Er hatte inzwischen den Domvorplatz erreicht und setze sich für einige Minuten auf die Brüstung des römischen Atriums. Schwule Ledermänner, japanische Touristen, Liebespaare und Liebeskranke gingen vorbei, von der Frühlingssonne beschienen und den Geräuschen der Großstadt umtost, und er saß wie ein Kümmerling auf der Brüstung. Seine ganze Existenz lag in Scherben, sie war zu einem Puzzle sinnloser Aktivitäten verkommen, einem manischen Gemenge aus Joggen, Leiden, Frauenanlabern und Cabriofahren, das nur einem einzigen Zweck diente: dem Schmerz zu entgehen. Wie hatte ihn dieses Miststück nur derart hinter das Licht führen können? Warum hatte diese Dreckschlampe nicht mit offenem Visier gekämpft? Warum war sie nicht einfach nur in eine andere Wohnung gezogen, wenn sie Abstand gewinnen wollte? Aber nein, sie musste sich im Eiltempo die Scham rasieren und sich einen neuen Vögler zulegen, der die bodenlose Angst ihrer Seele mit seinem Schwanz ausstopfte. Saubiest, dachte er, als er den Domplatz verließ und zu seinem Wagen ging. Eines Tages werde ich dir das heimzahlen.
Als er bei Helene ankam, hatte sein Zorn weiter zugenommen. Ralf ließ es zu, weil er merkte, dass der Zorn den Schmerz zurückdrängte. „Dieses Dreckstück soll der Teufel holen“, brüllte er, als Helenes Wohnung betrat und sofort zum vollen Weinglas griff, mit dem sie ihn empfing. Er trank das Glas in einem Schluck leer und lief wie ein Tiger durch die Wohnung. „Ich wünsche ihr die Pest an den Hals“, schrie er und war kurz davor, das gute Glas an die Wand zu werfen. „Ich will sie im Dreck sehen, um ihr noch einen Tritt versetzen zu können“, geiferte er. „Ich will sie verrecken sehen, diese treulose Schlampe.“
„Ja, ja“, sekundierte Helene, die gut gestylt auf einem antiken Stuhl saß und seinen Wutausbruch beobachtete. „Lass´ alles raus, sag was dir einfällt. An welches Tier erinnert sie dich?“
„An eine Schlange, aber eine, die ihre Opfer nur von hinten angreift“, antwortete Ralf. „Nein, an eine Ratte, die im Verborgenen wühlt.“
„Wie sieht ihre Zukunft aus?“ rief Helene. „Los, sag es mir.“
„Sie wird in ein paar Jahren in einer Dachmansardenwohnung elend verrecken, einsam und pleite, weil keiner sich mehr für ihren Arsch interessiert“, schimpfte Ralf. „Die Haare werden ihr ausfallen und sie wird mit einer Glatze durch die Gegend laufen.“
„Wird sie noch Geld haben, sich eine Perücke zu kaufen?“
„Nein, natürlich nicht“, erwiderte Ralf und musste lachen.
Der Wein entfaltete seine Wirkung, der Auftritt hatte ihn entlastet, und er schlug Helene vor, etwas essen zu gehen. Nicht nur das Heulen, auch das Schimpfen half also gegen übermäßigen Schmerz, ganz abgesehen von Helene, die hübsch, heiter und ausgeglichen beim Italiener neben ihm saß. Vielleicht war sie die Antwort auf seine Not, doch sie war noch mit Rudolf involviert, und auch er war sich nicht ganz sicher, was er wollte.
Nach dem Essen gingen sie in ihre Wohnung zurück und sahen sich den Spätfilm an. In der Nacht schliefen sie im gleichen Bett, ohne dass irgendetwas geschah. Er lag hinter ihr und hielt sie in der Löffelchenstellung umfangen und war ein Baby, das nichts weiter wollte als Nähe und Geborgenheit. Als er mitten in der Nacht aufwachte, sah er Helene neben sich liegen, und es war keinerlei Schmerz in ihm. Er konnte frei atmen und es war ihm, als hätte er einen Bezirk betreten, in dem seine Not keine Macht mehr über ihn hatte.
Als er am nächsten Vormittag nach Hause kam, hatte ihn der Schmerz schon wieder eingeholt, und obwohl er sich elend und müde fühlte, blieb ihm nichts anders übrig, als seine Sportsachen anzuziehen und loszulaufen. Diesmal lief er die längste Strecke, die er seit Sabrinas Auszug jemals gelaufen war, und er merkte, wie der Druck mit jedem Schritt, den er sich vom Haus entfernte, nachließ. Er lief zunächst seine übliche Route durch ganz Overath, dann hinunter in das Tal von Unterbach, erreichte den Fluss, den See und das Waldrestaurant und lief die gesamte Durchgangsstraße zurück, bis er am Eingang des Hauses vor Entkräftung zusammenbrach.
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