«Wann findet er denn statt, der Sommerball der Rotarier?«
«In drei Wochen. «Seufzend wendet sich Frau Preiss von ihrem Spiegelbild ab und greift nach dem Sektglas auf dem Sideboard.»Danke für Ihre Geduld jedenfalls. Ich geh mich rasch umziehen.«
Kerstin nickt und folgt einer Reihe flauschiger Läufer ins Wohnzimmer. Hier hat das Licht einen rotbraunen Schimmer, der zu den dunklen Teppichen und der Sitzgruppe aus Hirschleder passt, einer längeren und einer kürzeren Couch und zwei Sesseln, von denen einer durch seine Sitzspuren als Stammplatz des Hausherrn ausgewiesen ist. Auf dem niedrigen Doppelglastisch stehen ein Sektkühler und zwei Platten mit Käsecrackern und Weintrauben, darunter stapeln sich Mode- und Architekturzeitschriften, ein paar Automagazine und ein Heft von Familie & Gesundheit , die aktuelle Sonderausgabe zum Thema Pubertät. ›Krieg der Hormone‹ steht auf dem Titelblatt. Kerstin stellt ihr Glas ab und geht zur Fensterbank, arrangiert schmunzelnd den Flieder so, dass die Enden aller Zweige bis hinab ins Wasser reichen, und sieht nach draußen. Sie wundert sich, dass kein Anflug von Trunkenheit sich regt zwischen ihren sonst so empfindlichen Schläfen.
Von der oberen Seite der Hornberger Straße fällt der Blick fast höhengleich auf die Kuppe des Schlossberges, um dessen Kegel sich die spärlichen Lichter von Bergenstadt verteilen. Rundherum dunkle Wälder, kaum zu unterscheiden vom nachtschwarzen Himmel. Das einzige Licht im Tal, das sie sicher zuordnen kann, gehört zur McDonald’s-Filiale im Industriegebiet, deren Eröffnung der Bürgermeister vor einigen Monaten zum Anlass genommen hat, um in einem Satz die Wörter ›Wirtschaftsstandort Bergenstadt‹ und ›Attraktivität‹ so nahe beieinander unterzubringen, dass der Eindruck entstehen musste, es gebe da einen Zusammenhang. Außerdem erkennt Kerstin das Altenheim am unteren Ende der Bachstraße, das höchste Gebäude im Ort, zwei Stockwerke höher als die Sparkasse schräg gegenüber. Irgendwo da unten tummelt sich Daniel in der zweifelhaften Gesellschaft organisierter Trinkfreudigkeit und hoffentlich ohne das Bedürfnis nach einer weiteren Demonstration missverstandener Männlichkeit.
Das Heim der Preissens strahlt Wärme und Gediegenheit aus, verrät einen Sinn für Farben und den gelegentlichen Hang zum touch too much , kurz: Das Haus ist so eingerichtet, wie Frau Preiss sich kleidet. Wohlstand der harmonischen Art füllt die Räume, nicht von allem das Neueste und Beste, sondern was sich bewährt hat im Lauf der Jahre, was Gefallen erregt und Vertrauen erweckt und dann gekauft wird, ohne aufs Preisschild zu schauen. Kein Luxus, der den Verdacht aufkommen lässt, hier werde ein Ersatz gesucht für innere Leere. Keine Polstermöbel, auf denen sich weicher schweigen lässt.
Sie fühlt sich so lala. Ist nicht ganz sicher, was sie hier soll. Würde gerne entspannter sein, als sie ist.
Zurück am Tisch gießt sie sich einen Schluck Sekt nach, sieht das Licht in der Küche anspringen und kurz darauf Karin Preiss im hellen Hosenanzug von vorher durch den verglasten Durchgang kommen, der Wohn- und Essbereich voneinander trennt. Außer ihrem Glas hat sie eine Flasche Rotwein in der Hand und hält Kerstin das Etikett entgegen wie eine Polizeimarke.
«Wenn’s Ihnen recht ist, machen wir den mal auf. Bei so viel Sekt denk ich sonst noch, es wär Silvester.«
«Gerne.«
«Werden Sie an Silvester auch immer so sentimental?«
«Manchmal. «Sie hält das für keine sehr taktvolle Frage an die Adresse einer alleinstehenden Frau, aber sie beginnt sich an Frau Preiss’ gelegentliche Gedankenlosigkeiten zu gewöhnen. Verglichen mit Anitas subtilen Gemeinheiten richten die ohnehin nur geringen Schaden an. Sie ist immer noch sauer wegen des Parfüms. Jedes Mal steht sie im Bad und muss sich verbieten an dieser Sommerlandschaft aus Duft und Versprechen zu riechen. Und jedes zweite Mal bricht sie das Verbot. Ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie sich das verlogene Gemisch auf die Haut stäuben wird.
