Sie benötigt einen Moment, um zu verstehen, warum sie nicht hören will, was er sagt. Zehn Tage lang hat sie mit sich gekämpft und gerungen, hat sich an ihre Mutterpflichten erinnert und sich selbst ermahnt, dass dieses Gespräch notwendig ist und jede Ausflucht unter ihrer Würde. Ein einziger überflüssiger Kuss ist kein Grund für zwei erwachsene Menschen, einander sieben Jahre später nicht in die Augen zu sehen. Und trotzdem hat sie die ganze Zeit daran gedacht und sich geschämt für diese Lächerlichkeit von damals, so als würde die ihr wie ein Knutschfleck aus dem Kragen gucken. Nur damit er jetzt mit dem Finger darauf zeigen und gleichzeitig so tun kann, als wäre da gar nichts. Sein Beispiel für irgendeine gelehrte Idee ist noch taktloser, als hätte er die Begegnung direkt angesprochen.
Weidmann sieht sie an, als erwarte er eine Antwort, aber sie zuckt nur mit den Schultern.
Warum tut er das? Ist es möglich, dass er den Kuss tatsächlich vergessen hat? Oder sich zwar an eine flüchtige Begegnung auf der Brücke erinnert, aber nicht mehr weiß, wen er damals geküsst hat? Plötzlich fällt es ihr schwer, sitzen zu bleiben und die Stille auszuhalten, die sich an seinen Kurzvortrag gehängt hat wie eine Prozession stummer Fragezeichen. Ganz plötzlich erscheint das Undenkbare ihr ausgesprochen wahrscheinlich: Es ist sieben Jahre her, er war alkoholisiert und müde, und sie haben einander seitdem kaum gesehen. Warum sollte die Verbindung in seinem Kopf nicht irgendwann gerissen sein? Für ihn war es schließlich ein bedeutungsloses Vorkommnis an einem bedeutungslosen Tag, und wer weiß, wie viele Frauen er seither geküsst hat.
Soll sie beleidigt oder erleichtert sein?
«Sie hatten Hemd und Sakko an. Und Schuhe, wie kein Mensch sie zum Wandern trägt«, sagt sie schließlich mit einem Trotz in der Stimme, den er wahrscheinlich nicht verstehen kann, der ihr selbst aber anzeigt, dass sie offenbar nicht erleichtert ist.
Er nickt und macht eine Handbewegung, die nichts Bestimmtes bedeutet.
«Der Betreuer meiner Habilitation konnte mit der These auch nicht viel anfangen. Und das war auch schon das Ende der Geschichte.«
«Und dann sind Sie zurückgekommen nach Bergenstadt?«
«Das ist die Ironie der Geschichte.«
«Aber warum sind Sie hiergeblieben?«
In dem kurzen Moment erneuter Stille ist sie sicher, dass jetzt das Telefon klingeln wird, aber das Haus schweigt hinter ihnen aus offenen Fenstern und Türen, und das Licht im Garten nimmt die wärmere Farbe des späten Nachmittags an. Kerstin fährt sich mit den Händen über die Gänsehaut an ihren Waden. Mit Wohlgefallen stellt sie fest, dass er ruhige Augen hat, in einem Ton zwischen Braun und Grün; selbst wenn er nicht zu wissen scheint, wohin er schauen soll, liegt keine Hektik in seinem Blick, sondern die bedächtige Suche eines Menschen, der früher oder später schon wissen wird, was er will.
«Ich frage mich, ob ›Ich weiß es nicht‹ die ehrlichste oder die feigste Antwort wäre. Und ob es möglich ist, beides zu sein.«
«Sie schulden mir — um Sie mal zu zitieren — natürlich keine Erklärung.«
«Ich bin hiergeblieben«, sagt er,»weil sich beruflich die Möglichkeit ergeben hat und weil es sich für eine relativ kurze Zeit richtig angefühlt hat, diesen Bruch zu vollziehen. Ihnen stößt etwas zu, und statt sich dagegen zu stemmen, geben Sie der Veränderung nach, folgen ihr noch ein Stück weiter, als Sie gezwungen worden sind. Letztlich ein Versuch, die Hoheit über das Geschehen zurückzugewinnen, weil Sie am Ende an einem Punkt landen, zu dem Sie aus freien Stücken gelangt sind. Das Maß Ihrer Freiheit sozusagen. Es fragt sich aber, wie lange Sie sich nähren können von dem guten Gefühl, Ihr Schicksal selbst bestimmt zu haben. Oder anders gefragt: Wie lange ist die Halbwertszeit von Stolz?«
Zum Glück schafft er es, seinen Worten mit einem Lächeln ihr Gewicht zu nehmen, aber Kerstin ist trotzdem froh, als sich in der Diele das Telefon meldet.
«Gute Frage. «Im Aufstehen deutet sie mit dem Finger dahin, von wo das Klingeln kommt. ›Sie‹ hat er die ganze Zeit gesagt, als würde er nicht der Autor seines Schicksals, sondern der Deuter des ihren sein wollen. Kerstin nimmt den Hörer ab und die Mitteilung der Sprechstundenhilfe entgegen, dass ihre Mutter mit der Behandlung fertig sei und abgeholt werden könne.
