»Gut, Caballeros. Ich will euch mehr erzählen. Aber ihr müßt für euch behalten, was ihr hier hört. Die Gräfin darf nicht vor der Zeit erfahren, was wir von ihr wissen. Wenn ihr natürlich einen guten Freund habt, der seinerseits verschwiegen ist, so könnt ihr getrost das Maul aufmachen.«
Juan fing seine Sache nicht schlecht an. Michel hätte an dem gerissenen Burschen seine helle Freude gehabt. Morgen würde man das »Geheimnis« im ganzen Gebirge kennen. Die Bauern hörten sich die Geschichte vom falschen Grafen mit offenen Mündern an. Besonders, als ihnen klar wurde, daß die Gräfin mit dem Vetter des gefangenen Grafen ein Verhältnis unterhielt, machte sich ihre Empörung mit lauten Worten Luft. Und diese Empörung der biederen Bauern war das beste Mittel, um auch der Obrigkeit, vor allen Dingen dem Pfarrer und dem Alcalden Nachricht von den Dingen zukommen zu lassen, die sich auf Schloß Villaverde abspielten.
Als Juan geendet hatte, fand jeder der Zuhörer bald einen wichtigen Grund, um sich zu verabschieden. Juan aber rieb sich vergnügt die Hände. Wenn er das nicht gut gemacht hatte!
Eine Woche war seit dem Ausbruch Michels vergangen. Die Diener und Söldner des Grafen waren nach und nach unverrichteter Dinge wieder heimgekehrt. Alles Toben half Marina nichts. Der Flüchtling blieb verschwunden.
In seiner Zelle saß Graf de Villaverde y Bielsa und zweifelte an Gott und der Welt. Sollte ihn der einstige Leidensgefährte so bald vergessen haben?Da ließ ihn ein scharfes Klirren erschrecken, und eine Stimme flüsterte:
»Hier, am Fenster — ich liege auf der Erde. Hört Ihr mich, Graf?«
Ein zitterndes Ja war die Antwort. Als sich der Gefangene einigermaßen von seiner
Überraschung erholt hatte, fragte er:
»Seid Ihr es, Senor Baum?«
»Ja. Ich bin nur gekommen, um Euch zu sagen, daß ich Euch nicht vergessen habe. Seid gewiß, daß ich alles daran setzen werde, um Euch zu befreien und Euch zu Euerm Recht zu verhelfen. Es ist gefährlich für mich; denn der Mond scheint heute sehr hell. Ich möchte mich nicht einer zweiten Gefangennahme aussetzen. Deshalb ziehe ich mich jetzt zurück. Haltet noch ein paar Tage aus. Buenas noches, Don Esteban.«
Noch ehe der Graf eine Antwort fand, war der Sprecher verschwunden. Ein kühler Luftzug pfiff durch die zerschlagene Scheibe. Aber die frohe Nachricht brachte Don Esteban zum Glühen. Sein Herz schlug wie ein Hammer.
Der Alcalde und der Pfarrer des Dorfes Bielsa saßen am Sonntag nach der Kirche in der guten Stube des Alcalden beisammen und sprachen über das Wetter und den kommenden Winter. »Glaubt Ihr, Hochwürden, daß Gott uns große Kälte schicken wird?« Der Pfarrer schaute nachdenklich aus dem Fenster.
»Man hat in diesem Jahr Eisvögel hier oben gesehen. Sie sind verläßliche Boten des Herrn. Ich glaube, wir müssen damit rechnen, daß wir wieder einmal für Monate von der Umwelt abgeschnitten sein werden. Die Menschen werden immer sündiger. Es ist keine Frömmigkeit mehr in ihnen. Was läge näher, als daß Gott seinem Zorn durch die Unbilden des Wetters Ausdruck verleiht.«
»Hm, hm«, machte der Alcalde, »ich glaube, Hochwürden urteilen ein wenig zu streng. Ist es eine Sünde, wenn meine Bauern, die den ganzen Tag für andere schuften müssen, sich am Abend die Zeit beim Würfelspiel vertreiben?«
»Gott hat den Menschen geschaffen, damit er arbeite und bete. Würfelspiel ist Teufelsdreck. Es
macht den Menschen rebellisch und aufsässig.«
Der Alcalde zog das Tischtuch glatt, das sich verschoben hatte.
»Was halten Hochwürden eigentlich von dem Gerücht, das über den Grafen de Villaverde und dessen Frau im Volke umgeht?«
»Was für ein Gerücht ist das?« fragte der Pfarrer erstaunt. Der Alcalde erzählte ihm, was er wußte.
»Sollte man da nicht einmal nach dem Rechten sehen?« fügte er hinzu. Der Pfarrer winkte ab.
