Inzwischen war es Nachmittag geworden, die Wolken hatten sich verzogen und ein strahlender Himmel wölbte sich über dem Bergischen Land. Es war Kaffeezeit, und vielleicht konnten sie, wenn Sabrina bald aus Wipperfürth zurück käme, mit dem Cabrio zur Talsperre fahren und ein wenig spazieren gehen.
Doch die Stunden vergingen, und Sabrina kam nicht. Ralf kehrte die Terrasse, fütterte die Tiere, räumte Schlafzimmer und Wohnzimmer auf und begann mit der Aussortierung der Sachen, die sie mit in die Türkei nehmen würden. Seit Weihnachten hatten sich ihre Konflikte in einer Weise radikalisiert, die er sich früher nicht hätte vorstellen können. Die tränenreichen Versöhnungen am Ende früherer Konflikte gehörten schon längst der Vergangenheit an. Vor zwei Monaten hatte sie nach einer besonders galligen Auseinandersetzung nicht mehr seine Nähe gesucht, sondern sich ihr Bettzeug gegriffen, um auf der Galerie zu schlafen. Seitdem schliefen sie getrennt. War das nicht das ideale Bühnenbild für das Erscheinen eines Liebhabers? Es waren schon Ehen nach moderateren Krisen auseinander gebrochen. Ralf schüttelte den Kopf, als befände er sich nicht allein im Haus. Das konnte er sich nicht vorstellen. Einen Dritten hineinziehen, um einer Ehekrise auszuweichen, war unter ihrem Niveau. Gerade das niemals zu tun, hatten sie sich bei ihrer Heirat in die Hand versprochen.
Aber wo blieb sie? Vielleicht war etwas passiert? Ein Unfall, ein Überfall? Sie war in Gefahr, und er hockte im Garten und unternahm nichts. Aber er verwarf den Gedanken sofort wieder. Wenn etwas geschehen wäre, würde man ihn benachrichtigen. Ralf glaubte weder daran, dass sich seine Frau auf Abwegen befand noch dass ihr etwas zugestoßen war – dass sie ihn den ganzen Tag ohne jede Nachricht warten ließ, war ganz einfach nur eine Unverschämtheit, ein Ausfluss jener Rücksichtslosigkeit, die ihnen schon seit Monaten den Alltag verbiesterte.
Mit jeder Stunde, die der Tag verstrich, verschlechterte sich seine Stimmung, und er wunderte sich, wie reibungslos Larmoyanz und Zorn ineinander übergehen können. Sie ließ ihn warten – nun gut, er würde sie auch warten lassen! Sie sollte nachhause kommen und ein leeres Haus vorfinden, denn er wusste: in einem leeren Haus zu warten, gehörte zu den Dingen, die Sabrina am allerwenigsten ertragen konnte. Diese Lektion hatte sie heute verdient. Er würde ohne sie essen gehen, und sie würde bis spät in die Nacht ebenso auf seine Rückkehr warten müssen wie er jetzt.
Er beschloss, Helene anzurufen, eine ehemalige Freundin, mit der er lange vor Sabrinas Zeit einige Monate zusammen gewesen war. Helene anzurufen, hatte etwas Perfides, das ihm in dieser Stunde des Zorns gut gefiel. Denn Helene verkörperte für Sabrina das Böse schlechthin, sie war die Inkarnation der erbärmlichsten Devotion, eine Kreatur, die nur existierte, um ihr ihren Ralf auszuspannen. Helenes bloße Existenz war vom ersten Tag ihrer Ehe an Anlass unzähliger Eifersuchtsszenen gewesen, bis Ralf schließlich, der Streitigkeiten müde, den Kontakt zu Helene abgebrochen hatte. Aber heute Abend sollte der Kontakt wieder aufgefrischt werden. Daran war Sabrina selbst schuld!
Als hätten nicht zwei Jahre Funkstille zwischen ihnen geherrscht, rief Ralf bei Helene an. Sie meldete sich kaum überrascht, als hätte sie über kurz oder lang diesen Anruf erwartet und willigte ein, mit ihm noch am gleichen Abend in Düsseldorf essen zu gehen. So einfach war das also? Ralf wunderte sich und machte sich zum Aufbruch bereit.
Er wollte gerade das Haus verlassen, da kam Sabrina zur Türe herein. Sie sah angespannt aus, denn sie erwartete eine Szene.
