Mir war klar, daß ich jeden Moment unter den Tisch kotzen würde. Doch vorher mußte ich noch etwas tun — ein Akt der Selbstachtung, der Ehrenrettung.
Sechs Bleus in der Brusttasche. Auf der Anzeigetafel stand die Reihung: Rot, Schwarz, Schwarz, Rot, Schwarz, Schwarz, Rot, Schwarz, Schwarz — alles auf Rot? Sechs Bleus zwischen den Fingerspitzen. Ich mußte es tun, ich verlangte es von mir. Eine Krämerseele wollte ich nicht sein!
Die Kugel lief — nein! Nicht auf Rot, nicht Ungerade, nicht Passe — weiter zweites Drittel! Als einziger baute ich dort mein blaues Türmchen.
Beim» Rien ne va plus«, das wie eine Glasglocke über den Tisch sank, blickte ich zum ersten Mal auf zur Decke, sah in der Ecke vor mir das meterhohe Wandbild» Le matin«. Was hieß»Le matin«? Mein Blick irrte über die leeren Restauranttische rechts von mir hinaus in die Nacht. Denk nicht an Sieg, ermahnte ich mich, finde dich ab, du hast richtig gehandelt.
Es klackte mehrmals, die Kugel sprang — ich sah hin, im selben Augenblick kam die Ansage. Ich verstand den Croupier nicht, aber ich sah sie, die Dreizehn, ich sah sie zum zweiten Mal und dann noch einmal, Dreizehn. Zu welchem Drittel gehörte die Dreizehn? Sechsunddreißig durch drei, zwölf, zwölf, zwölf. Ich schrie nicht auf. Im Gegenteil, als hätte ich die ganze Zeit gestanden, hatte ich nun das Gefühl, mich endlich zu setzen.
Der Sommersprossige starrte in sein Heft. Der Tisch wurde abgeharkt, niemand hatte gewonnen — nur ich! Ich allein! Analysiere du nur, während ich spiele, lachte ich still den Sommersprossigen aus. Und wenn ich wieder gewonnen habe, dann kannst du wieder darüber nachdenken und wieder analysieren, wie ich das gemacht habe. Und so immer weiter, bis ans Ende unserer Tage!
Mein blauer Turm zerfiel zwischen den Fingern des Croupiers in sechs Jetons, ich zählte mit — und erhielt außer zwei weiteren Bleus endlich meinen Lipizzaner!
Nie hätte ich gewagt, von diesem weißen Viereck zu träumen! Wenn ich etwas bedaure, dann nur, daß ich meinen Lipizzaner nicht länger als zwei Minuten besaß. So lange brauchte ich, um mein Häuflein zusammenzuraffen und nach einem grußlosen Abschied zum Kassierer zu gehen.
Ich war zu matt, um mir den Schweiß von der Stirn zu wischen. Im Foyer wurde mir etwas zugerufen, eine ganze Gruppe lachte laut. Ich war bleich, mein Gang übertrieben zielgerichtet — man hielt mich für das Sinnbild des Verlierers.
Als ich unser Zimmer betrat, hielt sich Vera gerade die Hand vor die Augen, im Fernsehen Schreie. Ich verschwand ins Bad, ächzte und würgte und rang nach Luft — nichts.
Ich weiß nicht, wie ich den Rückflug überstehen soll. Gerade kommt mein dritter Tee. Immer noch peinigt mich die Vorstellung, ich hätte im entscheidenden Augenblick versagen und nicht den gesamten Gewinn setzen können. 236Wenn ich da gekniffen hätte, ich könnte mir selbst nicht mehr in die Augen schauen. Wie Du siehst, habe ich aufgehört zu fragen und begonnen zu verstehen.
Ich soll Dich grüßen! sagt Vera. Sie drängt zum Aufbruch.
Dein Enrico
PS: Als wir zum Taxi gingen, saß wieder John am Rezeptionstisch. Er verbeugte sich, ich reichte ihm die Hand und steckte ihm zum Abschied einen Hunderter zu. Ich sah sofort, daß ich keinen Fauxpas begangen hatte.
Vera und ich haben uns in Frankfurt am Main getrennt. Sie stieg in den Zug nach Berlin, ich in den nach Leipzig. Sobald Vera die Wohnung in Berlin aufgelöst hat, wird sie für ein paar Wochen nach Altenburg kommen. Ich habe ihr meinen Gewinn geschenkt, und das verschaffte mir zum Schluß doch noch Erleichterung.
Liebe Nicoletta!
Es ist schon eigenartig. Jetzt, da ich mich in meiner Erzählung jenen Tagen nähere, in denen ich Michaela zum ersten Mal begegnete, gerade da trennen wir uns. Kein böses Wort ist gefallen, das haben wir längst hinter uns. Robert sagte, er und ich blieben zusammen, wir seien eine Familie, er, ich, Michaela und meine Mutter natürlich, egal was passiert.»Wir sind und bleiben eine Familie«, versprach ich.