»Die Leute reden viel. Sie zerreißen sich die Mäuler über Dinge, die sie nichts angehen. Die gräfliche Familie führt ein Gott wohlgefälliges Leben. Sie erscheint trotz des beschwerlichen Weges oft in der Kirche.«
Der Alcalde schwieg eine Weile. Dann fragte er:»Findet Ihr, daß es ein Gott wohlgefälliges Werk ist, wenn die Bauern vier Tage für den Herrn arbeiten müssen und dann noch von Jahr zu Jahr die Abgaben erhöht werden?«
Jetzt kam Bewegung in den Pfarrer. Er war ein streitbarer Herr.
»Aha, darauf wollt Ihr hinaus! Ihr nehmt die Gerüchte über die Herrschaft zum Anlaß, um gegen sie zu konspirieren. Laßt Euch sagen, daß so etwas niemals zu einem guten Ende führt. Die Obrigkeit ist von Gott gewollt. Gebt Gott, was Gottes ist, und dem Kaiser, was des Kaisers ist.« Der Alcalde ließ sich nicht so leicht beirren.
»Und wenn der Kaiser nun ein falscher Kaiser ist?« fragte er den Pfarrer unvermittelt. »Gilt dann der Bibelspruch auch für den falschen?«
»Natürlich nicht. Aber ich sage Euch, diese Behauptung ist absurd.« »Und woher wißt Ihr das so genau. Hochwürden?«
»Das gräfliche Paar führt ein gutes und frommes Leben, das sagte ich doch bereits.« Der Alcalde stand bedächtig auf.
»Ist das auch fromm, wenn man einen Knecht zu Tode peitschen läßt?« »Wer hat das getan?«
»Die fromme Gräfin. Man hat Pedro, den Schäfer, wie einen Hund in ungeweihter Erde begraben.«
Jetzt wurde der Pfarrer nachdenklich. »Hat man Euch den Tod gemeldet, Alcalde?« »Keine Spur. Alles ist Gerücht.« Der Pfarrer winkte ab.
»Für Leute wie Euch und mich schickt es sich nicht, solchem Gerede nachzugehen.«
»Es ist kein Gerede, Senor Pfarrer«, erklang da plötzlich eine Stimme von der Tür her.
Die beiden fuhren herum und starrten einem Fremden ins Gesicht, der in abgerissenen Kleidern,
aber mit Degen und Büchse bewaffnet, im Rahmen der Tür stand.
Der Pfarrer ermannte sich als erster.
»Wer bist du, Fremder?«
»Warum willst du das wissen? Was könnte es dir nützen, wenn du es wüßtest? Ich habe euerm Gespräch entnommen, daß du sowieso nicht an die Schuld des falschen Grafen glaubst. Aber in mir hast du einen Kronzeugen.«
Der Pfarrer war von der formlosen Anrede des Fremden reichlich überrascht, konnte sich aber
genügend beherrschen, um einen gewissen Gleichmut zur Schau zu tragen.
»Willst du mir nicht meine Frage beantworten?« erwiderte er ruhig. »Ich möchte deinen Namen
wissen.«
Michel Baum trat gelassen in den Raum und setzte sich mit der größten Selbstverständlichkeit der Welt in einen Stuhl, der dem Pfarrer gegenüberstand.
»Ich habe nichts zu verbergen,« sagte er, »ich heiße Michel Baum, ein Name, der dir höchstens sagen wird, aus welchem Land ich komme. Hier irn Gebirge nennen sie mich schlechthin: El Silbador.«
Wie um die Wahrheit seiner Worte zu bestätigen, begann er auf einmal laut zu pfeifen.
Dem Pfarrer liefen kalte Schauer über den Rücken. Er hob die Hand und rief entsetzt:
»Halt ein, Sohn des Teufels! Willst du nicht deine Seele im Gebet erleichtern?«
Michel sah ihn mit einem unbestimmten Ausdruck inden Augen an. Dann schüttelte er den Kopf
und fragte sanft:
»Glaubst du, es mit einem Kinde zu tun zu haben? Mache ich den Eindruck, daß ich meine Seele im Gebet erleichtern müßte?«
»Jeder Mensch hat das Beten nötig«, erklärte der Pfarrer kategorisch.
»Möglich«, antwortete Michel gleichgültig. »Einen kenne ich zumindest, der fest daran glaubt, daß ihn das Gebet aus seiner unverdienten Gefangenschaft befreien wird. Es liegt an euch beiden, ihn nicht zu enttäuschen.« Da mischte sich der Alcalde ins Gespräch. »Wen meint Ihr, Senor Silbador?«
»Den echten Grafen, Esteban de Villaverde y Bielsa, der in dem Verließ seines eigenen
Schlosses der Freiheit entgegenschmachtet.«
»Erzählt, was Ihr davon wißt, Senor«, bat der Alcalde dringed.
Читать дальше