Die Jool befand sich auf dem Weg zu einem der äußersten von Menschen besiedelten Planeten, Arion III. Es gab verschiedene Sprungpunkte, die sie nutzen konnte. Wegen der vergleichsweise großen Zahl von Hyperkristallen in ihrem Triebwerk war die Raumyacht nicht gezwungen, im Zickzack dem offiziell freigegebenen Kurs zu folgen.
Koumeran runzelte die Stirn. „Gibt es etwas Besonderes an dieser Sonne?“
„Ich weiß es nicht“, gab Brendan zu. „Mir ist so, als würde sie anders aussehen als die übrigen.“
„ Jool , gibt es Unterschiede in der Projektion?“
„Nein, Koumeran“, antwortete die KI mit der ihr eigenen rauen Frauenstimme. „Die Farbe und Leuchtkraft der Sonnen in dieser Darstellung habe ich so gewählt, dass reguläre Sprungpunkte weiß sind, von Prospektoren gemeldete gelb und alle anderen rot. Es gibt zwischen hier und dem Arionsystem acht gelb markierte Sonnen, die in dieser 3D-Karte absolut identisch dargestellt werden.“
„Also bildest du dir etwas ein, Brendan“, folgerte Koumeran.
„Möglich. Aber warum sollte ich nicht auf die Eingebung hören? Was spricht gegen diesen Sprungpunkt, Jool ?“
„Er ist wie alle, die von den Prospektoren in die Karten eingetragen wurden, unsicherer als die von der Regierung geprüften. Aber das Risiko, beim Sprung schwer zu havarieren, dürfte unter einem Promille liegen.“
„Eins zu tausend?“ Koumeran runzelte die Stirn. „Wieso sollten wir uns darauf einlassen? Wir haben Zeit genug. Niemand zwingt uns, den kürzesten Weg nach Arion III zu nehmen.“
„Trotzdem, wir tun es“, entschied Brendan. „ Jool , berechne den Sprungvektor.“
Koumeran schwieg und Brendan nahm das als Zustimmung zu seiner Entscheidung. Drei Stunden später erreichten sie das Sonnensystem Tukayi.
„Empfange Notruf über normalen Funk“, meldete die Jool . „Unsere Ortung ist teilweise gestört. Hyperraumfunk ist ausgefallen. Ich empfehle euch, die Raumanzüge anzulegen und euch auf einen Notfall vorzubereiten.“
Brendan hatte ebenso wie sein Freund schon so oft in schwierigen Situationen erlebt, dass er über die notwendigen Handgriffe nicht mehr nachdenken musste.
„So viel zu deinen Eingebungen!“, rief Koumeran, während er den leichten Raumanzug überstreifte, und ergänzte das noch durch einige Flüche.
Brendan nahm es ihm nicht übel. Er entschuldigte sich aber auch nicht für seinen Einfall. Denn die Alarmmeldung der KI bewies, dass hier jemand ihre Hilfe benötigte.
„Kontakt mit dem Erkundungsschiff Seeker “, meldete die KI. „Der Kapitän behauptet, dass das Schiff angegriffen wird. Seine Erklärung kann ich aber nicht nachvollziehen; ... Funkverbindung soeben wieder abgerissen. Es gibt Störungen im elektromagnetischen Bereich hier im System.“
„Ari ist an Bord der Seeker !“, rief Brendan. Jetzt war das kein gewöhnlicher Notfall mehr für ihn. „ Jool , nimm Kurs auf das Schiff. Wir müssen helfen. Aber wer sollte es angreifen? Die H'Ruun haben uns doch bisher nichts getan. Ist eine Fregatte der Söldner hier im System? Es könnte sein, dass die sich wegen der Vorfälle auf Wolkental an Ari rächen wollen.“
„Ich kann kein weiteres Raumfahrzeug orten. Aufgrund der Störungen ist jedoch nicht auszuschließen, dass trotzdem eines vorhanden ist. Wir erreichen die Seeker in einer Stunde. Jetzt ist eine optische Erfassung möglich. Ich lege das Bild auf den Schirm.“
Erschrocken sah Brendan die Einschläge in der langgezogenen Struktur des Erkundungsschiffs. Kleine Teile trieben von dem Schiff weg, Trümmerstücke offenbar. Aber der Bug, in dem sich gewöhnlich die Besatzung und die Wissenschaftler aufhielten, war unbeschädigt. Brendan atmete erleichtert auf.
