„Die Praan-Saat!“, rief Brendan überrascht. „Der intelligente Planet Wolkental konnte sie abwehren. Aber wir haben nicht herausgefunden, um was es sich dabei handelte.“
„Was auch immer es sein mag“, sagte Koumeran, „wir können es jetzt nicht mehr ignorieren, wir müssen es bekämpfen. Wie macht Ari das genau?“
Moo Bramard fühlte sich angesprochen. Da die Jool in der Zwischenzeit näher bei der Seeker war, hatte sich die lästige Zeitverzögerung merkbar verringert. Er sagte: „Sie hat das Gefühl, jemand will sie mit einer Waffe töten. Also stellt sie sich vor, wie sie diesen Angriff abwehrt, indem sie sich umwendet und den Arm des Angreifers beiseite drückt. Das scheint zu bewirken, dass ein virtuelles Geschoss, das auf die Seeker zurast, ebenfalls abgelenkt wird. Ari kann nicht selbst mit euch sprechen, weil dieser Vorgang ihre ganze Konzentration beansprucht. Unter uns gesagt fürchte ich, dass sie das nicht mehr lange durchhalten wird.“
„Unsere Anwesenheit verteilt die Angriffe auf zwei Ziele“, sagte Brendan. „Das sollte der Seeker Luft verschaffen und Ari entlasten.“
„Leider wissen wir nicht, wie ausdauernd das Phänomen ist. Es scheint keine Energiequelle zu besitzen und funktioniert trotzdem. Was ist, wenn es unbegrenzt lange diese Projektile gegen uns schicken kann und weiterhin den Hyperfunkverkehr stört, so dass wir keine Hilfe herbeirufen können?“
„Könnt ihr fliehen?“
„Nein. Die Sprungtriebwerke funktionieren ebenfalls nicht. Einmal ganz davon abgesehen, dass ein Sprung ohne korrekten Kursvektor uns erst recht ins Verderben reißen könnte.“
Brendan horchte in sich hinein. Das Bild, das Bramard eben beschrieben hatte, passte nicht zu dem, was er fühlte. Die Bedrohung war für ihn weniger konkret, als Ari sie offenbar empfand - eher unbestimmt, lauernd, heimtückisch. „Ich versuche, Ari zu helfen“, sagte er zu Koumeran. „Geh noch näher an die Seeker heran. Vielleicht ist es abhängig von der Position, wie man diese elektromagnetische Wolke wahrnimmt.“
„Erneut ein Treffer an der Jool “, meldete die KI. „Wieder nur geringe Schäden. Offenbar fällt es dem Phänomen wesentlich schwerer, uns zu treffen als die Seeker . Dabei könnte die Größe der Raumyacht eine Rolle spielen. Ebenso die Tarnausstattung, die auf Anweisung von Commander Vendaar eingebaut wurde. Dank der Angaben der Seeker bin ich jetzt ebenfalls in der Lage, den Angreifer anhand von Störungen der optischen Erfassungsgeräte zu identifizieren.“
Sekunden bevor die KI mit dieser Durchsage begann, hatte Brendan einen Stich gespürt. War das seine Reaktion auf den Treffer, der das Schiff beschädigt hatte? Er horchte in sich hinein und versuchte, sich so genau wie möglich an das Gefühl zu erinnern. Ja, da war etwas. Ein Bild entstand vor seinem inneren Auge. Eine Unwetterwolke, aus der dicke Hagelkörner auf ihn herunterregneten. Er konnte sich vor den meisten schützen, aber eines hatte ihn getroffen.
Brendan hielt an diesem Bild fest und versuchte, mit Hilfe seiner Fantasie eine Gegenmaßnahme zu ersinnen. Er war sicher, dass sein Unbewusstes dann die nötigen Schlüsse daraus ziehen würde und erkannte, auf welchem Wege auch immer man den Angreifer abwehren konnte.
Erst dachte er an einen Regenschirm, aber das war zu profan. Dann stellte er sich vor, wie die Hagelkörner ihre Flugbahn verließen und rund um ihn herum zu Boden fielen, ohne dass er getroffen wurde. Dieses Bild fühlte sich gut an und er baute die Vorstellung weiter aus. Er hörte das Prasseln der Körner und zitterte in dem eiskalten Wind, der sie vor sich hertrieb.
Wie lange er sich schon mit geschlossenen Augen konzentrierte, wusste er nicht. Aber er hörte schließlich Koumerans Stimme.
