Ihre Armbanduhr zeigt halb zwölf. Die Lichter von Bergenstadt beginnen zu schwimmen in der Dunkelheit. Am liebsten würde sie jetzt nach Hause gehen durch nächtlich stille Straßen. Sie hofft, dass ihre Mutter nicht wieder durchs Haus geistert im Glauben, es wäre bereits Morgen. Doktor Petermann hat ihr Mut gemacht in Sachen Pflegegeld. Angesichts des Zustandes ihrer Mutter sehe er keine Schwierigkeiten und rate gleich zu einem Antrag auf Pflegestufe II. Außerdem hat er empfohlen, wegen der Kopfschmerzen ein CT zu machen, vielleicht in Verbindung mit einem kurzen stationären Aufenthalt. Sie hat ihm erzählt, dass ihre Mutter nicht mehr durchschläft, und er hat ununterbrochen genickt, so als würde er sagen: Ich verstehe schon, was Sie meinen. Sie gesteht es sich ungern ein, aber ihre Mutter für ein paar Tage aus dem Haus zu haben und sie in dieser Zeit gut versorgt zu wissen, ist eine verlockende Vorstellung. Heute klebt für den Fall der Fälle ein Zettel mit Preissens Telefonnummer auf dem Nachttisch, aber ob ihre Mutter überhaupt noch in der Lage ist, einen Anruf zu machen, weiß sie nicht. Kerstin atmet ein und schließt die Augen. Ihre empfindlichen Schläfen beginnen allmählich, ihrem Ruf gerecht zu werden.
«Wie haben Sie und Anita sich eigentlich kennengelernt?«Mit der Weinflasche in der Hand kehrt Frau Preiss auf den Balkon zurück.
«Übers Tanzen. In Köln.«
«Die hat auch studiert? Nein.«
«Mehr oder weniger, das heißt: dies und das. Eigentlich jedes Semester was anderes, bis sie irgendwann keine Lust mehr hatte.«
«Und mit ihr sind Sie hierher gekommen?«
«Vor einundzwanzig Jahren, eigentlich nur für ein Wochenende.«
«Lassen Sie mich raten. Nein, lassen Sie mich nicht raten, es ist zu offensichtlich.«
Sie sehen einander an, und Kerstin nickt.
«Einer der Wettläufer hat mir gefallen. Verlieb dich nicht in einen Hiesigen, hat Anita noch gesagt, aber offenbar wollte ich nicht auf sie hören.«
«Der Grenzgang. «Frau Preiss schenkt Wein nach und hebt ihr Glas.»Auf den Grenzgang also. Gibt ja sonst nicht viel zu feiern hier.«
«Zum Wohl.«
«Sie sieht man selten bei den Rehsteigfrauen.«
«Vor sieben Jahren bin ich häufiger gegangen. Damals noch zur Rheinstraße. «Kerstin zuckt die Schultern.»Aber Sie sind ja heute auch nicht dabei.«
«Nein. Wenn ich ehrlich sein soll: Sie langweilen mich, diese Versammlungen. Weder singe ich gerne noch mag ich süße Schnäpse. Früher hab ich’s gemocht, heute trink ich lieber in Ruhe ein Glas Wein.«
Als Kerstin an ihrem Wein nippt, ist aus dessen Reichtum an Geschmack die Andeutung eines Zuviel geworden. Der Balkon gleicht dem Sonnendeck eines Schiffes, an dessen Reling sie steht und das sanfte Auf und Ab der Wellen spürt; dazu ein Vibrieren in den Fußsohlen, das von dort aufwärtswandert, bis es sich hinter den Augen in leichten Schmerz verwandelt hat.
«Dieses Jahr ist ein merkwürdiges Jahr, jedenfalls soweit es mich und meine Familie betrifft. «Frau Preiss spricht auf einmal lauter als zuvor.»Meine Tochter verhält sich merkwürdig, was normal ist. Mein Mann arbeitet, wie er es immer getan hat, rund um die Uhr. Und ich habe ein Gefühl, das mir selbst so fremd ist, dass ich gar nicht weiß, wie ich es sagen soll. «Der Garten wird sehr ruhig unter ihnen, kein Wind bewegt die Blätter der großen Hagebuttensträucher.»Auf die Gefahr hin, wieder einmal sehr unsensibel zu sein, aber es geht auf Mitternacht zu, und ich muss Sie das jetzt fragen, verstehen Sie: Woran haben Sie gemerkt, dass Ihre Ehe nicht halten wird?«
Eine einzelne Fledermaus flattert über ihnen von einem der Giebelvorsprünge in die Nacht. Es beginnt der Teil des Abends, der sich schon lange hinter Blicken und in Gesprächspausen versteckt hat, und gleichzeitig endet Kerstins Hoffnung, noch rechtzeitig eine Haustür zwischen sich und den eigentlichen Grund zu bringen, aus dem Frau Preiss sie eingeladen hat.