„Ich konnte soeben einen Treffer beobachten, der einen der Container streifte“, meldete die KI. „Die Art des Aufpralls spricht für einen festen Körper als Angriffswaffe. Aber es war keiner zu erkennen.“
„Wir müssen mit der Seeker reden“, sagte Koumeran. „Steht die Verbindung wieder?“
„Nein. Ich versuche laufend, erneut Kontakt mit ihr zu bekommen. Das Schiff sendet auch keine Notrufe mehr.“
Brendan konnte die Augen nicht von dem Bild der Seeker abwenden. Er sagte: „Wir müssen andocken und nachsehen. Vielleicht können wir Verletzte an Bord nehmen.“
„Damit geraten wir in das Schussfeld des unbekannten Gegners“, wandte die KI ein. „Die Jool ist zwar besser geschützt als das Erkundungsschiff, aber solange wir nicht wissen, mit welchen Waffen es angegriffen wird, sollten wir uns nicht zu weit annähern.“
In diesem Moment spürte Brendan eine Bedrohung, die unbestimmt blieb, aber überall um ihn herum zu sein schien. Er horchte in sich hinein. War das eine Warnung? Er verfügte über seltsame Fähigkeiten, auch wenn er selbst sie meist nicht gezielt einsetzen konnte. Aber falls er Commander Vendaar vom militärischen Geheimdienst auf Gaia Glauben schenkte, dann ermöglichten ihm diese Fähigkeiten in eine gewisse Verbindung mit anderen Wesen. Das hatte er bei den magischen Kristallen auf Chenderra ebenso erlebt wie bei der Begegnung mit der intelligenten Ökosphäre des Planeten Wolkental. Hatte er jetzt einen Kontakt auf geistiger Ebene mit den Angreifern?
Er wollte gerade etwas darüber zu Koumeran sagen, als das Gefühl deutlicher wurde. Nun empfand er die Bedrohung nicht mehr allgemein; sie galt ihm persönlich. Jemand machte sich bereit, ihn anzugreifen. Brendan fühlte sich, als gehe er durch eine dunkle, leere Straße und spüre plötzlich, dass irgendwo jemand mit einer Waffe auf ihn lauerte. Aber wie sollte er darauf reagieren?
Eine kurze Erschütterung ging durch die Struktur der Jool .
„Treffer an einem der Triebwerksausleger“, meldete die KI. „Nur geringe Schäden. Herkunft und Art des Gegenstandes, der uns getroffen hat, sind nicht feststellbar.“
„Weg hier!“, rief Koumeran. „Solange unklar ist, wer mit welchen Waffen auf uns schießt, sind wir hilflos.“
Brendan wusste, dass sein Freund Recht hatte, denn eine beschädigte Jool würde der Seeker nicht helfen können. Aber etwas in ihm widersprach dieser logischen Schlussfolgerung. Etwas sagte zu ihm, dass er gegen den unbekannten Angreifer kämpfen konnte. „Nein!“, rief er. „Wir gehen näher an die Seeker heran!“
Ein zweiter Treffer riss ein Loch in die Hülle der Raumyacht, doch die KI meldete, dass die Selbstreparatureinrichtung den Schaden schnell beheben würde. Es waren keine wichtigen Systeme zerstört worden.
Dann verkündete sie: „Immer noch keine konventionelle Funkverbindung mit der Seeker , aber man hat dort die Lage erkannt und uns per Laser kontaktiert. Aufgrund der Entfernung tritt eine Verzögerung von sechzehn Sekunden ein, bitte berücksichtigt das, wenn ihr redet. Ich lege das Gespräch auf die Lautsprecher.“
„Hier Seeker , Kapitän Moo Bramard. Hören Sie mich, Jool ?“
„Klar und deutlich, Bramard“, antwortete Koumeran. „Wer greift euch an?“
Sechzehn Sekunden später kam die Antwort: „Eine elektromagnetische Wolke, die sich irgendwie durch Gedanken beeinflussen lässt. Ich übertrage parallel alle Daten, die wir gesammelt haben, über die Laserfunkstrecke an eure KI.“
„Gibt es Verletzte an Bord?“, fragte Brendan und wartete in höchster Spannung auf die Antwort.
„Bisher ein Toter, keine weiteren Opfer. Arianna Bold versucht, die Angriffe mit Hilfe ihrer Vorstellungskraft abzuwehren, aber es gelingt ihr nicht immer. Ich habe offen gesagt keine Ahnung, was hier eigentlich vor sich geht. Es widerspricht alles dem gesunden Menschenverstand.“
Die KI der Jool meldete: „Daten erhalten und ausgewertet. Ich verfüge über einige Hintergrundinformationen bezüglich der Vorfälle in der Nähe von Wolkental, die die Seeker nicht in ihren Datenbanken hat. Deshalb kann ich jetzt definitiv sagen, dass es sich bei dem Phänomen um dieselbe Art von elektromagnetischen Feldern handelt, die auftraten, als die Flotte der H'Ruun dort aktiv war.“
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