„Sag mal, wo kommst du jetzt her? Und warum rufst du nicht an?“
„Wieso? Ich habe doch gesagt, dass ich später komme. Ich war auf der Oldtimermesse in Düsseldorf.“
„Welche Oldtimermesse? Du hattest gesagt, das du nach dem Geschäft nur noch ein wenig shoppen und dann nachhause kommen wolltest.“
„Ich habe es mir eben anders überlegt – na und?“ gab sie zurück und ging an ihm vorbei …
„Na prima“, rief er ihr hinterher. „Ich aber esse heute Abend alleine. Vor Mitternacht komme ich nicht zurück.“
Er fuhr nach Düsseldorf und führte Helene zum Essen aus. Sie war die Blondine mit den Katzenaugen und den makellosen Zähnen geblieben, auch ihr Auftreten hatte sich nicht verändert. Sie begrüßte ihn, als hätte sie ihn gestern zum letzten Mal gesehen, war mitteilsam und heiter und erkundigte sich mit großer Anteilnahme nach dem Zustand seiner Ehe. Dass er sie vor anderthalb Jahren wie ein überflüssiges Utensil aus seinem Bekanntenkreis gestrichen hatte, schien sie ihm nicht übel zu nehmen. „Das habe ich erwartet“, sagte sie. „Auch dass du eines Tages anrufen würdest, war klar. Die Dinge waren bei euch beiden sehr durchschaubar.“
Ralf trank seinen Rotwein und fragte sich, ob sie Recht hatte. Nein, so klar war das nicht gewesen. Der Anfang, den er mit Sabrina erlebt hatte, war eine verzauberte Zeit gewesen, in der ihm plötzlich all das, wonach er sich so lange gesehnt hatte, scheinbar mühelos in den Schoß gefallen war. Fast tat es ihm leid, dass Sabrina nun alleine zuhause sitzen musste. Er wusste doch, wie ängstlich sie werden konnte, wenn sie gegen ihren Willen allein sein musste. Sie war bisher jedes Mal, wenn er gedroht hatte, nach einem Streit das Haus zu verlassen, in Panik ausgebrochen, so dass er sich fragte, ob seine Reaktion auf ihr spätes Heimkommen nicht überzogen gewesen war. Auch wenn er es sich nicht eingestehen wollte, merkte er, dass die Unruhe, die ihn schon seit dem frühen Nachmittag erfüllte, immer weiter zunahm, und als sie beim Nachtisch angekommen waren, wusste er, was er wollte: er wollte nachhause.
Helene verabschiedete ihn mit einem Wangenkuss. „Meld´ dich mal“, sagte sie.
Er stieg in den Wagen und fuhr zurück nach Overath.
Als er lange nach Mitternacht das Haus betrat, war sie nicht da. Er sah die Spuren schnell zusammengerafften Einpackens, der Kleiderschrank stand auf, Kosmetiksachen fehlten, auch einige Paar Schuhe hatte sie mitgenommen. Ralf sah es und konnte es nicht fassen.
Sie war weg.
Nachdem er durch das ganze Haus gelaufen war, fand er neben dem Telefon einen Zettel. „Es ist Zeit, den Dingen nicht mehr auszuweichen“, las er. „Du kannst mich unter meiner Handy-Nummer erreichen. Sabrina.“
Das Handy aber war abgestellt.
Er öffnete eine Flasche Rotwein und goss den Alkohol in sich hinein. Die Katastrophe war da. Sabrina war bei einem anderen Mann, beim Pharmareferenten, beim Waschbär, beim Oldtimerspezialisten oder bei einem anderen ihrer zahlreichen Verehrer - was wusste er?
Stundenlang lief er durch das Haus und durchsuchte die Räume nach Zeichen und Hinweisen, von denen er selbst nicht wusste, wie sie hätten aussehen sollen. An Schlaf war ohnehin nicht zu denken. Als er sich endlich ins Bett legte, lag er mit brennenden Eingeweiden auf der Matratze wie auf einem Rost und schreckte bei jedem Geräusch hoch. Seine Sinne waren bis zum Zerreißen gespannt, und mehr als einmal stürzte er in sein Büro, weil er glaubte, dort das Klingeln des Telefons gehört zu haben.
Was für eine lächerliche Idee, sie durch seine Abwesenheit am Samstagabend strafen zu wollen! Wahrscheinlich hatte er sie durch diese Aktion erst dazu getrieben, das Haus zu verlassen. Er wusste doch, wie misstrauisch sie war, dass sie immer nur das Schlimmste befürchtete. Erst die Befürchtung, ihr Ehemann befände sich im Bett einer anderen Frau hatte sie in die Arme irgendeines Liebhabers getrieben. So musste es gewesen sein. Was war er nur für ein Idiot!
Die Morgendämmerung setzte ein. Sanftes Licht illuminierte die Blumenbeete im Garten, ein Bilderbuchtag stand ins Haus. Ralf dröhnte der Kopf, und seine Hände zitterten, als er sich die Jogginghose überzog, um seine Unruhe durch einen Langlauf zu betäuben. Doch er war in den fetten Jahren seiner Ehe so schlapp geworden, dass er nicht mehr zustande brachte, als sich wie ein krankes Tier durch den Wald zu humpeln.
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