«Ihr Sohn könnte uns jetzt wahrscheinlich sagen, ob das da hinten der Abendstern ist. «Frau Preiss’ ausgestreckter Finger weist in Richtung Gartenberg.
«Als meine Mutter noch nicht bei uns gewohnt hat, war das Zimmer nach vorne raus zum Balkon seines. Da hat er sein Teleskop aufgestellt, und gelegentlich durfte ich dann auch durchschauen. Deshalb kann ich Ihnen sagen: Es ist in der Tat der Abendstern. Auch Morgenstern oder Venus genannt.«
Frau Preiss nickt.
«Ist eigentlich ein schönes Hobby: Sterne, Planeten. Ich wünschte, meine Tochter hätte so was auch. Ein Hobby, das man sogar zu einem Beruf machen kann eines Tages.«
«Oder es irgendwann im Keller einmotten.«
«Oder das.«
«Ich hab auch mal gedacht, ich könnte aus meinem Hobby einen Beruf machen.«
«Tanzen, damit liegen Sie eher auf der Linie meiner Tochter. Muss ich ihr mal erzählen, dass Sie das studiert haben. Gibt’s hier keine Möglichkeit, in dem Bereich zu arbeiten?«
«Kennen Sie eine? Ich werde nämlich demnächst arbeiten müssen, haben mein Exmann und das Justizministerium gemeinsam beschlossen. «Sie erwähnt die Änderung des Unterhaltsrechts, ändert es aber in Eigenregie noch ein wenig weiter, so dass sie Andreas Schwangerschaft aus der Geschichte rauslassen kann.»Und verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts dagegen zu arbeiten, grundsätzlich. Im Gegenteil. Bloß mit meiner Mutter …«
«Schwierig. «Frau Preiss scheint vertieft zu sein in den Anblick einer weißen Sonnenliege unter ihnen auf der Wiese.»Aber um die Ausbildung beneide ich Sie trotzdem. Ich hab Abitur und sonst nichts. Zwei Semester Jura in Gießen, in denen ich gelernt habe, wo sich die Mensa befindet. Ein sogenanntes freiwilliges soziales Jahr hab ich vorher noch gemacht. Und danach zwei freiwillige nicht ganz so soziale. Dann hab ich geheiratet. Kennen Sie noch diesen bescheuerten Loriot-Sketch mit dem Jodeldiplom?«
«Glaub schon.«
«Was Eigenes. «Frau Preiss unterdrückt ihr Lachen mit einem Kopfschütteln.»Aber genau so was Eigenes hab ich nie gemacht, nicht mal ein Jodeldiplom. Nicht mal Wassergymnastik beim Roten Kreuz. Glühwein am Weihnachtsmarkt hab ich verkauft, zusammen mit den anderen Rotarier-Frauen. Immerhin für einen guten Zweck.«
«Eine Tochter haben Sie großgezogen, soweit ich weiß.«
«Fällt das unter die Kategorie ›was Eigenes‹?«
«Fällt es unter irgendeine Kategorie? Ich hab Ihnen doch von meiner Freundin am Starnberger See erzählt, die eigentlich von hier kommt.«
«Anita — wie heißt sie jetzt?«
«Halbach. Wenn Sie sie ärgern wollen, sagen Sie ›von Halbach‹, das stimmt nämlich auch.«
«Als ich in der neunten oder zehnten Klasse war, gab es in meinem Jahrgang wenige Mädchen, die nicht so sein wollten wie Ihre Freundin Anita. Die muss in der Zwölf oder Dreizehn gewesen sein. Damals gab’s noch eine Disco hier in Bergenstadt, Melody-Maker , war ja die große Discozeit. Und es liefen die tollsten Gerüchte rum, in welchem Outfit Anita … na?«
«Becker.«
«Becker, genau. In welchem Outfit die dort aufgelaufen und mit welchem Kerl sie wieder abgedampft ist. Alles erfunden wahrscheinlich.«
«Glaub ich nicht.«
Mit einem Ausdruck erfreuten Erstaunens wendet Frau Preiss ihr das Gesicht zu. Soweit es in der Dunkelheit zu erkennen ist, haben Sekt und Wein ein deutliches Rot auf ihren Wangen hinterlassen.
