Wozu und für wen hatte Ralf die roten Kladden geschrieben? Hatte er einfach nur festhalten wollen, was mit ihm geschah? Hatte ihn der Akt des Schreibens Erleichterung verschafft, weil er sich im Augenblick des Schreibens von sich selbst distanzierte? Hatte er deswegen von sich selbst in der unpersönlichen dritten Person geschrieben? Und wann hatte er diese Kladden verfasst? Sicher nicht sofort, dafür muss seine Erschütterung zu groß gewesen sein, möglicherweise hatte er seine Aufzeichnungen immer erst einige Tage später zu Papier gebracht.
Hatte er streng dokumentiert oder das eine oder andere hinzugedichtet? Wie zuverlässig war seine Darstellung? Ein Argument für Ralfs Wahrhaftigkeit bestand in der völligen Ahnungslosigkeit, die aus seiner Darstellung sprach. Er stellte sich selbst in seinen Kladden lauter Fragen, auf die er keine Antwort wusste, und er handelte spontan und unüberlegt. Denn es wäre sicher besser gewesen, an dem entscheidenden Wochenende, an dem er von Sabrina verlassen wurde, einfach den Tag in Ruhe vergehen zu lassen und Sabrina die Szene zu ersparen, als sie am Abend ins Haus zurückkehrte. Vielleicht hätte Sabrina ihn gar nicht verlassen, wenn Ralf nicht wutentbrannt nach Düsseldorf gefahren wäre. Hatte sie in diesem Augenblick nicht annehmen müssen, Ralf wäre zu einer anderen Frau gefahren, einer Geliebten, die er in den Zeiten der Krise planmäßig aufgebaut hatte und gegen die sie nun einfach ausgetauscht werden sollte? Ich konnte mir auf diese Fragen ganz unterschiedliche Antworten vorstellen und wollte mehr wissen, als Ralf in der entscheidenden Nacht hatte wissen können, ehe ich weiter las - und wenn ich dazu Freundinnen und Freunde befragen musste, die Ralf damals aus nächster Nähe erlebt hatten.
Als ich spätabends wieder in die Wohnung kam, lagen die roten Kladden noch immer auf dem Tisch. Ich durchblätterte noch einmal die erste Kladde und fand die Stelle, in der Ralf von Birgit erfuhr, dass ein anderer Mann hinter Sabrinas Verschwinden steckte. Birgit musste also von Anfang an mehr gewusst haben, sie war längst eingeweiht gewesen, als Ralf noch im Dunkeln tappte.
Am nächsten Morgen griff ich als erstes zum Telefon und rief in Overath an. Birgit war sofort am Apparat, und es dauerte eine Weile, ehe sie mich einordnen konnte, denn immerhin war die Geschichte von Ralf und Sabrina schon Jahre her, und mich kannte sie überhaupt nicht. Aber sie erinnerte sich sehr lebhaft an Ralf und Sabrina und zeigte keinerlei Zurückhaltung, über die beiden zu reden. Sie duzte mich sofort, und ich ging darauf ein.
„Ich besitze den gesamten Nachlass von Ralf“, erklärte ich, „und ich habe angefangen, ein wenig in seinen Tagebüchern zu lesen. Nach diesen Aufzeichnungen wart ihr nicht nur Nachbarn, sondern auch befreundet.“
„ Befreundet ist vielleicht ein wenig viel gesagt“, gab Birgit zurück. „Ich habe sie übrigens seit damals weder gesehen noch gesprochen.“
„Ich würde dir gerne einige Fragen dazu stellen. Meinst du, ich könnte mal herauskommen und mit dir persönlich sprechen?“
„Ist das nicht dafür schon zu lange her? Lohnt das denn überhaupt noch?“
„Das stimmt, es ist schon fast zwei Jahre her, aber für mich ist es wichtig. Es dauert auch nicht lange. Würdest du mir diesen Gefallen tun?“
„In Ordnung – kannst du am nächsten Sonntagnachmittag rauskommen?“
Ich stimmte zu, bedankte mich und legte auf.
Am Sonntag fuhr ich schon zur Mittagszeit nach Overath. Der Zufahrtsweg, den ich damals zu Sabrinas und Ralfs Hochzeit gefahren war, war schnell gefunden, und auch die Fleischerei von Birgit und Klaus-Peter erkannte ich sofort.
Als ich den Wagen abstellte, sah ich, dass sich das Haus, in dem Ralf und Sabrina gewohnt hatten, kaum verändert hatte. Es war ein von der Straße zurückgesetztes Gebäude mit einer großen Pinie gleich neben dem Eingang und einem Tor, dessen Gitter von Rosensträuchern durchwirkt waren. Noch immer stand das Haus im Schatten eines imponierenden Tannenwaldes, der gleich hinter dem großen Garten begann.
