Ich blieb im Café sitzen und nahm einen Mokka. In der Zeitung las ich eine Geschichte über einen Mann, der seine Frau angezündet hatte, weil sie ihn wegen eines anderen Mannes verlassen wollte. Sie hatte überlebt, und er war für drei Jahre im Gefängnis verschwunden. Als er entlassen worden war, hatte ihn sein erster Weg wieder zu seiner ehemaligen Frau geführt, die sich inzwischen von ihm hatte scheiden lassen, und er hatte sie niedergestochen. Sie hatte wieder überlebt, und er musste für weitere zehn Jahre hinter Gittern. Nun stand seine Entlassung bevor, und seine Frau war untergetaucht, weil sie sicher war, dass er es ein drittes Mal und diesmal vielleicht erfolgreich versuchen würde.
Es begann zu regnen, ich zahlte und fuhr in meine Wohnung zurück. Andrea aus Bremen hatte angerufen, sie hatte an diesem Wochenende Zeit, außer der Reihe nach Köln zu kommen. Ihre Stimme auf dem Anrufbeantworter klang warm und herzlich. Ich beschloss, morgen zurückzurufen.
Die Begegnung mit Sabrina ging mir nicht aus dem Sinn, und vielleicht war das der Grund, dass ich an diesem Abend noch einmal in den Keller ging, in dem ich seit fast zwei Jahren Ralfs Manuskripte und Datenträger aufbewahrte. Ralf war ein manischer Sammler gewesen, ein Chronist seiner selbst, der seit seiner Schulzeit Tagebücher, Fotoalben und Diamagazine so akribisch gesammelt hatte, dass ein Forscher mit dem vorliegenden Material eine lückenlose Biografie von der Tanzschule bis zur Ehe hätte verfassen können. Alle Banalitäten und Höhepunkte seines Lebens waren in Dutzenden Ordnern festgehalten worden, säuberlich durchorganisiert wie das Itenear einer Existenz, dessen Höhen und Tiefen schon nach wenigen Jahren niemanden mehr interessieren würde. Ich nahm einige Ordner aus dem Kellerschrank, durchmusterte Korrespondenzen aus längst vergangenen Zeiten, fand einen Brief von mir, den ich ihm vor vielen Jahren geschrieben hatte und in dem ich ihm zu seinem Examen gratulierte, ich las Namen, die ich überhaupt nicht kannte, und entdeckte Kopien seiner Ummeldungen, Ablichtungen seines Abiturzeugnisses und schließlich sogar das Original seiner Heiratsurkunde.
Als ich die Ordner, in denen ich geblättert hatte, wieder in das Regal zurückstellen wollte, entdeckte ich eine Art Schuhkarton, der offenbar beim Einräumen hinter die Ordner gerutscht war und an den ich mich überhaupt nicht mehr erinnern konnte. Wahrscheinlich war auch er angefüllt mit den gleichen Memorabilia, die letztendlich auf einer Mülldeponie landen würden, denn ich wusste nicht mehr, warum ich all diese Überreste vor knapp zwei Jahren so komplett in meine Kellerschränke eingeräumt hatte.
Als ich den Karton aus dem Schrank herausnahm und öffnete, erwartete mich eine Überraschung. Neben zwei leeren Schreibblöcken fand ich vier schwarzrot geränderte Kladden, die so klein und handlich waren, dass sie in die Brusttasche eines Freizeithemdes passten. Ich sah, dass sie durchnummeriert waren, die beiden dünnsten Bände trugen die Nummern I und IV, die beiden umfangreicheren Kladden waren mit den römischen Ziffern II und III gekennzeichnet. Als ich sie öffnete, erkannte ich Ralfs gut leserliche Handschrift, in der die linierten Seiten der Kladden vollgeschrieben waren, und je mehr ich in diesen Kladden las, desto größer wurde mein Erstaunen. Ich hielt nicht mehr und nicht weniger als Ralfs handschriftliche Aufzeichnungen aus seinem letzten Ehejahr in Händen - ungelesen und unentdeckt war es nur jener seltsamen Verkettung der Ereignisse dieses Tages geschuldet, dass ich sie entdeckt hatte. Merkwürdigerweise gab es kaum Durchstreichungen und Korrekturen, als hätte er den Text auf der Grundlage eines Urtextes geschrieben, von dem sich aber keine Spuren fanden. Außerdem hatte er seine Aufzeichnungen in der dritten Person verfasst – so skurril es auch klingen mag, er schrieb von sich selbst in distanziert wie ein Insektenforscher, und noch nicht einmal seiner Schrift war irgendeine Ergriffenheit anzumerken.
Ich packte alle Ordner und Unterlagen wieder in die Kellerschränke, nahm aber die vier Kladden mit in mein Arbeitszimmer, wo ich sie nebeneinander auf meinen Schreibtisch platzierte. Wie merkwürdig, dass ich gerade heute auf Ralfs Aufzeichnungen gestoßen war, genau an dem Tag, an dem ich Sabrina zufällig in der Stadt gesehen hatte. Andererseits hätte ich überhaupt nicht mehr in Ralfs Unterlagen nachgeforscht, ohne Sabrina vorher in Wipperfürth gesehen zu haben. Was war hier Ursache, was war Folge? Je stärker ich mir diese Fragen stellte und über den vergangenen Tag nachdachte, desto mehr wuchs mein Wunsch, Ralfs Sichtweise seines Unterganges kennen zu lernen. Ich nahm die erste Kladde zur Hand und begann zu lesen.
