Ari wartete gespannt auf erste Ergebnisse der Wissenschaftler. Aber es dauerte eine Stunde, bis die sich meldeten: „Es gibt im System der Sonne Tukayi ein riesiges Gebiet, in dem Störungen des elektromagnetischen Feldes und der Gravitationslinien feststellbar sind. Allerdings sind sie sehr schwach. Mit der normalen Ortung ist dort nichts zu erfassen, ebenso wenig mit den Teleskopen.“
„Riesig und elektromagnetisch?“, fragte Moo zurück. „Könnte das etwas mit den Feldern zu tun haben, die man im Verlauf von Angriffen der H'Ruun gemessen hat?“
„Wesentlich schwächer. Wir können noch nicht sagen, ob es sich grundsätzlich um ein ähnliches Phänomen handelt oder ob wir es hier mit etwas völlig Neuem zu tun haben. Auf jeden Fall ist es hochinteressant. Wir setzen alles daran, seinen Ursprung zu ergründen.“
„Na, zumindest die beiden Astrophysiker sind glücklich“, stellte Moo fest. „KI, wie sieht es mit Funk und Antrieb aus?“
„Sind immer noch gestört. Die Ursache liegt eindeutig nicht in den Geräten, sondern in den Bedingungen hier im System.“
„Dann ist es am vernünftigsten, wenn wir verschwinden“, sagte Mynard, der Copilot der Seeker .
Nicht nur Ari sah ihn überrascht an. Der kleine, hagere Mann mit mürrischem Gesichtsausdruck äußerte sich nur selten, seine Worte hatten deshalb ein besonderes Gewicht.
„Wenn wir es könnten, würden wir es tun“, versicherte ihm Moo Bramard.
Mynard deutete auf die Statusanzeigen auf seiner Konsole. „Zumindest die Ionentriebwerke und die chemischen Nottriebwerke dürften sich von den hiesigen Verhältnissen nicht beeinflussen lassen. Vielleicht genügen die, um uns aus dem Einflussbereich der Störung zu bringen.“
„Gute Idee. Wir versuchen es.“
Diese konventionellen Triebwerke würden mehrere Stunden brauchen, um die Seeker auf eine nennenswerte Geschwindigkeit zu beschleunigen. Es galt also abzuwarten, ob das etwas brachte.
„Zumindest müssen wir so weit hinaus an den Rand des Systems kommen, dass unser Hyperfunkgerät wieder funktioniert“, sagte Moo, während er sich in seinem Sessel zurücklehnte.
Im nächsten Moment erschütterte ein heftiger Schlag die Struktur des Schiffes. Ari stürzte zu Boden, rappelte sich aber gleich wieder auf. Alarmsignale leuchteten auf den Konsolen auf, ein Warnton heulte durch die Zentrale.
3. Kapitel
Über das Panoramafenster der Seeker , durch das Ari eben noch die fremden Sternenkonstellationen bewunderte, schob sich eine schützende Stahlblende. Die Schotte der Zentrale schlossen sich automatisch. Farbige Warnleuchten wiesen den Weg zu den Spinden mit den Raumanzügen für den Fall, dass die Energieversorgung zusammenbrechen sollte oder ein Leck auftrat.
„Meteoriteneinschlag in Container drei“, meldete die KI. „Oder ein vergleichbarer Treffer. Der Container wurde versiegelt.“
„Ich denke, hier gibt es keine Meteoriten“, sagte Ari.
„Etwas hat unseren Schutzschirm durchdrungen und ist mit hoher Geschwindigkeit gegen den Container geprallt“, erklärte die KI. „Näheres ist noch nicht bekannt.“
„Spielen unsere Ortungsgeräte jetzt auch verrückt?“, fragte Moo.
Wieder war ein dumpfes Dröhnen zu hören, das durch die Struktur des ganzen Schiffes drang.
„Zweiter Treffer“, meldete die KI. „Weder messtechnisch noch optisch ließ sich ein Gegenstand erkennen, der sich uns näherte. Trotzdem ist ein Leck ins Heckteil der Mittelspindel gerissen worden. Es ist nicht groß und wird in wenigen Minuten durch die Selbstreparatur wieder verschlossen sein. Ich empfehle, das Schiff auf Notfälle vorzubereiten, da der nächste Treffer lebenswichtige Aggregate beschädigen könnte.“
„Okay, Alarm für das ganze Schiff.“
Ari wusste, was jetzt vor sich ging: Kleine Fusionsreaktoren, die überall verteilt standen, wurden hochgefahren, um bei Bedarf sofort den Ausfall eines der großen Reaktoren im Heck kompensieren zu können. Redundante Lebenserhaltungssysteme in den einzelnen, nun voneinander abgeschotteten Sektoren der Seeker nahmen ihre Arbeit auf.
