Mussolini war seit 1922 an der Macht. Giuseppe, der die Liberalen verachtete, begeisterte sich für den Diktator, der endlich den »politischen Müll« fortkehren würde. Wie alle italienischen Aristokraten fürchtete er die Revolution; außerdem war er davon überzeugt, dass die Monarchie den Faschismus einhegen könne. Am 27. Juli 1925 hieß es an die Cousins aus Paris: »Ich bin sehr aufgeregt wegen der politischen Lage. Die Abreibung für Amendola [Abgeordneter der Liberalen und einer der wenigen Gegner Mussolinis, M. A.] hat mich mit tiefer Genugtuung erfüllt«. Amendola war von Mussolinis Schergen brutal zusammengeschlagen und verschleppt worden und starb einige Monate später an den Folgen der Verletzungen. Auch hier erwies sich Giuseppe Tomasi als folgsamer Sohn seiner Mutter, die, wie in einigen Briefen überliefert, eine begeisterte Anhängerin Mussolinis war. Sie himmelte den Diktator an und kommentierte begeistert alle Übergriffe und Gewalttaten der faschistischen Schlägertrupps. Am 6. November 1922 berichtete sie ihrer Schwester haarklein von den Geschehnissen: »Ich habe von hier aus alles verfolgt, was die Faschisten gemacht haben, die Inbrandsetzung des Arbeitsministeriums, die Aufmärsche usw. Das Feuer war eindrucksvoll – von dem Gebäude sind nur noch die Außenmauern und der Turm übrig, ein imposanter Bau, freistehend und grandios. Und dann erst die finsteren Gesichter am nächsten Tag! Entwaffnet und ohne jede Möglichkeit zu reagieren, starrten sie auf ihr altes Gebäude, auf dem eine riesige Trikolore flatterte. Ich war begeistert – im zweiten Kaiserreich geboren, trage ich – warum sollte ich das verheimlichen – lauter Ambitionen, Gefühle und Neigungen mit mir herum, die denen der Arbeiterschaft genau entgegengesetzt sind. Die Arbeiter sollen dableiben, wo sie sind, und nicht aufmucken! Deshalb habe ich die faschistischen Truppen mit dem hoch erhobenen rechten Arm gegrüßt (nach römischer Art) und sie mit warmen Worten ermutigt.« Ein Land wie Italien brauchte Mussolini, davon war Beatrice überzeugt. Sie schwärmte weiter. »Schwarzhemden in großer Zahl, wie sie hier zu sehen waren, sind in der Tat bewundernswert und berührend; sie flößen einem wirklich Vertrauen ein und man spürt, dass jeder von ihnen wahren Mut besitzt. Am Tag der Machtübernahme gingen sie mit ihren Musketen durch die Straßen, in den Gewehrläufen steckten Blumen (Chrysanthemen oder Nelken), was für eine großartige und poetische Geste! Er (Benito) ist der Mann, den es braucht für die Kaninchen von Verrätern … Ich umarme Euch faschistisch!« Sohn Giuseppe hielt lange an seiner Sympathie für Mussolini fest. Erst in den späten dreißiger Jahren wandte er sich ab. Das unterschied ihn von seinem Vater, der die Faschisten nicht mochte, weil sie ihm vulgär erschienen. Er wurde nie Parteimitglied, obwohl es ihm seine Gattin Beatrice durchaus nahelegte.
Giuseppe gab sich gern gehässig und ein bisschen zynisch. Obwohl eigentlich ganz unpolitisch, las er rechte Scharfmacher wie Papini und saß antisemitischen Klischees auf, dabei pflegte er später in Palermo eine enge Freundschaft mit einem jüdischen Ehepaar. In einem Brief an seine Cousins vom 13. August 1930 über einen Aufenthalt in Litauen findet sich folgende Beschreibung: »Anderntags, als ich über Kaunas reiste, fand ich den Bahnhof überfüllt von einem jüdischen Völkchen, das die Abreise eines Landsmannes nach Amerika feierlich beging … Diese unwahrscheinlichen langen grünen Mäntel, der Schweiß, der ihnen unter den langen pomadisierten Schläfenlocken hinunter rann, der Ziegengestank, die lauten orientalischen Rufe, als sich der Zug in Bewegung setzte, die Frauen, die auf die Erde fielen und ihre Beine in die Luft warfen, die außergewöhnliche Lebendigkeit, die aus diesen glänzenden Augen sprach, erklärten dem Monster einiges, auch die dann und wann verübten Massaker, tatsächlich in Kaunas, von den sehr weisen Russen.« Die systematische Verfolgung und Ermordung der Juden durch die Deutschen hatte noch nicht begonnen, aber hier zeigt sich, dass Giuseppes aristokratische Arroganz ihn für gesellschaftspolitische Brüche blind machte.
