Um ganz sicher zu gehen, belegten wir noch einen Überleben Land- Lehrgang. Hier lernten wir zu überleben, ohne etwas zu haben, außer den von der Natur bereit gestellten Nahrungsmitteln. Da wir aber in Afrika meistens mit Sand zu tun hatten, haben wir uns auch damit beschäftigt und viel über die Sahara und die Tücken des Landes gelesen.
Dann war es soweit, alle Ausrüstungsgegenstände waren verstaut, wir hatten alles am Mann was man brauchen konnte, Jagdmesser am Oberschenkel, die Macheten lagen griffbereit neben den Sitzen und die Jagdgewehre waren hinter den Vordersitzen in Kisten sicher eingeschlossen.
Ich verabschiedete mich von meiner damaligen Frau und versprach, dass wir uns von unterwegs, bei den vorgegebenen Punkten, den Konsulaten, immer wieder melden würden.
Die erste geplante Etappe verlief recht zügig, über die Autobahn bis zur Österreichischen Grenze. Von hier sollte es dann am nächsten Tag weiter gehen Richtung Türkei. Die erste Nacht verbrachten wir auf einem Rastplatz, saßen am Abend zusammen und fieberten dem nächsten Tag entgegen. Denn da sollte es schon in unbekanntes Land gehen.
Clemens und Rene schliefen in dem einen und ich, alleine, in dem zweiten Fahrzeug. Am frühen Morgen, es war noch dunkel, klopfte es an der Seitenwand, und ich hörte Rene rufen:
»Kalle, komm schnell rüber. Clemens geht es nicht gut, der hat Fieber und ist ganz weggetreten!«
»Ich komme«, sagte ich und rutschte von der Liege, schnappte mir meinen Medikamentenkoffer und stieg aus. Wir hatten zum Schlafen alle unsere Trainingsanzüge an und so konnte ich gleich zum anderen Fahrzeug gehen. Rene hatte schon die Tür geöffnet und ich stieg ein, man konnte schon riechen, dass es hier um mehr als eine Erkältung ging. Es roch nach Schweiß und Exkrementen. Ich hielt meine Hand an seine Stirn und zuckte zurück, kochen heiß war sie.
»Rene gib mir mal ein Becher Wasser«, sagte ich zu ihm und nahm ein Aspirin aus der Tasche um es im Becher aufzulösen. Das sollte erst einmal helfen, jedenfalls bis wir im Krankenhaus waren.
»Lass uns ins nächste Krankenhaus fahren, Du fährst den Wagen und ich komme mit dem anderen hinterher. Schau mal auf der Karte nach, wo das nächste Krankenhaus ist«.
Er setzte sich auf den Fahrersitz und schnappte sich die Karte. Ich gab Clemens einen Schluck aus dem Becher zu trinken. Das hätte ich mal lieber nicht machen sollen, er schrie auf und hielt sich den Bauch.
»Er muss etwas mit dem Darm haben. Rene, fahr vorsichtig, er hat starke Schmerzen«, sagte ich, nahm meine Tasche und stieg aus.
»Hast du schon ein Krankenhaus gefunden?«
»Ja, hier, in zirka fünfzehn Kilometern Entfernung.«
»Gut, dann mal los!«
Ich schloss die Tür und ging zu dem zweiten Wagen zurück, während Rene schon losfuhr. Ich stieg ein und fuhr ihm hinterher.
Ich konnte mir absolut nicht vorstellen, was Clemens mit dem Darm haben sollte, haben wir uns doch alle Wochen vorher von Ärzten untersuchen und durchchecken lassen. Ich stellte mir vor, was wäre gewesen, wenn das in der Wüste passiert wäre? Ich glaube dann wären die Spaten, die wir natürlich auch dabei gehabt hatten, zum Einsatz gekommen. Nach gut einer halben Stunde Fahrweg, bog Rene in die Auffahrt des Krankenhauses ein, wir stoppten an der Tür für die Notaufnahme. Kaum waren wir ausgestiegen, wurde die Tür zur Notaufnahme von innen aufgestoßen und wir wurden angebrüllt.
»Was macht Ihr den mit den Fahrzeugen in der Krankenwagenauffahrt? Ihr habt hier nichts zu suchen, das ist doch kein Parkplatz!«
Ich konnte erkennen, dass es ein Pfleger der Notaufnahme war und antwortete ruhig.
»Ganz ruhig Mann, wir haben einen Notfall im Auto. Unser Freund hat tierische Schmerzen im Unterbauchbereich, vielleicht eine Blinddarmentzündung oder einen Magendurchbruch. Schnell holen Sie eine Liege«, dass musste ich ihm nicht zweimal sagen. Wie von der Tarantel gestochen machte er kehrt, lief wieder ins Haus und rief dabei laut:
»Ein Notfall, ein Notfall, in den OP damit. Verdacht auf Blindarmdurchbruch!» und schon kam er mit einer Liege angelaufen mit zwei Schwestern und einem Arzt im Schlepptau. Der Arzt stieg in den Wagen und untersuchte Clemens in dem er ihm den Bauch abdrückte, was einen tierischen Schrei seinerseits nach sich zog. Der Arzt zuckte erschrocken mit der Hand zurück und sah mich an.
