„Was soll’s denn sein, Fräulein Thereschen“, rief sie und schlug dann entzückt die Hände zusammen. „Was haben Sie for ’ne neue Frisur, bildschön! Ne, jroßartig, einfach jroßartig!“
Eine hagere, ältliche Person mit einer Hakennase hatte den Laden betreten. Sie trug den Haarknoten spitz vom Hinterkopf abgedreht und eine Menge abgeschnittener und gebrannter Haare über der Stirn hochgekämmt.
„Wie Sie det kleid’t! Reizend! Wie eene von sechzehn!“
Die Person lächelte geschmeichelt und forderte ein Pfund Salz und für’n Sechser Petersilie. Die Reschke schwatzte in einem fort, während sie das Salz abwog und ein großes in Wasser stehendes Bukett Petersilie zerteilte.
„Ja, mit de Petersilie is nischt zu verdienen, reene jar nischt; woanders lassen se nich untern Jroschen ab. Un frisch, janz frisch, heute morgen stand sie noch inn Jarten. Ick kann mer nech zufrieden jeben, wie Ihnen die Frisur steht — was soll’s denn noch sein? Pflaumen oder Weißkohl? Der is heute spottbillig, mein Mann hat besonders vorteilhaft injekauft. Fufzehn un zwanzig Pfennig — na, wie is’t damit?“
„Danke“, sagte die Köchin, „heut wollen se von den neuen rheinischen Sauerkohl mit Sozieschen essen.“
„Jotte doch, so’n schweret Essen! Det’s aber nischt vor Ihren schwachen Magen, Fräulein Thereschen!“
„Na, dann geben Se mer man ’nen Kohl!“ Die Magd nahm einen nach langem Wählen und wog ihn in der Hand. „Was kost der?“
„Fünfundzwanzig.“
„Nanu?“
„Ja, der is auch besonders dick. Der reene Klotz.“
„Fufzehn!“
„Fufzehn —?! Ne, mein Dochter, der kost uns selber mehr als fufzehn.“
Das Mädchen verzog die Lippen. „Das reden Se jemand anders vor! Ne, denn gehe ich zum Kaufmann drüben, das Pfund vom neuen Sauerkohl kost nur zehn Pfennige.“
„Se werden doch nich? I, Spaß! Det wäre! Se werden mer doch de Kundschaft nicht vertragen, Fräulein Thereschen? Ick sehe Ihnen sowieso oft bei’n Kaufmann drüben. Bei Jott, so wahr ick lebe, ick verdiene nischt dran, keenen Pfennig; aber, weil Sie’t sind — da!“ Mit einem Seufzer ließ sie den Kohlkopf in den Korb des Mädchens rollen. „Se sollen nich sagen, daß de Reschken unkulant jegen Ihnen is, wenn se ooch nicht so’n Klimbim von sich her macht, wie der Kaufmann drüben.“
Sie drehte das Mädchen hin und her. „Ne, die Frisur kleid’t Sie! Himmlisch! Wie ’ne Dame! Wie ’ne feine Dame, direkt aus ’s Modeschurnal!“
„Wie ’ne olle Nachteule“, brummte sie hinter der Davoneilenden nach. „Fufzehn! Nur fufzehn Pfennige! De Herrschaft rechnet se doch natürlich zwanzig an. Det klapperdürre Jestelle! Die hab ick auf’n Strich.“
Kaum erschien jedoch eine neue Käuferin auf der Kellertreppe, veränderte sich ihre Miene zauberschnell. Das war wieder der süße Ton: „Was soll ’s denn sein?“
Bertha amüsierte sich köstlich.
Die Stunden von acht, halbneun bis gegen zwölf waren die belebtesten, da flog’s im Laden aus und ein, wie in einem Taubenschlag. Die eine holte Kartoffeln, die zweite Gemüse, die dritte Petroleum, die vierte Heringe, die fünfte Obst. Jede fühlte die Birnen an, ob sie weich waren! Alle kosteten von den Pflaumen, die in einem hohen Korb am Kellereingang standen.
Vor der bleichsüchtigen Marie von Rentiers war kein Obst sicher; selbst in die grasgrünen Äpfel biß sie. In die zwei großen Glaskrausen auf dem Ladentisch — die eine enthielt Kaffeebohnen, die andere Erbsen — langte sie auch hinein. Aber man mußte ein Auge zudrücken, Rentiers kauften immer vom Besten; im Frühjahr den ersten Spargel, im Herbst die ersten Weintrauben.