«Ich immer«, sagt Frau Preiss.»All die Jahre, die Zeit und der Alkohol natürlich, würde mein Mann sagen. Ich hab sowieso nah am Wasser gebaut, immer schon, und wenn ich was trinke … Das sag ich jetzt auch, weil es erst halb elf ist und Sie möglicherweise noch Zeugin werden meiner Tendenz zur Rührseligkeit. Können Sie das Ding hier bedienen?«Zusammen mit der Flasche reicht sie Kerstin einen metallenen Korkenzieher, der fast genauso schwer ist wie die Flasche selbst.
«Also rührselig wirken Sie auf mich nicht, aber wir können gerne Tee trinken zwischendurch. Ich bin den Alkohol auch nicht mehr gewohnt.«
«Kommt nicht in Frage. Der freundliche Portugiese hier ist zehn Jahre alt, der hat lange genug auf seinen Auftritt gewartet. «Frau Preiss greift entschlossen nach einem Cracker und sieht Kerstin beim Öffnen der Flasche zu.»Irgendwie machen Sie in allem einen sehr patenten Eindruck, wenn ich das sagen darf.«
«Und wissen Sie auch, woher das kommt?«
«Nein, ich … doch. «Frau Preiss hebt eine Hand und nickt einsichtig.»Sehen Sie, ich bessere mich, ich versuche es zumindest. Aber ich könnte mir vorstellen, dass Sie auch vorher schon so patent gewesen sind, schon immer wahrscheinlich. Ist schließlich eine Frage der Persönlichkeit.«
«Ich hab auch vorher schon alleine gewohnt. Als Studentin. Oder nicht alleine, aber jedenfalls ohne Mann. «Mit einem Plopp öffnet sie die Flasche und stellt sie auf den Tisch, beginnt den Korken aus dem Öffner zu drehen.
«Sie haben studiert?«
«In Köln.«
«Kein Witz?«
«Lang, lang ist’s her. Sportwissenschaft, mit dem Schwerpunkt Tanz.«
«Bis zum Abschluss?«
Kerstin nickt und kann nichts tun gegen das Gefühl von Stolz, das in ihr aufwallt. Will auch nichts tun dagegen. Sie besitzt ein Diplom. Nicht, dass sie je etwas draus gemacht hätte, aber das ist ein anderes Thema, und an der Tatsache ändert es nichts. Es steht sogar ein ›Sehr gut‹ drauf.
«Ich bin baff. «Einen Moment lang sieht Frau Preiss sie aus großen Augen an. Perfekt aufgetragener Lidschatten im selben silbrig schimmernden Kobaltblau wie ihre Ohrringe. Schließlich steht sie auf und holt zwei Weingläser aus einer hölzernen Vitrine, die mit der unbekümmerten Hässlichkeit des Familienerbstücks aus der restlichen Einrichtung hervorsticht.»Obwohl auch das zu Ihnen passt. Und Köln gehört sowieso zu meinen persönlichen Lieblingsstädten. Können Sie mir sagen, warum Leute zum Einkaufen nach Frankfurt fahren? Außerdem, so schlecht wie alle sagen, schmeckt Kölsch gar nicht.«
«Trinkbar.«
Frau Preiss füllt die Gläser bis zum Rand, schiebt eins in ihre Richtung, hebt das andere und sagt:»Zum Wohl. Ich finde, wir hätten uns schon viel früher treffen sollen, aber in Bergenstadt bewegen sich die Dinge eben nur in den Grenzgangsjahren. Die sieben Jahre dazwischen …«Sie schnippt mit den Fingern.
«Wir sind mal zusammen essen gewesen, wenn ich mich richtig erinnere. Zu viert.«
«Und wissen Sie, was ich damals gedacht habe: Sie ist ihm überlegen. Wirklich, war mein Eindruck. Irgendwie menschlich überlegen.«
«Das war klug beobachtet. Hatten wir jetzt schon getrunken?«
«Nein. Tun wir sofort.«
«Zum Wohl denn also. «Kerstin unterdrückt einen plötzlichen Drang zu kichern, nimmt ihr Glas und trinkt es zur Hälfte aus. Ein Aroma von Trauben, Feigen und einem Hauch von Zimt breitet sich aus in der Mundhöhle und kitzelt ihre Geschmacksnerven. Alles so angenehm voll und rund, dass sie nach dem Absetzen des Glases einen Moment lang mit dem Ausatmen zögert. Trauben, Feigen, Zimt — ist alles noch da.
Auch Frau Preiss blickt auf ihr Glas, als hätte daraus ein Geist zu ihr gesprochen.
«Na, heiliges Öchsle, würde mein Mann sagen. Der hat aber Charakter.«
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