»Das kann kein Blinddarm sein, dass sieht wie ein Magendurchbruch aus. Seit wann hat er denn die Schmerzen?«, fragte er.
Ich sah zu Rene hinüber, er zuckte nur mit der Schulter.
»Wir haben nichts davon bemerkt, dass er Schmerzen hat und er hat auch nichts gesagt. Erst heute Morgen, als er starkes Fieber hatte, wurden wir darauf aufmerksam.«
»Wie dem auch sei, helfen Sie uns doch mal ihn aus dem Wagen zu hieven, ohne dass er allzu viel Schmerzen dabei hat«, bat uns der Arzt.
Wir versuchten in aus dem engen Kofferwagen mit vier Mann und zwei Schwestern langsam heraus zu heben und ihn auf die Liege zu legen, was auch soweit ganz gut klappte. Er hat dabei nur dreimal vor Schmerzen aufgeschrien. Sofort schnappte sich der Pfleger die Liege und schob ihn rein, nicht ohne uns vorher noch über die Schulter zuzurufen:
»Die Auffahrt müsst Ihr aber sofort wieder frei machen. Parkt vorne am Eingang«, und schon fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss.
Wir stiegen in die Fahrzeuge ein, fuhren um das Krankenhaus herum zum vorderen Eingang, suchten uns zwei Parkplätze, stellten die Fahrzeuge ab und gingen durch den Haupteingang wieder rein. Beim Pförtner erkundigten wir uns nach der Notaufnahme und gingen bis zur Tür, auf der: “Notaufnahme! Kein Zutritt für Unbefugte. Bitte im Schwesternzimmer melden“, stand.
Das Schwesternzimmer lag direkt daneben, wir klopften an und gingen hinein. Es war leer, na klar, die waren ja alle bei Clemens im OP. Wir ließen die Tür auf, damit wir hören konnten, wenn jemand vom hinteren Bereich aus in das Schwesternzimmer kam und setzten uns beide im Flur auf eine Holzbank.
Was machen wir den jetzt mit unserer Expedition? Sollen wir jetzt alleine fahren?«, fragte mich Rene.
»Wir können Clemens jetzt nicht alleine hier liegen lassen. Erst mal hören, was die Ärzte sagen, und dann sehen wir weiter. Im Prinzip könnten wir die Tour auch alleine machen. Aber erst, wenn es Clemens besser geht«.
»Gut, dann warten wir mal ab, was Sache ist. Wollen wir gleich in die Kantine gehen und frühstücken?«, fragte er mich.
»Am besten wäre es, wenn einer immer hier ist. Die wissen doch gar nicht, wer Clemens ist und wo wir dann sind. Geh du schon mal los und löse mich dann ab«.
»Gut, dann Tschüss«, sagte er, stand auf und ging den Flur runter.
> Wieso Tschüss? <, dachte ich, bevor sich meine Gedanken wieder mit Clemens beschäftigten.
Es verging eine, es vergingen zwei Stunden. Weder Rene noch eine Schwester kamen vorbei. Dann wurde die Tür zur Notaufnahme aufgerissen und der Pfleger kam raus.
»So, es ist alles gut gelaufen, er wird überleben und wieder gesund werden. Jetzt brauche ich noch die Daten Ihres Freundes. Wo ist denn der andere geblieben? «, fragte er mich. Ich zuckte nur mit den Schultern.
»Weis ich nicht, er wollte nur frühstücken gehen und mich dann hier ablösen, damit ich auch was zwischen die Zähne bekomme.«
»Das können Sie ja gleich tun, erst füllen wir mal die Unterlagen zusammen aus«, sagte er bestimmt.
Wir gingen in das Schwesternzimmer und ich setzte mich neben den Schreibtisch, um seine Fragen zu beantworten. So langsam wurde es Zeit, dass ich etwas zwischen die Kiemen bekam, das Krankenhaus füllte sich auch immer mehr und ich ging, nach dem alle Formalitäten erledigt waren, in die Kantine.
An der Tür schaute ich mich um und hielt Ausschau nach Rene. War er noch hier, oder etwa schon zur Station zurückgegangen? Da ich ihn nicht sehen konnte, ging ich zur Theke und bestellte ein Frühstück mit Kaffee und einem Ei, setzte mich damit an einen Tisch und fing an zu Essen. Ich ließ mir Zeit damit und holte mir noch eine Tasse Kaffee, bevor ich das Tablett wieder zurück brachte. Ich dachte an Clemens und ging wieder zurück zur Notaufnahme und fragte den Pfleger, der uns heute Morgen empfangen hatte:
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