Die erste Kladde
Sie hatten an diesem Morgen länger als gewöhnlich geschlafen, Sabrina auf der Galerie und er im Ehebett, und als er aufgewacht war, hatte er aus alter Gewohnheit den Milchkaffee zubereitet. Sabrina öffnete die Augen, als sie den Kaffeeduft roch. Sie hatte noch weiter abgenommen, ihr Gesicht wirkte ausgezehrt, was die Ausdruckskraft ihrer Augen verstärkte.
Ralf wusste, dass es keinen Sinn mehr hatte, sich etwas vorzumachen. Sie standen vor den Trümmern ihrer Ehe. Seit Wochen sprachen sie offen von Trennung, und erst nach langem Zögern hatten sie sich entschlossen, über Ostern noch einmal gemeinsam in Urlaub zu fahren. Übermorgen würde die Reise beginnen, und Ralf war froh, dass sie ihrer Ehe wenigstens diese letzte Chance geben wollten.
„Wann wollen wir packen?“ fragte Ralf. „Schaffen wir das heute Abend?“ Er hatte sich mit seinem Kaffee auf die andere Seite der Schlafcouch gesetzt und blickte sie an.
Sie schaute aus dem Fenster. „Kein Problem“, antwortete sie. „Außerdem haben wir doch auch noch morgen Zeit. Wann geht eigentlich das Flugzeug?“
„Am Montag in aller Frühe“, gab er zur Antwort.
Sie hatte einen Schluck Kaffee genommen und blickte ihn an. „Du hast doch sicher nichts dagegen, wenn ich heute nach dem Geschäft noch ein wenig durch die Stadt bummele? Ich komme auf jeden Fall am frühen Nachmittag nachhause“, sagte sie beiläufig.
„Vielleicht habe ich Lust mit zu bummeln?“
Sie lächelte. „Du und mitbummeln? Hast du vielleicht Lust, dir Röcke und Kostüme anzusehen? Lass lieber mal. Wir können dann ja noch am Nachmittag ein wenig raus fahren, wenn das Wetter schön wird.“
Ein Geräusch ertönte. Schnöfy der Hund war erwacht, reckte und streckte sich, um sofort zu Frauchen zu laufen. Er war der Rüde im Haus, der ganz und uneingeschränkt geliebt wurde. Für die Urlaubswoche war Schnöfy in einer Hundepension angemeldet, die vier Katzen des Hauses würden von Birgit versorgt werden, einer Freundin, die im Nachbarhaus wohnte.
„Wenn du mit der Zeit knapp bist, kann ich den Hund in die Pension bringen“, schlug Ralf vor.
„Nein, das mache ich selbst. Ich habe heute Morgen nur eine Behandlung. Das schaffe ich locker.“
Zwei Stunden später verließ sie das Haus. Ralf setzte frischen Kaffee auf und griff zur Zeitung. Leider war die Brille nicht zu finden, die guten Gleitsichtgläser waren spurlos verschwunden, und so sehr er auch das ganze Haus absuchte, sie waren nicht mehr aufzutreiben. Vielleicht hatte er sie im Wagen liegen lassen, doch auch eine Durchsuchung des Fahrzeuges erbrachte keinen Fund. Die Brille blieb verschwunden, und schon nach wenigen Minuten legte Ralf die Zeitung genervt zur Seite. Die Buchstaben waren einfach zu klein für eine entspannte Lektüre.
Mittags aß er ragout fin , ein Gericht, das Sabrina bereits gestern für ihn vorgekocht hatte. Es schmeckte gut wie alles, was seine Frau zubereitete. Die eheliche Krise hatte seine Versorgung bisher nicht beeinträchtigt. Sogar einen Nachtisch für ihn hatte sie vorbereitet.
Ralf öffnete das Fenster und blickte auf den Garten des Hauses. Sabrina war weit über ihre Kräfte hinaus belastet, das war der Hauptgrund für die schleichende Eskalation ihrer Ehekrise. Sabrina war die Inhaberin der „Oase“, eines kleinen Kosmetik- und Modegeschäftes in Wipperfürth, für das sie sechs Tage die Woche von frühmorgens bis spätabends arbeitete, ohne dass hinreichend Geld in die Kasse kam. Aber das war egal, denn sie hing an diesem Geschäft mit der Leidenschaft einer Kämpferin, und wer auch nur ansatzweise den Gedanken äußerte, die „Oase“ wegen ihrer Unrentabilität zu schließen, musste mit ihrer dauerhaften Ungnade rechnen. Und ihr Zorn konnte fürchterlich sein. Im Zustand der Wut erwuchs ihr eine Eloquenz und Schlagfertigkeit, über die sie ansonsten nicht verfügte. Mit einer überraschenden Bedenkenlosigkeit in der Wahl ihrer Worte machte sie jeden zur Schnecke, der ihr in dieser Frage in die Quere kam. Auch ihn hatte sie bei dergleichen Auseinandersetzungen von Anfang an so vollständig überrollt, dass er es sich abgewöhnt hatte, zu widersprechen. Dann würde er die „Oase“ eben weiter subventionieren, daran sollte seine Ehe nicht scheitern.
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