»Was hat der vor. Will der uns rammen?«, fragt sie mich und spricht das aus, was ich auch denke.
»Ich weiß nicht, kann aber auch niemand an Deck oder hinter den Scheiben sehen.«
Das Boot war uns jetzt so nah gekommen, dass ich nicht mehr viel Zeit habe zu reagieren. Ich schieb den Maschinenhebel auf volle Kraft voraus und reiße das Steuerrad herum, so dass wir auf Prallelkurs zu dem Boot kommen. Die Sea King springt wie ein Panther los, dreht gleichzeitig ihr Heck aus der Fahrtrichtung des Bootes und ist auch schon an ihm vorbei geschossen. Ich drehe die Sea King um dem Boot zu folgen, betätige wieder das Signalhorn und schon sind wir längsseits.
»Eva, kannst du was sehen?«
»Nein, das Boot scheint leer zu sein.«
Ich drossele die Geschwindigkeit und passe sie dem des Bootes an.
»Kannst du bitte das Steuer übernehmen. Ich will rüber und sehen was da passiert ist.«
»Bist du verrückt? Doch nicht während der Fahrt!«
»Er fährt ja nicht so schnell und die Küste ist nicht so weit weg. Müssen uns beeilen. Komm, bitte.«
Sie kommt zu mir in den Steuerstand und übernimmt das Ruder.
»Halte sie ganz dicht dran und wenn ich drüben bin gehst du auf Abstand.«
»Ja, ja. Bring dich nur um«, sagt sie resigniert.
Ich geh nach draußen auf die Backbordseite, hänge die Pfänder über Bord, damit die Boote bei Berührung nicht beschädigt werden können und mache mich bereit zum Sprung. Es ist ein kleiner Kabinenkreuzer mit einem Steuerstand im Heck und genau da muss ich rein springen. Eva steuert unsere Yacht noch dichter heran und ich springe, lande, die Wucht des Sprunges abfedernd, an Deck des Bootes. Meine Pistole habe ich in die Hose gesteckt und die hole ich jetzt wieder heraus, dreh mich um und gebe Eva das O.K.-Zeichen. Sofort lässt sie unsere Yacht etwas nach Steuerbord abfallen, um den Abstand zu vergrößern, beobachtet aber alles genau, was bei mir passiert und lässt dabei aber nicht die immer schneller auf uns zukommende Küste aus den Augen.
Ich nähere mich dem Niedergang, der in die Kabine führt. Alles ist dunkel dort unten. Erst muss ich die Yacht einmal stoppen, was ich auch tue, in dem ich den Leistungshebel im Steuerstand auf Stopp stelle. Die Maschine verstummt und das Boot schaukelt in den Wellengang, den die beiden Boote verursacht haben. Ich höre wie Eva auch unsere Yacht stoppt und dann ganz langsam zurückkommt, um auf gleicher Höhe anzuhalten.
Ich taste mit der linken Hand nach dem Lichtschalter im Niedergang und finde ihn auch. Gerade als ich ihn betätigen will, wird meine Hand gefasst und ich werde gewaltsam in die Kabine gezogen. Den Sturz kann ich nicht mehr vermeiden oder auch nur annähernd abfangen, denn meine linke Hand wird immer noch festgehalten und in der rechten Hand habe ich ja auch noch meine Pistole. Ich lande recht unsanft auf den Rücken und versuche meine linke Hand zu befreien. Mein Gegner nutzt meine schlechte Lage aus und dreht mir den Arm um, so dass ich der Drehrichtung folgen muss, wenn ich es nicht riskieren will, dass mein Arm gebrochen wird. Als ich auf dem Bauch zum Liegen komme, setzt er sich rittlings auf mich und will meine zweite Hand auch auf den Rücken drehen.
Mir tut durch den Fall der Rücken und die Hüfte weh, habe mir wohl durch den Sturz eine Prellung zugezogen. Jetzt reicht es mir aber, habe genug von der Spielerei! Langsam werde ich wütend und der Schmerz, durch den Sturz bedingt, tut sein Übriges dazu. Ich lass die Pistole los, packe mit der rechten Hand hinter mich und erwischte den Kopf des Angreifers. Da er bis jetzt ein leichtes Spiel mit mir hatte, rechnet er nicht mit einem Angriff und ich ziehe ihn mit voller Wucht an den Haaren mit dem Kopf Richtung Boden.
Es gibt einen dumpfen Schlag und er erschlafft. Ich schüttele ihn ab, stehe auf, suche den Lichtschalter und mache das Licht an.