„Nanu, Mariechen“, fragte Frau Reschke leutselig, „haben Se schon von die Pflaumen jekostet? Fein, was? Nehmen Se sich doch! Sagen Se Ihrer Madam: jroßartige Einmachepflaumen. Hier, kosten Se doch mal die Weintrauben! Was Extras for ihren Herrn Rentier! Se husten ja? Ne, da muß ick Ihnen doch jleich en paar von die neuen Hustenbonbons verehren; schmecken delekat, was? Nur dreiste ringefaßt; wenn se nur helfen! Vergessen Se ’t ooch man nich, Ihre Herrschaft zu sagen von de Einmachepflaumen un den Wein!“
Sie legte dem Mädchen noch eine Handvoll Bonbons in den Korb. Berthas Augen funkelten, mit einer sehnsüchtigen Gier sah sie zu, wie Mariechen einen Bonbon nach dem andern hinter die blassen Lippen schob und wohlgefällig daran lutschend, noch ein wenig mit Frau Reschke schwatzte. Berthas Zunge leckte auch — sie konnte das Zusehen kaum mehr aushalten; Süßes aß sie für ihr Leben gern, schon als Kind hatte sie stundenlang beim Krämer des Ortes vor der Tür gelungert, um so, durch die Beharrlichkeit freundlich begehrter Blicke, dem gutmütigen Manne ein Zuckerstückchen abzubetteln.
Andere Erscheinungen kamen. Die schöne Auguste, so stolz, so ehrbar, daß sie förmlich einschüchternd wirkte. Mit einer ruhigen Würde besorgte sie ihre Einkäufe; in ihrem frisch gestärkten rosa Kleid, dem weißen Häubchen und der blendenden Latzschürze sah sie aus wie das Bild der Reinlichkeit und Reinheit. Sie kaufte eine Menge und ließ alles in ein Büchelchen eintragen; Berthas scharfe Blicke entdeckten, daß Frau Reschke alles um fünf oder zehn Pfennige teurer dort anschrieb, als der Preis war. Und Auguste guckte ihr dabei über die Schulter und diktierte auch ab und zu.
Als die Auguste gegangen war, pries Frau Reschke sie aus allen Tonarten. Das war noch ein solides Mädchen! Die hatte sie aber in ihre jetzige Stellung gebracht, zu jung verheirateten Leuten, die in ihrem schönen neuen Haushalt ganz verliebt in ihre hübsche, ehrbare Auguste waren. Dann erschien die Mathilde von Hauptmanns. Ihr rundliches Gesicht, das in der Jugend gewiß sehr hübsch gewesen, trug einen unendlich gutmütigen und einen zugleich zerstreuten Ausdruck. Sie hatte Tränen in den Augen, als sie davon sprach, am ersten Oktober den Dienst verlassen zu müssen, in dem sie nun fast zwei Jahre gewesen. „Ich bin dem jnä’jen Frauchen ja so gut“, schwatzte sie mit ihrer angenehmen, etwas verschleierten Stimme, „ich wär ja auch nich jezogen, wenn ich mer nich verheiraten tät.“
„Ick jratuliere“, rief die Reschke herüber, die gerade ein paar andere Kundinnen bediente, und zwinkerte diesen zu. „Na, is’t denn jetzt so weit?“
„Noch nich“, sagte Mathilde geheimnisvoll.
Die jungen Dinger, die mit ihren Marktkörben herumstanden, stießen einander heimlich an.
„Ich habe de Nacht um zwölwe mein Punktierbuch jefragt, das sagt ja nu: ‚ja, ja, baldije Hochzeit‘. Und wie ich vorige Woch’ Sonntag zum Abendmahl jeh — mit mein Schwarzseidnes, wo denn schon parat war zur Hochzeit, denn treff ich wen, de Schustersche, wo obenan bei mein Schwager wohnt, und die hat mer denn erzählt, daß de Schwaster krank liegt — an Influenzia. Na, und das stimmt ja woll mit mein Buchchen — de Schwaster stirbt, und bald is wieder Hochzeit!“
„Na, is se denn schon tot?“ rief keck eine der Mägde.
Mathilde verzog keine Miene. „Nei, noch nich“, sagte ihre angenehme Stimme. „Ich frag aber immer de Schustersche, bei mein Schwaster komme ich ja nich ins Haus. Und bei’s Abendmahl in de Kirch hab ich unser liebes Harrjottche so recht von Harzen jebeten — wenn zuerst ne Frauensperson vor’s Altar tritt, denn bleibt se leben; kommt zuerst ’ne Mannsperson, denn stirbt se. Na, und denn kam ja woll zuerst ’ne Mannsperson.“
Die Mädchen kicherten; sie kannten die fixe Idee der alten Mathilde, die immer noch auf den Mann, der sie einstmals, um ihrer jüngeren Schwester willen, hatte sitzen lassen, wartete.
Sie lachten ganz ungeniert, als Mathilde in ihrer Herzensfreude sie alle zur Hochzeit einlud.
„Na, was sagt denn nu die Hauptmannsche?“ fragte die Reschke. „Die wird scheene drinne sitzen, die kriegt so leicht keene. Schmalhans Küchenmeister. Un denn die unjezogenen Bälje.“
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