Als ich näher an das Haus heranging, um einen Blick in den Garten zu werfen, traf ich auf einen weißhaarigen Mann, der sich an einem Blumenbeet zu schaffen machte. Er musste über weit über sechzig sein, wirkte aber noch rüstig, als er sich erhob. „Kann ich Ihnen helfen? Suchen Sie jemanden?“ fragte er.
„Ich bin mehr zufällig hier. Wenn ich mich nicht irre, hat hier bis vor zwei Jahren das Ehepaar Sani gewohnt“, begann ich zögernd.
„Das stimmt. An die beiden kann ich mich sehr gut erinnern“, antwortete der Alte, der sich als der Hausbesitzer vorstellte.
„Ist das Haus vermietet?“ wollte ich wissen.
„Nein, zurzeit nicht. Die Mieter sind vor einem Monat ausgezogen, es waren übrigens die Nachmieter von Sanis“, erwiderte der Hauseigentümer, um nach einer kurzen Pause den Kopf zu schütteln und hinzuzufügen. „Es ist schon merkwürdig. Mit diesem Haus scheint kein Glück verbunden zu sein.“
„Wieso meinen Sie das?“
Der alte Mann, von dem ich nun erkannte, dass er schon an die Siebzig sein musste, stützte sich nun wieder auf seinen Spaten und blickte durch das Tor in den Garten. „Ich habe dieses Haus vor über fünfunddreißig Jahren für mich und meine Frau gebaut. Noch vor der Fertigstellung des Hauses ist meine Frau gestorben.“
„Das tut mir leid.“
„Danach wohnte eine englische Familie in diesem Haus, bis ihre Kinder so krank wurden, dass sie wieder zurück auf die Insel gingen. Und wie es mit den Sanis ausgegangen ist, wissen sie ja wahrscheinlich“, erzählte der Hauseigentümer. „Und die Rolkmanns, die nach den Sanis ins Haus gezogen sind, haben sich auch vor einem halben Jahr getrennt.“
„Aber ich hoffe, Birgit und Klaus-Peter Ottmich leben noch im Nachbarhaus und sind auch noch zusammen?“ fragte ich. Zwei Jahre waren eine lange Zeit, die beiden konnten sich inzwischen genauso getrennt haben wie so viele andere Paare.
„Ach, die Ottmichs? Ja, die beiden wohnen noch hier. Sie kennen sie?“
„Nein, nicht wirklich, aber ich wollte sie gerade besuchen.“
Kurz darauf schellte ich im Wohnhaus gleich neben der Metzgerei, und eine mittelgroße Frau öffnete die Türe. „Da bist du ja“, sagte sie, ohne dass ich mich vorgestellt hätte und gab mir die Hand. Birgit hatte große Augen, eine frische Gesichtsfarbe, und ein gewinnendes Lachen, mit dem sie mich ins Haus bat. Hinter ihr wurde ihr Mann Klaus-Peter sichtbar. Das Auffälligste an ihm war seine Pfirsischapfelhaut und sein grauer Schopf über einem runden Gesicht. Ein furchteinflößender irischer Wolfshund lag neben dem Herd und blickte mich abwartend an. Hinter ihm kam eine Schäferhündin angetrabt und begann an meinem Hosenbein zu schnüffeln. „Das sind Mister Meier und Miss Ellie, die sind friedlich“, besänftigte mich Birgit.
Birgit hatte den Kaffeetisch gedeckt, und während Klaus-Peter den Kuchen auf die Teller schob, erzählte ich Birgit, dass ich Sabrina wieder gesehen habe, ohne dass sie mich erkannt hätte. Als ich ihr von der zufälligen Entdeckung der Kladden berichtete, nickte sie und zündete sich eine Zigarette an. Schließlich sagte sie: „Und was willst du von mir wissen?“
„Ich lese gerade zum ersten Mal Ralfs Aufzeichnungen aus der damaligen Zeit, und mir sind einige Dinge nicht ganz klar. Wie hat zum Beispiel deine Freundschaft zu Sabrina begonnen?“
Birgit nahm einen Schluck und überlegte. „Das ist nun wirklich schon eine Zeit her. Wie war das eigentlich?“ sinnierte sie. „Ich glaube, wir lernten uns über die Hunde kennen. Sabrina hatte sich anderthalb Jahre vor dem Ende ihrer Ehe Schnöfy angeschafft, und da blieb es nicht aus, dass wir uns bei den Hundespaziergängen im Wald trafen. Außerdem war ich neu im Ort, ich hatte damals gerade Klaus-Peter kennen gelernt, war hier eingezogen und suchte Anschluss bei den Nachbarn. Von Ralf war ja nie was zu sehen, der fuhr morgens los, kam mittags wieder und verschwand in seinem Arbeitszimmer.“
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