„Hans Tinner, aus dem Dorff Frumsen, […] ein ehrbarer und glaubwürdiger Mann, welcher noch jezo im Leben ist, hat mir heiliglich bezeiget, daß er vor 12. Jahren [1668] gegen dem Ende des Monats April auf den benachbarten Berg, der Frumsen-Berg genannt, gegangen sey, und daselbst an einem Ort, in der Hauweien genannt, eine förchterliche schwarz-grüne Schlange gesehen habe, welche zuerst um sich gewunden war, hernach aber sich aufgerichtet hatte. Ihre Länge war wenigsten 7. Schuhe, die Dicke aber wie die eines Wiesbaums; der Kopf war einem Katzenkopfe nicht unähnlich; sie hatte aber gar keine Füsse. Er sagte mir ferner, daß er sie geschossen, und durch Hülffe seines Bruders völlig getödtet hätte; und daß vor dem Tode dieser Schlange die Einwohner sich beklagt haben, daß die Euter ihrer Kühe ausgeleeret werden, ohne zu wissen, wer es gethan hat; daß aber dieses Übel hernach aufgehöret habe.“ 59
Dass Tatzelwürmer die Kühe melken, ist schon im Bericht Lorenzettis vorgekommen. Diese Eigenschaft wird uns noch öfters begegnen. Versuchte man, mit solchen Erzählungen zu begreifen, warum manche, wohl kranke Kühe weniger Milch gaben als sonst? Unklar ist, wie viele Füße ein Alpendrache hat, doch die Form einer Schlange mit Katzenkopf kristallisiert sich allmählich zu einem der typischen Merkmale eines Tatzelwurms heraus. Dennoch scheint jeder Tatzelwurm einzigartig zu sein. Das folgende Exemplar, 1665 gemeldet, hat eine Art Hühnerkamm auf dem Kopf:
„Hans Bueler aus der Pfarrey Sennwald, ein Mittglied des Consistorii, gieng vor 15. Jahren im Sommer auf dem Frumser-Berg, und sahe an einem Orte, das Erlawäldlein genannt, an dem Kalenbach ein schwarzes Thier aus den Dornbüschen hervorkriechen, welches vier kurze Beine hatte; die Dicke war wie eines Wiesbaums; auf dem Kopf hatte dasselbe einen Busch (oder Kamm) einen halben Schuh lang. Er hat aber die ganze Länge des Thiers nicht können beobachten, weil der hintere Theil des Leibes noch in dem Gesträuch verborgen war.“ 60
Der nächste Drache wurde in Graubünden beobachtet. Als einziges Exemplar hat er einen zweigeteilten Schwanz, dafür führt er ein weiteres Element ein, das uns später noch öfter begegnen wird: Er löst sich, wegen seiner großen Giftigkeit, binnen weniger Tage völlig auf.
Hans Tinner, ein „ehrbarer und glaubwürdiger“ Zeuge, sah 1668 eine „förchterliche schwarz-grüne Schlange“ mit einem Katzenkopf. Stich von Johann Jakob Scheuchzer, 1723.
„Sehr seltsam ist, was mir Herr Peter von Juvat, Pfarrer zu Stul im Bergumer-Gericht, in einem Brief vom 29. October 1702. erzehlt: ‚Es begab sich in dem Jahr 1696. zu Anfang des Augusti, als ein Kühehirt Bartolome Alegro de Ponte, aus dem Plurser-Gebiet, die Kühe auf den Berg Joppatsch zur Weyde trieb, daß er auf dem Gipfel des Berges, welchen er allein bestiegen hat, in einer tieffen Grube (in un garan Fopp) eine zusammen gewundne Bestie gesehen, welche stille lag, und von den einfallenden Sonnen-Strahlen roth aussah. Der Hirt [sah das Tier] aufgewickelt und mit aufgerichtetem Leib, ungefehr zwey Ellen lang, mit einem etwas zusammen gedrückten Katzen-Kopf, welcher roth und härig war, mit funckelnden Augen, und einem weissen Gürtel um den Halß. Anstatt der Füssen hatte er schuppichte Absätze wie ein Fisch, eine Zunge gleich einer Schlange, und einen in zwey getheilten Schwanz. Durch diesen Anblick erschrocken, wolte sich der Hirt durch die Flucht in Sicherheit bringen; allein die Bestie verfolgte ihn mit schneller Bewegung. […] Indessen greifft der Mann zu seiner Büchse, welche die Alp-Hirten oft mit sich zu führen pflegen, und schießt die Bestie mit einer Kugel; sie war aber davon nicht tod, sondern verfolgte darauf ihren Feind, auf welchen sie wie ein Pfeil in einer geraden Linie zugeschossen; er aber hat sie mit Steinen tod geworffen. Drey Tage hernach ward das Aas des Thiers ganz verfault gefunden, auf welchem ein grosser Schwarm Fliegen saß. Die Anwohner dieses Berges bezeugen, daß man oft solche Drachen von dem Berg Joppatsch auf den vorüberstehenden Urgeis wie Pfeile hinfliegen gesehen.‘“ 61
Der doppelschwänzige Drache, den der Kuhhirt Bartolome Alegro de Ponte am Berg Joppatsch sah. Stich nach Johann Jakob Scheuchzer, 1723.