«Zehn Minuten«, sagt sie.»Gibt es einen neuen Befund, den ich kennen müsste?«Ihre Stimme klingt widerwillig; nicht, als läge ihr das Schicksal ihrer Mutter sonderlich am Herzen.
«Ich denke, das wird der Doktor Ihnen dann sagen. Wenn Sie ein paar Minuten mitbringen.«
«Natürlich. «Sie verabschiedet sich und behält für einen Moment den tutenden Hörer am Ohr. Draußen steht Weidmann mit beiden Händen in den Taschen vor ihrem blühenden Hang und hält die Schultern, als stünde er Porträt. Kerstin legt auf und stellt sich in die Terrassentür.
«Es tut mir leid, aber ich muss los.«
Mit einem Nicken greift er nach seiner Jacke, und sie winkt ab, als er auf das Geschirr deutet.
Im Vorflur kontrolliert sie ihre Handtasche auf Führerschein und Krankenversicherungskarte. Für den Fall, dass Doktor Petermann sie darauf anspricht, wird es Zeit, sich ein paar Sätze zu überlegen, warum Zypiklon ihr noch für eine gewisse Zeit mehr nutzen als schaden kann. Den Hinweis auf das Suchtpotential wird er sich hoffentlich schenken, das kennt sie schließlich besser als er.
«Es bleibt also dabei«, sagt Weidmann von draußen.»Wir sehen uns beim Elternsprechtag. Dann ist die ganze Sache hoffentlich ausgestanden. Wenn Sie bis dahin Fragen haben oder Gesprächsbedarf — jederzeit.«
«Soll ich Sie ein Stück mit dem Wagen mitnehmen? Grünberger, richtig?«
«Ich dreh noch eine Runde oben im Wald. «Sein Kinn weist den Hang hinauf. Wenn alles anders wäre, denkt sie, würde sie ihm jetzt nicht Auf Wiedersehen sagen, sondern sich bei ihm unterhaken und eine Runde um den Rehsteig laufen, Joggern zunicken und mit der freien Hand über die hohen Gräser am Wegrand streichen.
«Danke, dass Sie so kurzfristig Zeit hatten.«
«Mit Vergnügen«, erwidert er.
Sie steigt in ihr von der Sonne aufgeheiztes Auto, lässt beidseitig die Scheiben herunter und justiert den Rückspiegel, aber die groß gewachsene Gestalt hinter ihr ist bereits abgebogen und außer Sicht. Der Rehsteig liegt verlassen da. Ein paar Wolken stehen still über dem Kamm. In Gedanken folgt sie Weidmann den Kornacker hinauf, den schmalen Pfad hinter den Grundstücken entlang und schließlich — während sie langsam in die andere Richtung rollt — immer tiefer hinein in den verdammten Bergenstädter Wald.
«Doch. Steht Ihnen ausgezeichnet. Wie angegossen. «Kerstin hat die Arme vor der Brust verschränkt und tippt mit dem Rand des Sektglases gegen ihre Unterlippe, während sie dabei zusieht, wie Frau Preiss sich von der einen Seite zur anderen dreht und schließlich stehen bleibt, als wollte sie ihr Spiegelbild zum Duell herausfordern.
«Eben, wie angegossen. Und bei meiner Figur ist das vielleicht nicht ganz das Richtige.«
«Es steht Ihnen sehr gut.«
«Spieglein, Spieglein an der Wand: Wo ist meine Taille?«Mit in die Hüfte gestützten Händen wirft Frau Preiss einen skeptischen Blick in den Spiegel. Im orangefarben gedimmten Licht der Wandleuchter sieht ihr Gesicht ein wenig wächsern aus; nicht älter, als sie ist, aber mit dem Hauch eines Schattens unter den Augen, den Kerstin vorher nicht bemerkt hat. Und das schwarze Cocktailkleid, in dem sie steckt, ist in der Tat ein Wagnis, wenngleich das Problem weniger im Bereich der Taille als in den freien Waden liegt. Ein bisschen zu kräftig sind die. Kerstin schätzt Frau Preiss auf knapp über einen Meter sechzig, und würden sie einander besser kennen, hätte sie ihr zu etwas geraten, was ein bisschen mehr rauscht und bauscht und bis zu den Knöcheln reicht. Dazu hohe Absätze und das Wagnis lieber mit dem Dekolleté eingehen, wo die Aktien von Frau Preiss am höchsten stehen. Cocktailkleider dieser knappen Art sind was für große, schlanke Frauen, und Kerstin denkt mit Wehmut an ein ähnliches Modell, das seit Jahren ungetragen in ihrem Schrank hängt. Nur das Kleid steht dir wirklich, das du auch barfuß tragen kannst, sagt Anita immer, und da Frau Preiss zu Vorführzwecken ihre Schuhe abgestreift hat, lässt das Kleid sie so klein und stämmig erscheinen, wie sie nun einmal ist. Was Kerstin ihr aber nicht sagen kann. Auch nicht an einem Samstagabend und bei der zweiten Flasche Sekt.
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