«Nein? War die wirklich so? Für mich war sie so, keine Frage. Ich wollte, dass sie so ist, ich wollte ja selbst so sein.«
«Die war nicht nur so, die ist es immer noch. Nicht mehr auf dem Land natürlich und nicht mehr in Discotheken, aber das war es, was ich sagen wollte: Anita hat immer genau das gemacht, was sie machen wollte, immer ihr eigenes Ding sozusagen. Ist hierhin und dahin gereist, hat Männer getroffen und irgendwann einen davon geheiratet, einen mit Immobilien noch und noch.«
«Sie war also wirklich so«, murmelt Frau Preiss.»Irgendwie gefällt mir das. Die Frau hatte wirklich Schwung.«
«Und seitdem hat sie mehr Geld, als sie je wird ausgeben können. Hat eine Boutique eröffnet und ein halbes Jahr später wieder dichtgemacht, weil sie keine Lust mehr hatte. Vor zwei Wochen rief sie aus Nizza an, einer ihrer Liebhaber hat sie dahin mitgenommen oder sie ihn. Was weiß ich. «Es ist ihre übliche, nicht ganz aufrichtige Empörung über ihre einzige Freundin. Aber das, was sie eigentlich hat sagen wollen, behält sie für sich: Dass Anita keine Kinder hat und auf der Schwelle zu dem Alter steht, da ihr Lebensstil einen Hauch von Lächerlichkeit bekommt. Dieses Abwärtsschlittern von Affäre zu Affäre, jenseits der Vierzig und mit Liebhabern, die entweder gekauft sind oder noch älter als sie.
«Und?«
«Und — würden Sie so leben wollen?«
«Ha!«Ein plötzlicher Husten schüttelt Frau Preiss so heftig, dass sie ihr leeres Glas abstellen und sich am Geländer festhalten muss. Es wirkt ein wenig theatralisch und gespielt. Unten im Garten steht ein Beistelltisch neben der Liege, darauf ein vergessenes Magazin, dessen Seiten sich in der nächtlichen Feuchtigkeit zu wellen beginnen. Es dauert eine Weile, bis Frau Preiss tief durchgeatmet hat und den Blick wieder hebt.
«War das eine Fangfrage jetzt?«
«Nein. Finden Sie nicht, dass es ein Leben auf der Flucht ist? Dass da was fehlt? Dass sie etwas nachjagt, was sie nie kriegen wird, weil sie genau genommen vor etwas wegläuft. Kurz und gut: eine Flucht vor der Einsamkeit?«Erst jetzt bemerkt sie das flackernde Teelicht, das in einem kleinen runden Gefäß von der Decke des Vordachs hängt, schräg hinter ihnen beiden, so dass Frau Preiss’ Gesicht zur Hälfte im Licht und zur Hälfe im Schatten des Gartens liegt und ihr Blick etwas einäugig Bohrendes bekommt.
«Sie finden also nicht, dass man vor der Einsamkeit fliehen sollte. Ich nämlich schon.«
Kerstin öffnet den Mund, um zu erwidern: Ich auch, aber… Doch dann zuckt sie bloß die Schultern und schaut auf die Ansammlung von Lichtern im Tal, die immer spärlicher werden, je höher es die Hänge hinaufgeht. Darüber ein Ring aus schwarzem Wald. Die Hornberger Straße ist die höchstgelegene Straße am Rehsteig, eine letzte Lichterkette aus Laternen. Darüber herrscht Finsternis.
«Gehen wir rein?«, fragt Frau Preiss,»oder soll ich die Flasche nach draußen holen?«
Statt einer Antwort nickt sie nur, und Frau Preiss nickt ebenfalls, während sie sich vom Geländer löst und ihre Hand einen Moment auf Kerstins Schulter legt, bevor sie nach drinnen geht.
Vor der Einsamkeit fliehen, klar. Aber wohin?
Es ist schließlich kein Zufall, denkt sie, dass sie seit Jahren mit niemandem Umgang hat außer mit ihrem Sohn und ihrer Mutter. Selbst mit Anita telefoniert sie nur, um bei ihren ständigen Selbstbefragungen wahrheitsgemäß angeben zu können, dass es eine Freundin gibt, mit der sie redet. Beinahe regelmäßig. Scheinbar ein starkes Indiz für soziale Normalität, dabei ist es drei Jahre her, dass sie zuletzt keinen Vorwand gefunden hat, eine von Anitas Einladungen abzulehnen. Und jetzt? Bei Frau Preiss’ Anruf hat sie nicht einmal nach einer Ausrede gesucht, aber je länger der Abend dauert, desto stärker wird das Gefühl, zu irgendeiner Art von Freundschaft gar nicht mehr in der Lage zu sein, die nötige Unbefangenheit nicht mehr aufzubringen, um mit jemand Unbekanntem aufzubrechen, ohne zu wissen wohin. Dieses kurze Stück am Anfang, wenn man sich noch nicht an den Händen fassen kann.
Könnte Weidmann jemand sein, der das versteht? Dem es vielleicht sogar ähnlich geht? Besitzt er so viel Verständnis, wie sie in seinem Blick hat lesen wollen vor ein paar Tagen auf ihrer Terrasse? Seine unsensiblen Ausführungen über das Vergessen hat sie ihm bereits verziehen, und jetzt wächst zart, aber zäh die Hoffnung in ihr, noch vor dem Elternsprechtag von ihm zu hören.
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