«An allem«, sagt sie.
«Verzeihung?«
«An der nachlassenden Aufmerksamkeit. An der Fülle von Ausreden, warum auch dieses Wochenende wieder andere Dinge wichtiger sind als die Familie. An einer Grenzgangsbegeisterung, die ein bisschen zu euphorisch daherkam für einen Mann um die Vierzig. An mehr Schweigen und weniger Lachen. Blicken auf jüngere Hintern. Beispiele kann ich Ihnen Tausende nennen, aber das Prinzip ist immer das gleiche: Prioritäten verschieben sich, aus Liebe wird Routine, aus Routine Langeweile, aus Langeweile Streit. So ungefähr. Irgendwann haben Sie das Gefühl, dass selbst im Bett … wollen Sie’s hören?«
«Wie Sie möchten.«
«Nun, dass Sie nicht mal dabei wirklich wahrgenommen werden. Was ich damit sagen will: Es gibt nichts, woran Sie es merken — Sie merken es einfach. Oder aber Sie werden eines Tages mit Gewalt drauf gestoßen, und dann fällt Ihnen auf, dass Sie es eigentlich schon lange wussten.«
Frau Preiss nickt und senkt die Stimme, als wollte sie auf einmal lieber gar nicht gehört werden. Ihre Hände liegen flach auf dem Geländer, rechts und links des Weinglases.
«Sie haben es also, wenn ich das so sagen darf, eher am Verhalten Ihres Mannes festgestellt, nicht … an sich selbst?«
«Wahrscheinlich«, sagt sie tonlos.
«Verstehen Sie mich nicht falsch, bitte. Ich liebe meinen Mann, und das ist keine Floskel. So wenig wie der Satz: Ich führe eine glückliche Ehe. Aber irgendwann im Frühjahr stand ich im Bad vor dem Spiegel und habe aus dem Nichts laut vor mich hin gesagt: Ich führe überhaupt keine Ehe. Ich liebe meinen Mann, und mein Mann liebt mich, aber wir führen keine Ehe, denn: Mein Mann ist nicht da. Nie, verstehen Sie. Er ist einfach nie da.«
«Sie meinen: die Firma.«
«Die verdammte Firma. Er redet nicht darüber, um mich zu schonen wahrscheinlich, und er muss auch nicht darüber reden. Ich brauche keine Bilanzen zu sehen, ich seh’s in seinem Gesicht. Der Firma verdanken wir alles. «Mit dem Daumen zeigt Frau Preiss über ihre Schulter.»Das Haus, die Autos, die größte Privatkollektion an Damenunterwäsche im ganzen Landkreis. Drei Schränke ausschließlich Unterwäsche, ich kann mir vorstellen, mehr von dem Zeug zu besitzen als Ihre Freundin Anita. Aber es frisst ihn auf, und mich mit. Die Firma zerstört unsere Ehe. «Ihre Nasenflügel beginnen zu zittern.
Noch erstaunter als über die Wendung des Gesprächs ist Kerstin über ihren Mangel an Mitgefühl. Die vollständige Abwesenheit von Mitgefühl, genauer gesagt.
«Wissen Sie, vielleicht fragen Sie die Falsche. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass alle Ehen in der Form eines Klischees enden, wenn sie denn enden. Ich meine, es gibt Millionen von Ehen, aber nur zwei oder drei Weisen, wie sie in die Brüche gehen: Betrug oder Langeweile. Vielleicht ist Überbeanspruchung durch den Beruf eine dritte. Entschuldigung, ich will nicht zynisch erscheinen.«
«Schon in Ordnung. «Karin Preiss nickt und zieht die Nase hoch, und ohne nachzudenken, wendet Kerstin sich ihr mit einer halben Körperdrehung zu und sagt:
«Zum Wasser geradeaus. «Ihr fällt ein, wie sie vor zwei Wochen gedacht hat, dass sie einander irgendwann umarmen werden, und als es geschieht, ist sie lediglich überrascht, wie angenehm und unspektakulär es sich anfühlt. Viel unspektakulärer als der Wein zum Beispiel. Sie ist fast einen Kopf größer als Frau Preiss, und in diesem Moment tut das gut. Vielleicht ist doch noch nicht alles zu spät, vielleicht ist ihr Zurückschrecken vor Nähe nicht unheilbar, sondern lässt sich durch behutsame Behandlung kurieren, mit Wein, Umarmungen und der banalen Einsicht, dass auch in strahlend hellen Badezimmern dein Leben nicht immer glänzend aussieht.
«Nein, ich werde nicht weinen«, sagt Frau Preiss in der Nähe ihrer Schulter.»Stattdessen biete ich Ihnen das Du an — Karin.«
«Kerstin.«
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