Nun konnten es alle sehen. Eine kegelförmige Wolke aus glitzernden Teilchen durchbrach die Bordwand der Seeker . Diese Wolke entwickelte dabei eine Wucht, als handle es sich um einen massiven Gegenstand. Sie streifte das Beiboot und schlug Teile aus ihm heraus, die durch den Raum wirbelten und Lieutenant Binger trafen. Ohne ihre Form nach dem Aufprall zu verändern, flog die kegelförmige Wolke weiter, durchschlug die gegenüberliegende Bordwand und verschwand.
„Aus was bestehen diese Teilchen?“, fragte Ari. „Sie sehen aus wie Staub.“
„Das sind sie aber nicht“, sagte die KI. „Ich wiederhole, keine Materie und keine messbare Energieform sind mit dem Phänomen verbunden. Was zu sehen war, sind Bildstörungen der Kamera, die ich verstärkt habe. Es lässt sich vermuten, dass diese Störungen durch etwas hervorgerufen wurden, das wie ein Pfeil in unseren Schiffsrumpf eindrang. Aber es war nichts Materielles.“
„Bleibt die Frage, ob es sich um ein Naturphänomen handelt oder um einen Angriff“, sagte Moo.
„Dazu kann ich keine Aussage machen, solange mir nicht weitere Informationen vorliegen“, antwortete die KI.
Ari spürte, wie sie eine Gänsehaut bekam. Wieder hatte sie den Eindruck, jemand stehe hinter ihr und wolle sie töten. Sie sah sich um. Keines der Besatzungsmitglieder befand sich in ihrer unmittelbaren Nähe. „Habt ihr auch das Gefühl, jemand Unsichtbares bedroht euch?“, fragte sie laut.
Sie erntete nur Kopfschütteln und mitleidige Blicke.
„Das ist der Stress, Mädchen“, sagte Moo. „Du brauchst dich dafür nicht zu schämen. Wir kennen das alle. Wenn man einige Jahre Erfahrung in der Raumfahrt hat, dann gibt sich das.“
„Ich habe auf Wolkental viele gefährliche Situationen erlebt, ohne dieses Gefühl zu haben“, sagte Ari. Sie merkte, dass ihre Stimme trotzig klang und redete nicht weiter.
Dafür meldete sich die KI: „Ich habe die Kameras der Teleskope überprüft, die in den Forschungscontainern installiert sind. Die Astrophysiker haben damit in den letzten Stunden das ganze Sonnensystem abgesucht. Auch auf einigen dieser Bilder gibt es winzige Störungen, die normalerweise von der Elektronik kompensiert werden. Aber wenn man all die kleinen Bildfehler kombiniert und verstärkt, zeigt sich ein seltsames Phänomen. Ich projiziere jetzt eine dreidimensionale Darstellung des Systems, allerdings nicht maßstabsgerecht.“
Über einer der Konsolen entstand eine Kugel von etwa einem Meter Durchmesser. In ihrem Zentrum schwebte ein gelber Fleck, neben dem „Tukayi“ stand. Ein Symbol zeigte die Position der Seeker an. Der einzige Planet der Sonne, Tukayi I, zog in einiger Entfernung von ihr seine Bahn. Das, was die KI entdeckt hatte, war um ein Vielfaches größer als dieser Gasriese. Es war ein Feld aus glitzernden Punkten, in dem es verschiedene Zusammenballungen gab.
„Ich zoome näher heran“, kündigte die KI an und zeigte einen Ausschnitt am Rand dieses Gebiets. Ein kegelförmiger Teil der Wolke, deutlich dichter als der Rest, war dabei, sie zu verlassen. „Ich habe den Zeitpunkt der Aufnahme und den Kurs dieses Objekts berechnet. Es war für den ersten Treffer verantwortlich, den die Seeker erhielt. Daher gehe ich jetzt von einer feindseligen Handlung aus. Wir werden angegriffen.“
„Aber von was?“, fragte Moo Bramard. „Woraus besteht dieses staubähnliche Zeug?“
„Ich kann nur sagen, woraus es nicht besteht“, entgegnete die KI. „Selbst wenn es Staubteilchen von der Größe eines Zehntelmillimeters wären, müssten wir sie in dieser gigantischen Menge orten können. Wenn also dort überhaupt etwas vorhanden ist, dann sind die einzelnen Bestandteile noch wesentlich kleiner.“
„Aber wenn sie sich zusammenballen, sind sie massiv genug, um den Meteoritenschild der Seeker zu durchdringen und ihre Bordwand zu zerschlagen.“
„So ist es.“
„Welche Abwehrmöglichkeiten haben wir?“
Die kurze Pause, die nun bis zur Antwort der KI folgte, erschreckte Ari. Wusste dieser hochentwickelte Computer etwa auch nicht weiter?
