Mariettas Leiche wurde Torrini überlassen, denn Burini zeigte keinerlei Interesse an ihr. Für ihn schien es seine Frau nicht mehr zu geben; nur noch sein Sohn war ihm wichtig.
Moretti drängte Kuja, die Reise abzubrechen und sofort nach Alimante zurückzukehren, doch der schüttelte den Kopf. Nein, so gern er das auch getan hätte, er musste seine Pflicht trotz der tiefen Trauer und der Schuldgefühle, die er in sich spürte, erfüllen. Avato bot sich an, sie nach Santarole zu begleiten, doch Kuja bat ihn stattdessen, zusammen mit zwei von Morettis Männern, Tizian und Giovanni auf dem schnellsten Weg nach Alimante zu bringen, was er natürlich ohne zu zögern zu erfüllen versprach.
Noch bevor die Sonne ihren Höhepunkt erreicht hatte, setzen Kuja, Moretti und sein Trupp ihren Weg fort. Fortan aber ritten sie sehr schnell und machten kaum Rast. In den Städten, die sie besuchten, erklärte Moretti den Stadthaltern die außergewöhnliche Situation und bat um Rücksicht. Niemand blieb davon unbeeindruckt und so konnte Kuja die Verkündigung der bevorstehenden Hochzeit, sowie die offizielle Einladung, ausbringen, ohne im Anschluss an einer ausgiebigen Feierlichkeit teilnehmen zu müssen. Stattdessen konnte der Trupp zügig weiterreisen. Dafür war Kuja wirklich dankbar und in den Augen der Stadthalter erkannte er, dass sie ihm sein Kommen unter diesen Umständen hoch anrechneten.
Den im Normalfall zwei Wochen andauernden Rest ihrer Reise konnten sie so in nur neun Tagen hinter sich bringen. Kuja wusste, dass er Moretti und seinen Männern viel abverlangte, doch sie alle murrten zu keiner Zeit. Allerdings ließen sie ihn, sicherlich aus Rücksicht, mit seinen Gedanken und seinem Schmerz allein, weil sie vielleicht hofften, er würde in den langen Stunden des Reitens Trost finden und anfangen, die Tragödie zu verarbeiten. Doch dem war nicht so.
Ganz im Gegenteil: Kuja wurde sich stets immer zuerst bewusst, dass nicht Marietta, sondern er selbst seine beiden Freunde getötet hatte und diese junge, wunderschöne Frau ein unschuldiges Bauernopfer gewesen war, das qualvoll vor ihren Augen sein Leben lassen musste. Wie also sollte er Trost und Läuterung finden, wenn ihm als Mörder doch auch nur der Tod zustand?
Damit man ihm seine Verzweiflung nicht ansah, ritt er immer öfter voraus und legte dabei ein schonungsloses Tempo vor.
Und als er schon glaubte, er könne mit seiner Schuld nicht mehr leben und müsse sich Moretti und seinen Männern offenbaren, tauchte vor ihm Alimante auf, die Hauptstadt des Fürstentums.
Sofort sah er das Bild seiner geliebten Mariella vor sich, seiner zukünftigen Frau. Augenblicklich erhöhte sich sein Herzschlag und seine Verzweiflung wich unglaublicher Sehnsucht nach ihr. Wenn es Jemanden gab, der seinen Weg in die Hölle noch verhindern konnte, dann war sie es. Getrieben von dem gewaltigen Verlangen, sie endlich wieder in seine Arme schließen zu können, gab er seinem Pferd die Sporen und donnerte in gestrecktem Galopp über die östliche Ebene.
Auf halber Strecke musste man ihn erkannt haben, denn die Stadttore öffneten sich und zeitgleich ertönte die fürstliche Fanfare zum Zeichen seiner Rückkehr.
Kuja hielt sein Tempo bei und erst, als er die Tore passiert hatte, riss er hart an den Zügeln seines Hengstes, der daraufhin scharf abbremste und sich mit einem zornigen Wiehern auf seine Hinterläufe stellte. Kuja aber blieb schonungslos und zwang das Tier in den Stand. Er sprang ab, kaum, dass ein Knappe schnell genug war, die Zügel zu ergreifen und ging mit schnellen Schritten in das Innere der fürstlichen Residenz.
Sein Weg führte ihn über die große Eingangstreppe zu einem großen, langen Flur, der ihn geradewegs in den Thronsaal bringen würde, wo Kuja seinen Vater, vielleicht sogar seine Mutter wähnte. Doch er hatte nicht vor, dorthin zu gehen. Auf halber Strecke gab es rechterhand eine gewaltige, freitragende Treppe, die in die oberen Stockwerke führte. Dort hoffte er Mariella zu finden, den Menschen, den er jetzt mehr, als jeden anderen brauchte.