Pech in der Liebe, Glück im Spiel. Ich habe tatsächlich ein paar Tausender gewonnen, so daß einem Ausflug nach Bamberg oder Italien bereits heute nichts im Wege stünde. 237Soviel zur Gegenwart.
Ohne Anton wäre ich weder zum Theater noch nach Altenburg gekommen, ich hätte Michaela und Robert nicht kennengelernt, wäre kein Zeitungsmensch geworden, und wir beide wären wohl auch aneinander vorbeigelaufen.
Anton wollte Dramaturg werden und nach Berlin ziehen. Beides verfolgte er mit einer Unbedingtheit, der er alles zu opfern bereit war. Anton erklärte mir, was ein» Dramaturg «zu machen habe. Auch er suchte ja keine Arbeit, sondern ein komfortables Unterkommen, bei dem ihm genug Zeit für seine Eskapaden bleiben würde.
Im Januar 87, ein halbes Jahr vor Veras Ausreise, schickte ich Bewerbungen an alle Theater des Landes; es waren ungefähr vierzig (fand man nicht selbst eine Arbeitsstelle, lief man Gefahr, von der Uni an eine Bibliothek, ein Museum oder einen Verlag vermittelt zu werden) 238. Vier Theater luden mich ein: Potsdam, Stendhal, Zeitz und Altenburg. Kurz darauf fand ich in meinem Fach einen Brief Antons, der sehr förmlich begann, weshalb ich das Ganze für einen Scherz hielt. Ein paar Zeilen später traute ich meinen Augen nicht. Da er, Anton, mir schon das ganze Land überlasse, habe er gehofft, ich besäße im Gegenzug so viel Anstand, auf Berlin und Potsdam zu verzichten.
Vera schwärmte wegen des Lindenau-Museums von Altenburg und weil Gerhard Altenbourg in Altenburg wohne und der ginstergesichtige Hilbig 239aus dem nur wenige Kilometer entfernten Meuselwitz stamme. Außerdem habe die Stadt den Krieg praktisch unbeschadet überstanden.
Also fuhr ich nach Altenburg, und da der Intendant — ein Mann Ende Dreißig mit langen Haaren und einem bis zum Brustbein aufgeknöpften Hemd — mir nach zehn Minuten erklärte, ich sei eingestellt, sofern ich das Praktikum überstünde, bedeutete mein erster Gang durch die Stadt bereits eine Besichtigung jenes Schauplatzes, an dem mein eigentliches Leben beginnen sollte.
Es schneite. Die Auffahrt zum Schloß lag in makellosem Weiß vor mir. Ich hatte Kopfschmerzen, wegen der Aufregung und wegen meiner Ersatzbrille, deren Gläser andere waren als bei meiner richtigen Brille (die Vera auf dem Gewissen hatte). Die Flocken, so groß wie Briefmarken, fielen mit jedem Schritt dichter. Als ich mich umwandte und wie durch einen Schleier unter mir das Theater und die sich nach Westen erhebende Stadt sah, waren meine ersten Fußstapfen bereits kaum noch zu erkennen.
Nach einer Runde durch den Schloßhof (das war vor dem Brand) ging ich zum Park, in dem der Verlauf der Wege nur mehr an den Bänken auszumachen war. Am Fuße des Hügels, durch das Schneetreiben in die Ferne gerückt, lag das Lindenau-Museum. Alles, was ich davon kannte, waren Abbildungen antiker Vasen. Ihnen muß ich nicht beschreiben, was geschieht, wenn man hinaufgestiegen ist, das Oktogon durchquert hat und dann die Flucht mit den Italienern betritt. Ich wußte fast nichts über die Sienesen, sehr wenig über die Florentiner, 240und doch war es wie eine Ankunft. Sie glauben vielleicht, ich redete Ihnen nach dem Mund. 241So, wie manch einer leidet, wenn er die Elbe oder das Meer entbehren muß, würde ich nirgendwo mehr hinziehen, wo ich nicht solch einen Schatz in der Nähe wüßte.
In den großen Sammlungen von Dresden, Prag, Łódź, Budapest oder Leningrad fehlt es an Stille. Hier jedoch ist man allein mit dem Bild. Selbst die Leute von der Aufsicht bleiben verborgen und bringen sich allenfalls durch das entfernte Knarren des Parketts in Erinnerung. Hier war ich bereits in Italien. Hier begriff ich, daß das Beste der Renaissance aus der Vor-Renaissance stammt. Hier konnte ich die zweihundert Jahre Revue passieren lassen, die nicht nur für die italienische Kunst, sondern für den ganzen europäischen Geist so entscheidend gewesen sind. 242
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