„Ich konfiguriere bereits alle Außenkameras und die Teleskope um. Die winzigen Störungen in den Aufnahmen werden nun sofort registriert und von mir ausgewertet. Eventuell gelingt es so, sich nähernde Objekte dieser Art rechtzeitig genug zu erfassen, um mit den kleinen Railguns Plasmakugeln auf sie zu schießen. Ob sie sich dadurch zerstören lassen, ist fraglich. Aber möglicherweise können wir sie vom Kurs ablenken.“
„Gute Idee. Mynard, alle Energie auf die Waffensysteme. Feuern Sie, sobald es ein Ziel gibt.“
„Das wird nicht genügen“, wandte die KI ein. „Zwischen der Entdeckung und dem Abfeuern einer Railgun dürfen nur Sekundenbruchteile liegen. Ich benötige Feuererlaubnis und Zugriff auf die Bordwaffen.“
„Voller Zugriff auf die Waffensysteme wird erteilt“, sagte Moo ohne lange zu überlegen. Das war etwas, das er bei einer normalen KI niemals tun dürfte und was ihn sogar sein Kapitänspatent kosten könnte, wenn es herauskäme. Doch für den Testflug der Seeker hatte man ihm diese Befugnis erteilt, um die neue KI zu prüfen.
Keine halbe Minute später hörte Ari das erste Mal, wie eine der Waffen in Aktion trat.
„Treffer“, meldete gleich darauf die KI. „Es kommt aber nur zu einer minimalen Kursabweichung des anfliegenden Objekts. Ich würde sagen ... Augenblick bitte, Auswertung läuft ... Auswertung beendet. Die Kursabweichung ist nicht auf das Plasmaprojektil zurückzuführen, sondern auf das elektromagnetische Feld der Railgun. Beides zusammen lässt die Schlussfolgerung zu, dass es sich bei dem Projektil aus der Wolke nicht um ein materielles Phänomen handelt.“
Erneut hatte Ari das Gefühl, jemand stehe mit einem Dolch hinter ihr. Diesmal glaubte sie sogar zu spüren, wie das Gespenst ausholte und sie mit der Waffe zu treffen versuchte. Aber nun verstand sie, was ihr Unbewusstes ihr mitteilen wollte. „Jetzt!“, sagte sie laut. „Gerade ist wieder eines dieser Kegeldinger aus der Wolke gekommen und rast auf die Seeker zu.“
Alle wandten sich erstaunt nach ihr um. Als dann die KI auch noch meldete: „Ich bestätige die Aussage von Arianna Bold“, glomm sogar Misstrauen in den Augen einiger Besatzungsmitglieder auf.
Doch die KI ließ sich von solchen Eindrücken nicht beeinflussen. „Arianna, Sie sagten vorhin, Sie fühlten sich von jemandem bedroht. Man hat Sie auch wegen ihrer latent vorhanden magischen Fähigkeiten an Bord dieses Schiffes beordert. Möglicherweise können die in dieser Situation hilfreich sein. Bitte stellen Sie sich vor, Sie würden die Waffe abwehren, indem sie den erhobenen Arm des Angreifers beiseite drücken. Stellen Sie es sich so intensiv wie möglich vor!“
Arianna tat es. Sie fühlte eine gewisse Erleichterung durch dieses Bild. Sie versuchte, sich gegen den unsichtbaren Angreifer zu wehren, sie war ihm nicht mehr hilflos ausgeliefert.
„Vielen Dank!“, sagte die KI. „Das auf die Seeker zielende Objekt ist von seinem Kurs abgelenkt worden. Und zwar deutlich stärker als das vorherige durch den Beschuss mit der Railgun. Es wird unser Schiff knapp verfehlen.“
Moo sah Arianna mit großen Augen an, während er sagte: „Du kannst diese Dinger alleine durch deine Gedanken beeinflussen? Was bist du? Ein Mensch oder ...?“
Wieder hatte Ari das Gefühl, der unsichtbare Angreifer hole mit dem Dolch aus. Statt Moo zu antworten, schloss sie die Augen und konzentrierte sich.
4. Kapitel
Über der Ortungskonsole der Jool drehte sich langsam die dreidimensionale Karte eines Randbezirks der Perseuskolonie. Sie zeigte Dutzende von Sonnen, neben denen nur bei wenigen ein Name eingeblendet war.
„Dorthin“, sagte Brendan und deutete auf einen gelben Stern mit der Bezeichnung Tukayi. Warum ihm gerade dieser aufgefallen war, wusste er selbst nicht. Ein Gefühl sagte ihm, dahin zu fliegen sei die einzig richtige Entscheidung.
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