»Haben Sie meinen Freund gesehen, der heute Morgen mit dabei war?«
»Nein, hier war niemand. Aber Ihr anderer Freund liegt jetzt auf der Intensiv.«
»Schön, und wie komme ich da hin?«, fragte ich ihn.
»Die Intensivstation liegt eine Etage höher im Flur B, dann am besten die Stationsschwester fragen, ob Sie schon zu ihm können. Müssen dann aber einen Kittel anziehen.«
»Danke für die Hilfe«, sagte ich und ging zum Treppenhaus und eine Etage höher. Hier klopfte ich an die Tür zum Schwesternzimmer und öffnete sie.
»Guten Tag, ich wollte zu meinem Freund Herrn Clemens Binzel. In welchem Zimmer liegt er denn? «, sprach ich die Schwester, die an ihrem Schreibtisch saß, an.
Sie sah mich von oben bis unten an und sagte dann:
»Ah, ist schon Besuch für Herrn Binzel da. Das geht aber so nicht, da müssen Sie sich einen Kittel überziehen.«
»Ja und wo bekomme ich den her?«
»Tja, und dann dürfen natürlich nur engere Angehörige auf die Intensivstation. Sind Sie der Bruder?«, fragte Sie mich lauernd und gab mir damit eine wunderbare Vorlage.
»Na klar doch, wer sonst. Wo bekomme ich denn jetzt den Kittel her?«, fragte ich um möglichst weitere Fragen von ihr vorzubeugen.
Sie rührte sich nicht von ihrem Stuhl und sah mich noch misstrauischer an.
»Sie sehen sich aber gar nicht ähnlich«, stellte sie fest.
»Na ja, ist doch klar. Wir haben verschiedene Väter«, log ich was das Zeug hergab und ohne zu zögern, um hier endlich weg zu kommen. Jetzt bewegte sie ihr, ich muss zugeben, recht ansehnliches Fahrgestell vom Stuhl hoch und kam auf mich zu.
»Na, dann kommen Sie mal mit«, sagte sie immer noch nicht ganz zufrieden gestellt.
Sie ging an mir vorbei und bog links ab zu der mit Intensivstation! Durchgang verboten beschriftete Tür, öffnete sie und ging gleich in das erste Zimmer auf der linken Seite, ich immer folgsam hinter ihr her.
»Hier ziehen Sie sich das über, ich warte draußen vor der Tür«, sagte sie und reichte mir einen grünen langen Kittel aus dünnem Stoff.
Dieses Bekleidungsstück kannte ich auch schon aus dem Unfallkrankenhaus Altona, in dem ich gearbeitet hatte. Ich zog ihn mir über und ging raus zu ihr.
»So, dann wollen wir mal zu Ihrem Bruder gehen. Er ist aber von der Narkose noch etwas weggetreten. Die OP ist sehr gut verlaufen, nur braucht er noch zwei Wochen bis er entlassen werden kann«, erklärte sie mir den Gesundheitszustand meines Bruders.
Sie öffnete eine Tür und ging hinein.
»Hallo Herr Binzel, hier ist schon der erste Besuch für sie da, Ihr Bruder. Wie fühlen sie sich denn?«, sprudelte es aus ihr heraus. Clemens sah mich noch weggetreten und verdutzt an und ich nickte ihm zu.
Er nahm die Situation sofort auf und checkte was gemeint war, trotz Narkose! Er hob die Hand als Gruß zu mir und nuschelte etwas zu der Schwester, was sich wie:
»Es geht. Ich habe Hunger«, anhörte.
»Sie dürfen erst mal noch nichts Essen Herr Binzel, Sie hatten immerhin einen Magendurchbruch. Aber ich mache Ihnen einen Lappen mit Wasser nass, da können Sie sich dann die Lippen mit anfeuchten, gegen den Durst«, fügte Sie noch hinzu.
»Bleiben sie nicht zu lange, Ihr Bruder ist noch geschwächt. Kommen Sie lieber morgen noch mal wieder«, sagte Sie an mich gewandt und ging hinaus.
»War Rene schon bei dir?«, fragte ich Clemens neugierig. Obwohl ich die Antwort ja schon kannte. An diesem Drachen von Schwester kam keiner vorbei, aber Rene war auch mit allen Wassern gewaschen. Clemens schüttelte vorsichtig den Kopf und sah mich fragend an.
»Ja, heute Morgen als du operiert wurdest, wollte er frühstücken gehen und seitdem ist er weg, und ich habe ihn nicht mehr gesehen«, versuchte ich ihm die Situation zu erklären.
Er nickte und nuschelte vor sich hin:
»Rene mag keine Krankenhäuser«, sagte er. Das Genuschel kam von dem Schlauch, den man während einer OP in den Hals bekommt und dadurch alles wund wird.