Es ist eine kleine Kabine, links vom Niedergang gibt es eine kleine Küchenzeile, rechts eine Toilette, vorne im Bug zwei Betten und einen Tisch und genau zwischen den Tisch und der Treppe liegt ein junger Mann. Auf dem linken Bett sehe ich eine Frau liegen. Langsam gehe ich zu ihr hin um zu sehen, was mit ihr los ist. Ich strecke gerade meine Hand nach der Frau aus, als der Mann am Boden leicht stöhnend wieder zu sich kommt. Er steht auf und stürzt sich auf mich. Es bereitet mir keine große Anstrengung, den Angriff abzuwehren, denn ich halte ihm einfach die Pistole unter die Nase, die ich natürlich wieder an mich genommen hatte was ihn gleich ruhiger machte und so langsam steigt die Angst in seine Augen.
»Ganz ruhig, junger Mann. Keine unnötigen Bewegungen oder schnelle Reaktionen, dann passiert auch nichts. Ist das klar? Setz dich auf die Koje und warte bis du dran bist.«
Wie es aussieht, hat es ihm die Sprache verschlagen, denn er nickt nur und setzt sich auf die rechte Koje. Inzwischen rührt sich auch die junge Frau auf der anderen Koje, Sie dreht sich um, sieht mich ängstlich an und sagt mit zittriger Stimme:
»Wer sind Sie und was wollen Sie von uns?«
»Das wollte ich eigentlich Euch gerade fragen. Ihr rast mit dem Boot auf uns zu und hättet uns beinahe gerammt. Dann steuert Ihr weiter auf die Küste zu und wärt dort wahrscheinlich zerschellt. Wollt Ihr Euch umbringen?«
Sie starrte mich mit großen Augen an und sieht dann rüber zu dem jungen Mann.
»Bist du total verrückt. Du willst uns umbringen, nur weil ich mit dir Schluss gemacht habe?«, fragt sie ihn mit immer lauter werdender Stimme.
»Carlo, ist alles in Ordnung bei dir da drin«, höre ich die Stimme von Eva über die Außensprechanlage unserer Yacht.
»Ich will euch beide gleich an Deck sehen, ohne etwas in der Hand«, sage ich zu ihnen und gehe nach oben. Hier gebe ich Eva das Zeichen, das alles in Ordnung ist und setze mich ans Heck und halte den Niedergang im Auge. Kurz darauf kommen die Beiden an Deck, zuerst die junge Frau und dann der Mann. Ich halte meine Pistole immer noch in der Hand und deute mit ihr auf die Backbordreling.
»Setzt euch dorthin und verhaltet euch ruhig. Ich stelle hier die Fragen. Weshalb seid ihr am schlafen und bekommt nichts mit, was um euch herum passiert?«
Die junge Frau antwortete mir:
»Wir hatten uns heute Nacht gestritten und zu viel Alkohol getrunken. Michael wollte nicht akzeptieren, dass ich mich von ihm trennen will.« Ich schaue zu Michael, der sitzt zusammen gesunken an der Reling und sagt nichts.
»Wer hat das Boot gestartet und sich nicht weiter darum gekümmert?«, frage ich weiter.
»Das war ich...«, antwortete Michael und sieht mich an; »...Vor lauter Verzweiflung habe ich in ihr Weinglas, eine Schlaftablette rein getan.«
»Bist du von allen guten Geistern verlassen? Das ist genau das, warum ich mich von dir trennen will! Immer diese Eifersucht und das nicht Akzeptierenwollen von Tatsachen.«
»O.K. dann haben wir die Situation ja jetzt geklärt. Wie heißt du und wo kommst du her?«, frage ich die junge Frau.
»Ich heiße Selina und komme aus Gonnesa.«
»Ah... aus Gonnesa, da wohnen Freunde von uns. Woher kommst du?«, fragte ich den jungen Mann der niedergeschlagen an der Reling sitzt.
»Ich komme aus Deutschland. Arbeite hier zurzeit in Decimomannu bei der Bundeswehr.«
»Gut, dann bringst du mal das Boot zurück, wo du es her hast. Selina kommt zu uns rüber. Wir bringen sie nachher nach Hause.«
Er nickte und stand auf. Ich beobachtete ihn weiter, immer darauf gefasst, noch eine Überraschung zu erleben.
»Ich hole die Sachen von Selina hoch«, sagt er und geht den Niedergang hinunter.
»Ich glaube das mache ich lieber selbst«, sagt Selina und folgt ihm. Ich schaue zu Eva rüber, die alles vom Steuerstand aus beobachtet. Nach ein paar Minuten kommt Selina zurück und hat eine Tasche in der Hand.
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