Um 1706 datiert eine Meldung, die den Drachen noch einmal mit Unwettern in Verbindung bringt:
„Unter die bösen Drachen muß auch der gezehlt werden, welchen ungefehr vor 10 Jahren ein ehrlicher Mann Namens Meyer (dessen Bruder bey Hrn. Cammerer Bumer in Diensten steht) über dem Dorff Quinten unter dem Schatten einer grossen Tanne liegen sehen. Er hatte Füsse und Flügel, welche mit rothen Flecken gezeichnet waren, und schier wie Silber glänzten. Wenn er Athem holete, so war es als wenn er seufzete und zuweilen erschütterte er die Flügel. Der Mann gieng aber zurück, so bald er ihn gesehen hatte. Zwey Tage hernach erfolgte ein Ungewitter mit Hagel.“
Scheuchzer meinte, der Drache sei vielleicht ein Wetteranzeiger wie die Molche und Salamander. Das zeugt erneut davon, wie sehr der Schweizer Naturforscher versuchte, den Drachen der Alpen als reales Tier aufzufassen, von dem er sämtliche Eigenschaften „vernünftig“ erklären wollte, ohne auf Aberglauben zurückzugreifen.
1707 und erneut im Mai 1716 sah der Bauer Caspar Gilg Drachen bei Bonstetten im Kanton Zürich. Er bezeugte dem Pfarrer Butschlin, sie seien „vier Schuhe lang [gewesen], mit vier Füssen, welche fast zwey Finger lang und breit, deren Halß ungefehr eines Arms dick und mit einem gelben Ring umgeben war. Das Thier war sonst schwarz, und hatte eine gelbe Crone auf dem Kopf.“ 62Im Sommer 1717 stieß Joseph Scherer aus Nefels am Fuß des Glärnisch-Bergs, knappe zwei Kilometer von Glarus entfernt, auf ein Tier,
„welches einen Katzen-Kopf, und in demselben hervorragende Augen hatte; es war einen Schuh lang, mit einem dicken Leib, hatte vier Füsse, und etwas wie Brüste an den Bauch herunterhangen; der Schwanz war auch einen Schuh lang; sonst war der ganze Leib schuppig und bunt gefärbet. Der man hat dasselbe mit einem spitzen Stock durchstochen, es soll ganz weich und voll giftigem Blut gewesen seyn, so daß ihm von einigen Tropfen das Bein so angeschwollen, daß er einen ganzen Monat lang damit zu thun hatte.“
Die Gebeine wurden einem Herrn Tschudi übergeben, der Teile an Scheuchzer weitergab und ihm meldete, dass „auf der Alpenweyde Roßmair eine Art grosser Eidexen sich befinde“ 63.
Zu diesen breit dargestellten Meldungen kommen viele weitere: Scheuchzer erwähnt eine Schlange, „welche A. 1680 zu Anfang des Frühlings von Bauren bey Lausanne ist gesehen worden, und so dick gewesen, als das dünnere und dickere Bein bey einem Menschen, auch, welches sehr ausserordentlich ist, Ohren gehabt hat“ 64, und einen Drachen bei Weinigen, nämlich „die vierfüssige Bestie […], welche vor einigen Jahren in Bittenloo im Wellenberg bey dem Dorff Weinigen, schön gefärbt, mit einem Katzenkopf und Busch, im übrigen aber schlangenförmig, auf dem Stamm eines alten umgefallenen Baums ist gesehen worden“ 65.
Dass Scheuchzer durchaus nicht nur naiv kopierte, beweist ein letzter Bericht seines Buchs:
„Der dritte [Drache] ist jezt noch am Leben, wenn die Erzehlung wahr ist, daß er unlängst zu Ostergau auf dem Blutten-Esel, ungefehr eine Stunde von Willisau, von vielen sey gesehen worden. Er soll zweyfüssig seyn, ungefehr einen halben Schuh dick, schuppicht, grünlichter Farbe, und mit einem dicken Kopf. Ich habe mir Mühe gegeben, die Sache gründlich zu erforschen, habe aber erfahren, daß das Gerücht ganz ungegründet gewesen; wovon ich also der Nachwelt habe berichten wollen.“ 66
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