* * *
Es ist das erste Mal, dass sie ein Fußballspiel im Auto hört. Mit dem Blick über die Lahnwiesen, in denen die Luft flimmert und die Pappeln am Fluss aussehen lässt wie Palmen, die ein Verdurstender in der Wüste sieht: nicht im Boden verwurzelt, sondern in die flüssige Luft gemalt, in entfernungsloser Distanz. Argentinien ist der erwartet schwere Gegner.»Die Gauchos«, sagt der Reporter, und Kerstin stellt sich finstere Männer in langen Umhängen vor, denen beim Laufen der Revolver gegen die Schenkel schlägt. Ein unsichtbares Publikum hat sich in ihrem Auto breitgemacht, stöhnt, singt, hält die Luft an und lässt sie mit einem Schrei der Enttäuschung oder Erleichterung wieder entweichen. Mitte der ersten Halbzeit muss sie die Fenster an beiden Seiten herunterlassen, um Anflüge von Klaustrophobie zu vermeiden. Siebzigtausend sitzen» im weiten Rund des Olympiastadions «und sehen ohnmächtig dem Kampf der Götter zu. Freud und Leid, Freund und Feind, Himmel und Hölle, alles dicht gedrängt und nur durch Sekunden voneinander geschieden. Am bemerkenswertesten erscheint ihr, dass es einen Schiedsrichter gibt, der dieses schicksalsträchtige Ringen mittels einer Trillerpfeife lenkt. Jedes Mal, wenn der schneidende Pfiff ertönt, erwartet sie gleich darauf einen Schuss zu hören und den Reporter mit lakonischer Stimme sagen: Geschieht ihm recht, was mischt er sich ein.
Was sind das für Gauchos, die sich einer trillernden Gouvernante fügen?
Schon die ganze Woche über fühlt sie sich im Auto am wohlsten, egal ob sie ins Krankenhaus fährt oder Besorgungen in der Stadt macht. Unterwegs und allein. Ein paar Mal hat sie die Fahrten ausgedehnt zu ziellosen Ausflügen in die Umgebung. Hat kurz vor Ladenschluss in Arnau oder Kernbach gekauft, was sie ebenso gut bei König’s hätte bekommen können. Alles ist besser, als zu Hause zu sitzen und darauf zu warten, dass sich die Erinnerung an das vergangene Wochenende zu ihr gesellt wie ein Verehrer mit Mundgeruch.
Sie spürt förmlich, wie ihr die Zeit davonläuft. Schon jetzt deutet außer den offenen Eingangstüren nichts mehr auf die Anwesenheit eines menschlichen Wesens im Schulgebäude, aber trotzdem bleibt sie sitzen und hört der gepressten Stimme des Reporters zu.
Nun geh schon, sagt sie sich.
Den Nachmittag, den fünften Nachmittag in Folge, hat sie am Bett ihrer Mutter verbracht. Hat ihr die Hand gehalten, die Haare gekämmt und alle zehn Minuten nach der Schnabeltasse gegriffen, um ihr ein paar Tropfen Wasser zwischen die reglosen Lippen zu träufeln. Zwischendurch kurze Wortwechsel mit den Besuchern am Nachbarbett, in dem eine alte Frau ihren Oberschenkelhalsbruch auskuriert und in einem fort sagt: ’s wird schon wieder, gelle. Ansonsten Schweigen. Hohlwangig wegen des fehlenden Gebisses und mit einem fiebrig roten Glänzen auf der Stirn starrt ihre Mutter an die Decke. Klagt nicht über Kopfschmerzen, aber verzieht immer wieder das Gesicht, sogar im Schlaf. Manchmal fragt sie nach Hans. Innerhalb einer Woche ist aus einer alten Frau eine sieche Greisin geworden, und was als kurzer Aufenthalt für diverse Untersuchungen geplant war, sieht immer mehr nach Endstation aus. Dr. Hentig sagt das natürlich nicht, aber er macht ihr auch keine Hoffnung auf Besserung. Negativ, nennt er die Entwicklung. Selbst Hans war am Telefon wortkarg und hat für das Wochenende seinen Besuch angekündigt.
Jetzt im Auto fragt sie sich, worauf sie wartet. Um sie ist immer noch das sterile Aroma des Krankenzimmers, die Mischung aus Putzmittel und Besorgnis, geflüsterten Gesprächen und Bettgeruch. Sie hat Lust auf einen Spaziergang. Diese schweigend untätigen Nachmittage hinter weißen Gardinen zehren an ihr, aber die Bitte um Entlassung hat Dr. Hentig abschlägig beschieden. Erst sollen weitere Untersuchungen klären, woher die mysteriösen Kopfschmerzen kommen.
Aufstöhnen im Radio, ein Schuss ging daneben. Angeblich» um Haaresbreite«.