Ansonsten reiste er nach London, quartierte sich in der Residenz seines Onkels Pietro della Torretta am Grosvenor Square ein, ging tagsüber seinen Interessen nach, begleitete den Botschafter-Onkel abends zu Geselligkeiten, bereiste die Insel, fuhr bis nach Schottland und begeisterte sich für alles Angelsächsische: Humor, Ironie, understatement, fairplay , Mannschaftssport. Sogar für die Puritaner hegte er eine »lebhafte Sympathie« und sah in ihnen ein »unverzichtbares Desinfektionsmittel der Gesellschaft« mit einem gesunden Einfluss auf die englische Geschichte, denn »ohne sie würde die Verderbtheit die Welt beherrschen und die raffinierten Skeptiker und toleranten Aufklärer müssten sich zum Teufel scheren«. Verzicht, Strenge und Sinnenfeindlichkeit als Putzmaschine: Ausgerechnet ein Sizilianer, der am liebsten Torten und Kuchen aß und nie einer geregelten Beschäftigung nachging, ließ sich zu derartigen Äußerungen hinreißen. Vielleicht schwingt hier eine Spur Verachtung für die eigene Disziplinlosigkeit mit. Und dann die public schools – die frühe Trennung von den Familien sei viel gesünder als das italienische Modell! Giuseppe, der mit Ende zwanzig im Sommer regelmäßig mit seiner Mutter in den italienischen Bädern kurte, lobte die englischen Internate. Kann sein, dass er zweitausend Kilometer von Palermo entfernt die quälende Abhängigkeit von Beatrice deutlicher wahrnahm. In London jedenfalls fühlte er sich freier und lebendiger. Auch seine Verwandten bemerkten verwundert, wie leichtfüßig der Cousin in den Bus sprang. Er schwärmte von den Bibliotheken mit ihren dicken Teppichen und ledergebundenen Klassikern, nahm in einem Sessel am Kamin Platz und versenkte sich in Lektüren, ging Empfehlungen nach. Giuseppe schrieb zwei, drei Aufsätze in einem ornamentalen Stil, aber mit originellen Gedanken, einen über Yeats, einen über den schriftstellernden Antisemiten Paul Morand und einen über den Historiker und George-Geliebten Friedrich Gundolf. Die Essays erschienen in einer Zeitschrift, und einige Zeitlang konnte er sich in der Illusion wiegen, jetzt Publizist zu sein. Es kam sogar zu Verlobungen, eine mit einer weißarmigen Engländerin, auch von einer Schottin ist die Rede, aber beide Verbindungen wurden stillschweigend wieder gelöst.
Sein Onkel Pietro Tomasi della Torretta, bei dem Giuseppe in London wohnte, ein glänzender Diplomat, überzeugter Liberaler und offener Gegner Mussolinis, war mit Alice Barbi verheiratet, einer ehemals gefeierten Sängerin. Die Mezzosopranistin aus Modena mit dem großen Gesicht und der breiten Wangenpartie hatte zwischen 1882 und 1893 in Russland, Deutschland, England und Österreich mit ungewöhnlichen Konzertprogrammen auf sich aufmerksam gemacht. Sie war auf Lieder spezialisiert; Brahms war hingerissen von der dunklen Klangfarbe ihrer Stimme. Alice Barbi war die Witwe von Baron Boris Wolff von Stomersee, Beamter am Hof des Zaren, der bei der Oktoberrevolution ums Leben gekommen war. Aus dieser Verbindung besaß sie zwei erwachsene Töchter. Die eine hieß Olga, genannt Lolette, die andere Alessandra, genannt Licy. Giuseppe begegnete ihr 1925 in der Residenz seines Onkels, als noch eine der anderen Verlobten im Spiel war. Licy war zwei Jahre älter als Giuseppe, in Nizza geboren, in Sankt Petersburg aufgewachsen und ihrerseits mit einem groß gewachsenen, hellhäutigen, hochgebildeten estnischen Baron verheiratet, André Pilar Pilchau, der sich zu Licys Verblüffung als homosexuell entpuppte. Aus ihrer Ehe war nach und nach eine herzliche Freundschaft geworden. Also kein Hindernis für eine neue Bekanntschaft. Giuseppe kam gerade recht. Als Stieftochter seines Onkels Pietro war Licy streng genommen seine Cousine, auch wenn es keine Blutsverwandtschaft gab. Der Sizilianer konnte unbefangen mit ihr umgehen, viel unbefangener als mit den Töchtern der alteingesessenen palermitanischen Familien. Außerdem war sie eine Schlossherrin und besaß ein eindrucksvolles Anwesen. Innere Spannungen und Abgründe konnten sie nicht schrecken, denn sie praktizierte als Psychoanalytikerin. Den Eltern verschwieg er die neue Bekanntschaft zunächst.
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