„Legt die Schutzanzüge an und bereitet die Beiboote für eine Evakuierung vor“, befahl Moo. „Solange wir nicht wissen, von was wir getroffen werden, müssen wir auf alles vorbereitet sein.“
Die Spinde mit den leichten Raumanzügen standen in einem Nebenraum der Zentrale. Ari zwang sich abzuwarten, bis die übrigen Besatzungsmitglieder fertig waren. Da sie keine offizielle Funktion an Bord hatte und in den Notfallplänen für keine Station eingeteilt war, ließ sie ihnen den Vortritt.
Erst, als die letzten den Nebenraum verlassen hatten, ging sie hinein und griff sich einen Anzug. Es gab drei Standardgrößen, die sich flexibel dem Körper des Trägers anpassten. Das schnelle Anlegen solcher Schutzanzüge gehörte zu den immer wieder geübten Alarmroutinen an Bord jedes Raumschiffes. Sie saßen bequem genug, um lange getragen zu werden. Trotzdem boten sie umfassenden Schutz und stellten ausreichend Sauerstoff bereit, um mehrere Stunden im freien Raum zu überleben.
Gerade als Ari die Funktionsfähigkeit des eingebauten Servicepacks überprüfte, überkam sie ein seltsames Gefühl. Jemand Fremdes lauerte hier, genau hinter ihr! Sie sah sich um, aber sie war alleine. Doch der Eindruck blieb. Wohin sie sich auch wandte, es kam ihr immer so vor, als stehe jemand hinter ihr und ... Ja, was? Holte mit einer Waffe aus, um sie zu töten? Das war der erste, instinktive Eindruck, den sie hatte. Aber das konnte nicht sein. Niemand außer ihr befand sich in dem Raum. Außerdem, wer an Bord sollte schon die Absicht haben, sie zu ermorden, und warum?
Dann begriff sie, dass der unsichtbare Fremde gar nicht auf der Seeker war. Er lauerte draußen im Weltraum. Und sein Angriff galt nicht nur ihr, sondern alle Menschen an Bord.
Ein Schlag ging durch den Schiffsrumpf. Sirenen tönten auf, aber nur kurz. Dann kam die Durchsage der KI: „Treffer im zweiten Beiboothangar. Lieutenant Binger ist tot. Die Überwachungskamera hat den Vorfall aufgezeichnet. Ich lege die Bilder auf den großen Monitor!“
Ari rannte zurück in die Zentrale. Dort starrten alle auf die riesige Bildwand. Sie zeigte das Innere des Beiboothangars im unteren Teil des Bugs der Seeker . Ein Mann, der ebenfalls einen der bordeigenen Schutzanzüge trug, hantierte an einer Schalttafel. Vermutlich war es Lieutenant Binger, zu dessen Aufgaben es im Alarmfall gehörte, das Beiboot startbereit zu machen. Etwas durchschlug mit einem scharfen Knall die Schiffswand und drang in den Hangar ein. Es streifte das Beiboot und riss dabei ein großes Metallstück mit sich, das gegen den Mann prallte und ihn zerschmetterte. Eine Wolke aus Blut bildete sich, die im nächsten Moment wieder verschwand, zusammen mit herumwirbelnden Wrackteilen und dem Körper des Menschen. Alles wurde mit der Atmosphäre hinaus ins Vakuum des Alls gesogen. Was auch immer die Seeker getroffen hatte, es verließ den Schiffsrumpf auf der gegenüberliegenden Seite wieder.
Ari musste schlucken, weil sie einen Kloß im Hals spürte. Der unheimliche Angriff hatte ein erstes Menschenleben gefordert - aber was hatte den Mann getötet?
„Ich konnte nicht erkennen, was die Seeker getroffen hat“, sagte Moo. „KI, Einzelbildaufnahmen ab dem Moment des Einschlags.“
Es war beklemmend. Ari musste sich zwingen, diese Bilder anzusehen. Sie zeigten in allen Details den Vorgang, aber es war immer noch keine Ursache für den angerichteten Schaden zu erkennen. Es war jedenfalls kein materieller Gegenstand mit dem Schiff kollidiert.
„Gibt es Messwerte?“, fragte Moo.
„Nein“, erwiderte die KI. „Aber ich glaube, ich habe einen Hinweis entdeckt. Es sind winzige Störungen in dem Bild, das die Kamera im Beiboothangar aufgezeichnet hat. Ich überzeichne sie und projiziere sie in die Aufnahme hinein.“
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