„Brendan, was auch immer du tust, es scheint zu wirken. Die Seeker wird zwar in größeren Zeitabständen noch getroffen, aber die Jool nicht mehr. Weiter so!“
Die Seeker wird weiterhin angegriffen, dachte Brendan. Konnte er die Hagelkörner auch von ihr fernhalten? Nein, denn er sah sie nicht in dem Bild, das er sich machte.
Während er noch darüber nachdachte, veränderte sich seine Vorstellung von der Unwetterwolke. Sie wurde dunkler und mächtiger - und sie sank langsam, aber erkennbar, auf ihn herab.
Eine neue Art des Angriffs, dachte er, und stellte sich vor, wie die Wolke wieder höher stieg. Ihre Geschwindigkeit konnte er dadurch aber nur ein klein wenig beeinflussen.
„Das Phänomen bewegt sich auf uns zu und wird gleichzeitig dichter“, meldete die KI. „Seine Geschwindigkeit steigt exponentiell an. Zusammentreffen in drei bis fünf Minuten.“
Verzweifelt kämpfte Brendan gegen die Unwetterwolke, die seine Fantasie ihm ausmalte. Doch er konnte sie nicht zurückdrängen. Da fuhr ein Blitz aus ihr heraus und schlug neben ihm ein.
„ Seeker schwer getroffen“, meldete die KI. „Zusammenstoß mit dem Phänomen in zwanzig Sekunden.“
Im nächsten Moment spürte Brendan die Wolke rund um sich herum. Sie versuchte, ihm die Luft abzuschnüren und ihn zu erdrücken. Er wehrte sich mit allen Mitteln, aber erfolglos.
Als er schon glaubte, den Kampf zu verlieren, kam ihm die rettende Idee. Er stellte sich vor, er sei sehr viel größer als die Unwetterwolke. Als sie so klein schien, dass er sie mit beiden Händen greifen konnte, nahm er sie und versuchte, sie zu zerquetschen. Die Wolke fühlte sich an, als wäre sie aus scharfkantigen Sandkörnern zusammengesetzt. Es schmerzte, gegen sie zu drücken, aber Brendan gab nicht nach. Er würde sterben, wenn er unterlag.
Unvermittelt spürte er die Nähe einer Frau, die bisher nicht da gewesen war. Brendan hatte das Gefühl, sie zu kennen, ohne zu wissen, woher. Die Fremde stellte keine Gefahr dar, deshalb ignorierte er sie und kämpfte weiter gegen die Wolke.
Es dauerte nur noch Augenblicke, bis deren Widerstand brach. Er konnte sie zusammendrücken, bis aus ihr ein kleines festes Objekt wurde, das keinerlei Gegenwehr mehr leistete.
Der Angriff war abgewehrt.
Brendan öffnete die Augen und wollte Koumeran sagen, es sei alles vorüber. Aber in der Jool war es dunkel. Nur dank der Reflexionen der Signallichter von Koumerans Raumanzug konnte er erkennen, dass er sich überhaupt noch in der Zentrale seiner Raumyacht befand.
Ihm wurde übel. Er spürte, wie er zu Boden fiel, dann verlor er das Bewusstsein.
5. Kapitel
Jamima Kerr starrte auf die Bilder der Ortung. Es war fast nichts zu erkennen. Irgendetwas störte die empfindliche Elektronik. Die Darong war vor wenigen Minuten im Tukayisystem rematerialisiert und hatte die Geschwindigkeit relativ zur Sonne auf fast Null reduziert. Jamima versuchte nun herauszufinden, was hier los war.
Der einzige Planet, ein Gasriese, zeichnete sich undeutlich auf dem Ortungsschirm ab. Der Rest des Systems ließ sich nicht erfassen, warum auch immer.
Die KI der Darong meldete sich: „Hier ist kein Hyperfunkverkehr möglich. Auf normal lichtschnellen Funkkanälen empfange ich Gespräche zwischen Raumfahrzeugen, die jedoch so verzerrt sind, dass ich derzeit den Inhalt nicht analysieren kann. Ich arbeite daran.“
„Aus welcher Richtung kommen die Signale?“
„Ungewiss. Möglicherweise von uns aus gesehen von jenseits der Sonne, da unsere Instrumente hier in der Umgebung keine Raumschiffe erfassen.“
„Ich werde mir das genauer ansehen“, sagte Jamima. „Wir beschleunigen nur mit den Antigravaggregaten.“
„Ich rate davon ab, die derzeitige Position zu verlassen“, sagte die KI. „Es scheint, als würde unter den hiesigen Bedingungen auch der Hypersprungantrieb nicht funktionieren. Falls sich die Ursache dieser Störung weiter innen im System befindet, könnte es sein, dass wir nicht mehr wegkommen.“
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