Von Weidmann ist nichts zu sehen. Die Schatten der Bäume bei den Fahrradständern reichen über den gesamten vorderen Schulhof. Der Eingang steht unverändert offen, aber niemand kommt mehr heraus oder geht hinein, und trotzdem weiß sie, dass er dort im leeren Schulgebäude sitzt, und ihr siebter Sinn sagt ihr, dass er sie gesehen hat. Von irgendeinem Fenster aus. Fünf Abende lang hat sie zu Hause gesessen und es unterlassen ihn anzurufen. Hat sich gesagt, dass die Krankheit ihrer Mutter wichtiger ist und sie beim Elternsprechtag sowieso Gelegenheit haben wird, mit ihm zu sprechen. Aber nun scheint der Sprechtag früher als angekündigt zu Ende zu gehen, und sie könnte nicht behaupten, sich sonderlich beeilt zu haben auf dem Weg zur Schule. In der Schneiderei Yilmaz war sie und hat ihr Kleid abgeholt. Hat in der Eisdiele einen Kaffee getrunken und wieder einmal versucht ihre Gedanken zu ordnen.
Dann gibt sie sich einen Ruck, schaltet das Radio aus und ihr Handy an. Wenigstens muss sie sich vergewissern, dass sie auf dem neuesten Stand ist in Sachen Daniel. Denn um den geht es, nicht um die lächerlichen Eskapaden seiner Mutter und seines Klassenlehrers. Sie hat sich vorgenommen, so geschäftsmäßig wie möglich aufzutreten, nicht abweisend, aber ohne Zerknirschung. Souverän, wenn möglich. Viel zu lange schon hat sie das alles schleifen lassen in der Hoffnung, diese hässliche Geschichte werde von selbst verschwinden, einfach zur Episode werden und …
«Bamberger. «Im Hintergrund hört sie das Rauschen des Stadions, das bis gerade eben ihr Auto gefüllt hat. Augenblicklich weiß sie nicht mehr, wie ausgerechnet Jürgen ihr helfen soll, sich auf das Gespräch mit Thomas Weidmann vorzubereiten.
«Ich bin’s.«
Prompt verschwindet das Rauschen. Er lässt sich nie etwas anmerken, wenn sie anruft. Sie weiß genau, wo er sitzt und wo der Fernseher steht im Wohnzimmer am Hainköppel. Horcht auf das kurze Schweigen, in dem er sich wahrscheinlich zu seiner jungen Frau umdreht, auf den Hörer deutet und die Augen verzieht: die Nervensäge. Sie horcht auf ein Lachen oder Schnauben im Hintergrund, aber da ist nichts. Am liebsten würde sie sofort wieder auflegen. Stattdessen sagt sie:
«Ich bin an der Schule und wollte mit Daniels Klassenlehrer sprechen. Aber da unser Sohn mir bisher nicht verraten hat, wie das Gespräch bei Endlers war und was sich in der Schule getan hat seitdem …«
«Ich war heute beim Elternsprechtag. «Er weiß genau, dass er sie damit überrascht.
«Du warst beim Sprechtag.«
«Vonseiten der Schule ist die Sache im Prinzip erledigt, hat der Klassenlehrer mir versichert. Granitzny hat sich die drei Delinquenten zur Brust genommen und geht davon aus, dass sie solche Dummheiten künftig unterlassen. Jetzt liegt’s an Daniel — und an uns —, dafür zu sorgen, dass das in seinem Fall auch stimmt.«
«Hat der Klassenlehrer gesagt.«
«Der letzte Satz war von mir.«
«Wie war’s bei Endlers?«
«Unangenehm. Aber er hat sich entschuldigt. Er hat gesagt, er weiß selbst nicht, warum er das gemacht hat. Dass er sich hat hinreißen lassen. Als Erklärung ist das nicht sonderlich überzeugend, aber es kam mir auch nicht gelogen vor. «Jürgens Stimme verrät, dass er nur mit halber Aufmerksamkeit spricht und mit den Augen weiterhin dem Spiel folgt. Er fühlt sich wohl in seinem Wohnzimmer, von allem Ungemach der Welt durch feste Mauern geschützt, in sich ruhend.»Mit sechzehn ist man sich selbst wahrscheinlich nicht unbedingt transparent.«
«Und Endlers?«
«Kerstin, das Gespräch war vor einem Monat. Ich glaube, sie hätten es gut gefunden, wenn du dich bei ihnen gemeldet hättest, aber offenbar ist das nicht geschehen. Jetzt ist die Sache vorbei, was willst du noch?«
«Verstehen, was passiert ist.«
«Das fällt dir spät ein.«
«Ich hatte in letzter Zeit noch andere Dinge zu tun. Vielleicht hat Daniel dir erzählt, dass meine Mutter im Krankenhaus liegt?«
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