieger, der nach einer verlorenen Schlacht ins Badezimmer gekommen war. Auch seine wöchentlichen Tennismatches gegen Ulrich entwickelten sich zu regelrechten Desastern. Zwischen den Ballwechsel saß ihm Sabrina im Kopf, während des Aufschlages, musste er daran denken, wie und wie oft sie es in der letzten Nacht in Wipperfürth getrieben hatte. Er hätte heulen und das Racket in hohem Bogen davon schleudern können, stattdessen drosch er mit der Wut des Betrogenen die Bälle ins Aus. „Du bist vollkommen fertig“, bemerkte Ulrich. „Wenn das so weitergeht, müssen wir dich einliefern.“
„Blödsinn, für dich reicht es im Tennis noch allemal“, erwiderte Ralf und wusste, dass er Unsinn redete.
„Hast du noch etwas von ihr gehört?“ wollte Ulrich wissen.
„Nein. Die sehe ich niemals wieder.“
„Doch. Du siehst sie spätestens dann wieder, wenn sie mit ihrem Macker und dem Möbelwagen in Overath vorfährt, um ihre Sachen zu holen.“
Diese locker dahingeworfene Bemerkung ging Ralf den ganzen Nachmittag nicht mehr aus dem Kopf. Dass sie vor seinen Augen das Haus halbleer räumen und zusammen mit ihrem Geliebten ihre Kleider in großen Kisten heraustragen würde, wäre mehr gewesen als er hätte ertragen können. So war er fast froh, als er in Overath alle Parkplätze leer fand. Noch hatte sie fast alle ihre Sachen im Haus, was immer das auch bedeuten mochte.
Als er am nächsten Morgen aufwachte, war er schon darauf gefasst, sofort loslaufen zu müssen. Doch zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er sich relativ ruhig, als er die Katzen fütterte. Wenn er der Badezimmerwaage glauben durfte, hatte sein Gewichtsschwund aufgehört. Seit einer Woche hielt sich sein Gewicht bei 69 Kilogramm, das Gewicht eines tibetanischen Wandermönches kurz vor dem Nirwana.
Die Morgensonne erhob sich über dem Nadelwald, die Luft war so klar und rein, wie das Leben hätte sein können, wenn Sabrina ihn nicht verlassen hätte. Nach seinem Morgenlauf und einem flüchtigen Frühstück fuhr er nach Köln. Schon als er seinen Wagen im Parkhaus abstellte, spürte er, dass sich seine Stimmung schon wieder verdunkelte, und als er auf die Straße trat, war es ihm, als springe ihm der Schub geradewegs ins Gesicht. Er hätte zappeln können wie eine verrückt gewordene Marionettenfigur, er hätte schreien können wie ein Sterbender, doch er rannte mit dem Gesicht eines Gekreuzigten durch die Einkaufsstraßen, stolperte über seine eigenen Füße und stieß mit Passanten zusammen, die ihn rüde zurechtwiesen. Irgendetwas musste geschehen, wenn er nicht in der nächsten halben Stunde ohnmächtig zusammenbrechen wollte. Voller Unruhe und Not umkreiste er bei Karstadt eine bildschöne dunkelhaarige Frau, die sich am Krabbeltisch einige preiswerte Kochbücher aussuchte. Sie bemerkte sein Näherkommen und blickte ihn abwehrend an. Die Nachricht war klar: Mach dass du fortkommst, du Wrack!
Er lief durch die Schuhabteilung, wo er nur dicke Frauen sah, die ihre klobigen Füße in viel zu kleine Schuhe zwängten, passierte die Möbeletage, wo ihn all die glücklichen Ehepaare deprimierten, die ihre Aussteuer verplanten, ehe er in der Esoterikabteilung neben einer drallen Blondine zu stehen kam, die ein Buch nach dem nächsten in die Hand nahm.
„Sie suchen bestimmt ein geeignetes Geschenk für einen Esoterikfreund“, sagte er, ohne groß zu überlegen. Seine Stimme hörte sich an, als spräche er mit einem Blecheimer über dem Kopf.
„Ne, eigentlich suche ich ein Geschenk für einen historisch interessierten Freund“, gab sie zurück.
Mein Gott, wie unlogisch, dachte sich Ralf und merkte, wie er rasend wurde. Wenn sie etwas Historisches sucht, warum treibt sie sich dann in der Esoterikabteilung herum? Am besten wäre es jetzt, sie in die Sachbuchabteilung zu lotsen und ihr den neuen Scholl-Latour zu empfehlen. Doch sie machte nicht den Eindruck, dass er mit seiner Belesenheit vor ihr reüssieren konnte. Er war so leer und ausgebrannt, dass er nichts außer ein diffuses Grinsen zustande brachte und säuselte: „Aber ich suche ein Geschenk für eine Freundin mit großem Interesse an esoterischen Themen. Können Sie mir da vielleicht einen Rat geben?“
Die Blondine war kompakt, aber nicht schlecht gebaut. Etwas Entschiedenes ging von ihr aus, wahrscheinlich hatte sie daheim drei Kinder und einen Kerl sitzen, mit dem sie in den Ferien auf der Harley Davidson durch Arizona düste. Und nun belästigte sie ein Weichei wie Ralf mit diesem Esoterikscheiß. Sie hob den Kopf und blickte ihn kurz an, ehe sie das Gesicht wieder abwandte. Ralf schoss das Blut in den Kopf, denn er hatte in ihren Augen gesehen, was er für ein armes Würstchen war. Unglücklich und abgemagert, unwitzig und ängstlich schlich er durch die Gegend und belästigte stattliche Frauen, denen es vor Erscheinungen wie ihm nur gruseln konnte. Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, wandte sich die Blondine um und ging.
Das war eine so schallende Ohrfeige, dass sie Ralf für einige Minuten betäubte. Beschämt und mit hochrotem Kopf verließ er den Ort seiner Schande, lief wie ein geprügelter Hund über Hohe Straße und Schildergasse und getraute sich nicht mehr, einer Frau in die Augen zusehen.
Er war kurz davor, laut aufzuheulen, da klingelte das Handy. Es war Helene, die Gute, die ihn nicht vergaß, und die aus Düsseldorf anrief, um ihm einen gemeinsamen Abend vorzuschlagen. „Komm vorbei, du Trauerkloß, wir schauen uns einen Film an, saufen eine Flasche Wein und gehen dazwischen ein wenig futtern. Was hältst du davon?“
Wusste der Geier, was sie an einem Samstagabend dazu veranlasste, ihm ein solches Angebot zu machen. Wahrscheinlich lag Rudolf, ihr schwieriger Geliebter, wieder abgefüllt in der Nachbarwohnung.
„Großartig“, antwortete Ralf. „Ich wüsste nicht, was ich heute Abend lieber täte. Ich bin in einer guten Stunde bei dir.“
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