Kaum hatte er diesen Gedanken gefasst, sah er sie auch schon die letzten Treppenstufen hinunterlaufen und dann auf ihn zukommen.
Sein Pulsschlag erhöhte sich. Ihre schlanke Gestalt schien über dem Marmorfußboden zu schweben. Ihr dunkelblaues, weichfließendes Satinkleid raschelte und umschmeichelte ihren wundervollen Körper. Ihre blonden Haare trug sie offen und sie tänzelten keck auf ihren Schultern. Als sie sich ihm näherte, konnte Kuja ein verhaltenes Lächeln auf ihren Lippen erkennen. Ihre Augen leuchteten wie Diamanten. "Kuja!" rief sie und sogleich wurde ihr Lächeln immer breiter, entwickelte sich zu einem strahlenden Lachen. Wenige Augenblicke später hatte sie ihn erreicht. Kuja konnte gerade noch seine Arme ausbreiten, als sie auch schon absprang und ihm aus vollem Lauf um den Hals fiel. Kuja genoss ihre Freude über das Wiedersehen und drehte sich einmal um seine eigene Achse, um ihren Schwung abzubremsen, während er spürte, wie sehr Mariella ihren Körper an ihn drückte. Augenblicklich betörte ihn ihr wundervoll frischer, aber zugleich auch leicht süßlicher Duft. Er konnte sich nicht erwehren, ebenfalls zu lächeln. Oh, wie sehr hatte er all das vermisst! Warum nur hatte er diese Frau je verlassen müssen, wenn auch nur für die Tatsache, aller Welt seine Hochzeit mit diesem Engel zu verkünden? Oh. er war so unendlich froh, wieder hier zu sein!
Mariella sank wieder auf ihre Beine, zog ihren Kopf ein wenig zurück, bis sie Kuja aus nächster Nähe direkt in seine Augen schauen konnte. Als sie sein Lächeln erkannte, strahlte sie nur noch mehr und konnte schließlich auch ihr Verlangen nicht mehr zügeln. Ihr Kopf zuckte nach vorn und kaum, dass sich ihre Lippen berührten, schob sie ihre Zunge in seinen Mund.
In diesem Moment fiel alle Last von ihm ab. Sein Verlangen nach Mariella war unendlich groß und ihr Kuss, so wild, so feucht, so leidenschaftlich erwiderte er mit der ganzen Kraft seines Herzens. Er spürte, wie eine Woge heißer Erregung durch seinen Körper schwappte und sich in seinen Lenden manifestierte.
Auch Mariella stöhnte tief und inbrünstig auf. Für einen Moment schien sie sich ihrer Erregung vollkommen hingeben zu wollen, doch dann riss sie sich zusammen und trennte sich wieder von Kuja. Mit leuchtenden Augen strahlte sie ihn an. "Ich habe dich so vermisst!" hauchte sie und küsste ihn nochmals kurz, aber sehr leidenschaftlich.
"Ich…!" Plötzlich brach Kujas Stimme und Tränen schossen ihm ins Gesicht. "Gott weiß, wie sehr ich dich…!" Seine Stimme wurde zu einem rauen Krächzen. "…vermisst habe!" Und im selben Moment begann er hemmungslos zu weinen.
Mariellas Lächeln erstarb augenblicklich und wich einer zutiefst mitfühlenden Miene. Sie schloss Kuja in ihre Arme und während der Fürstensohn leise schluchzende Tränen des Schmerzes in ihre Schulter weinte, ließ auch sie ihren eigenen Tränen freien Lauf. "Es tut mir so leid!" sagte sie, drückte ihn fester und streichelte mit ihrer linken Hand seinen Hinterkopf. "Es tut mir so leid, Kuja!"
"Ich…!" stieß der Fürstensohn hervor, doch brach seine Stimme wieder ab. "Ich…kann…!" Wieder eine Pause. "Ich habe sie so geliebt!" Worte gefolgt von einem weiteren Tränenschauer.
"Ich weiß, Kuja!" Man sah, dass es Mariella sichtlich schwerfiel, ihre Fassung zu bewahren, schließlich wusste sie um das enge Band zwischen ihm, Tizian und Giovanni. Nicht zuletzt waren es auch für sie gute Freunde gewesen. "Oh, das weiß ich!" Sie atmete tief durch. "Und ich wünschte so sehr, es wäre dir erspart geblieben!" Während sie Kuja wieder fester hielt und spürte, dass er sich allmählich beruhigte, hörte sie, wie sich hinter ihnen die Tür zum Thronsaal öffnete, sogleich wieder schloss und dann leise Schritte, die schnell näherkamen.
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