»Na ja, es hat ja Gott sei Dank keine Komplikationen bei der OP gegeben. Ich werde jetzt erst mal raus zum Wagen gehen und mich etwas frisch machen. Ich komme heute Nachmittag wieder und schau nach dir, lass es dir bis dahin gut gehen. Tschüss Clemens bis später.«
Beim Hinausgehen hob ich grüßend die Hand und verließ das Zimmer.
So langsam musste ich mal nachsehen, wo Rene steckte. Ich ging hinunter auf den Parkplatz und stellte überrascht fest, dass das Fahrzeug von Rene war weg. Ich hatte das Gefühl, als wenn in meinen Magen Ratten tätig waren und an meiner Magenwand knabberten.
> Warum war er weggefahren? Hatte er etwas zu besorgen? < Ich ging zu meinem Wagen in der Hoffnung, eine Nachricht von ihm vorzufinden. Nichts!
> Jetzt machst Du dich erst einmal fertig <, dachte ich mir. Rasieren, waschen, umziehen und dann sieht man weiter. Als ich mit meiner Morgentoilette fertig war, war es schon Mittag. Ich setzte mich auf einen Klappstuhl neben den Wagen und überlegte, was ich am besten machen könnte.
»He, sie da. Hier ist kein Campingplatz, das ist ein Krankenhausparkplatz!«, wurde ich mit scharfer Stimme von hinten angesprochen.
Ich drehte mich um, um mir die Person anzusehen, die mich da anmachte. Da stand ein Wachmann vom Krankenhaus, die Hände in die Hüften gestemmt und sah mich mit strenger Mine an.
»Tja, ich weiß. Aber ich habe heute Morgen meinen Freund mit Magendurchbruch eingeliefert und wohne in Hamburg. Deshalb bin ich hier gleich stehen geblieben, um nachher noch mal zu ihm rein zu gehen. Wir wollten eigentlich eine Expedition durch Afrika machen und sind hier hängen geblieben.«
Er kam interessiert näher und seine Mine wurde etwas freundlicher.
»Ah so. Sie sind auf der Durchreise nach Afrika, deshalb auch der umgebaute Wagen. Wann fahren Sie denn weiter?«
»Das weiß ich im Moment noch nicht so genau. Ich warte noch auf einen Freund mit dem zweiten Wagen. Der ist weggefahren, und ich weiß nicht wohin.«
»Ja, den habe ich bei Schichtbeginn vom Parkplatz fahren sehen. Er ist Richtung Stadt gefahren.«
Die Ratten in meinem Magen verstärkten ihre Tätigkeit schon wieder, warum nur?
»Gut, dann werde ich mal hinterher fahren. Kann ich denn vielleicht heute Nacht hier stehen bleiben, damit ich morgen früh gleich wieder meinen Freund besuchen kann?«, fragte ich ihn mit der nettesten Stimme, die ich hervor bringen konnte.
»Na ja, das Campen ist hier ja verboten. Aber wenn sie nichts draußen stehen lassen, sieht man ja nicht ob jemand im Auto schläft. Ich sage meiner Ablösung Bescheid, dann geht es schon mal.«
»Schön und vielen Dank dafür. Dann werde ich jetzt mal in die Stadt fahren und nachsehen, wo mein Freund bleibt.«
Ich verstaute den Klappstuhl im Fahrzeug, schwang mich ins Fahrerhaus, fuhr vom Parkplatz runter, Richtung Stadt. Die war nicht weit entfernt und ich war nach kurzer Fahrzeit mitten auf dem Marktplatz. Schon beim Einparken versammelten sich einige Menschen um den Wagen und schauten ihn neugierig an. Ich stieg aus und versuchte mich zu orientieren.
»He, ist hier irgendwo ein Nest? Gibt es noch mehr von Euch«, wurde ich von einem Jugendlichen gefragt.
Ich sah ihn an und ging langsam auf ihn zu.
»Wieso? Hast du heute schon einmal so einen Wagen gesehen?«, fragte ich ihn, die Antwort schon im Voraus kennend.
»Ja, heute Morgen ganz früh, als ich zur Schule ging. Der hat mich gefragt, wo hier eine Bank ist«, kam die Antwort.
Jetzt hatten die Ratten die Magenwand durchgebissen, ich brauchte unbedingt etwas Hartes zum Trinken um sie zu beruhigen.
»Und wo ist die nächste Bank?", fragt ich ihn.
»Gleich hier um die Ecke, wenn Sie herkommen können Sie sie sogar sehen«, sagte er und zeigte nach rechts auf die Häuserecke.
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