Und die Enttäuschung hielt an, als sie sich zu Bertha in das Küchentischbett legte, neben welches die stumme Grete sich einen Strohsack schleppte. Trude, die um elf dreimal an die blaulackierte Tür getrommelt hatte — das war ihr Zeichen — schlief mit Elli auf dem Sofa in der guten Stube.
Mine konnte nicht schlafen, eine ungeheure modrige Schwüle nahm ihr den Atem; sie streifte sich das Bett vom Halse und legte die Arme obenauf. Es wurde doch nicht besser. Im Dunkeln lag sie mit brennenden Augen und glaubte Tropfen von den Wänden, die bei Lampenschein so seltsam glitzerten, niederfallen zu hören.
Ein schauerliches Rasseln ließ sie zusammenfahren; sie tastete nach dem warmen Körper Berthas und flüsterte erschrocken: „Hörste?!“ Die schlief ruhig weiter.
Das prasselte und schnaufte und ächzte! Ein abergläubisches Entsetzen packte die Wachende, sie setzte sich aufrecht im Bett und lauschte — nun wußte sie’s, die stumme Grete schnarchte.
„Biste stille“, schrie sie in unterdrücktem Ton und klopfte an die als Seitenwand aufgeklappte Platte des Küchentisches. Das Rasseln verstummte, und ein leises Knistern des Strohsackes verriet, das die Kleine erwacht war.
Eine schwere Mattigkeit überkam Mine, die Glieder waren ihr wie gelähmt; klebriger Schweiß rann ihr in der dicken, von vielen Lungen verbrauchten Luft am Gesicht nieder, ihr ganzer Körper war übergossen davon. Für kurze Augenblicke umnebelten sich ihre Gedanken — sie glaubte, daheim im Golmützer Forst ins Moor geraten zu sein, zäh und schlammig hing sich’s ihr an die Füße und zog sie tiefer und tiefer; ein scheußlich stinkender Moderduft stieg auf. Sie wollte den Arm heben, sich ans rettende Schilf klammern, — der Arm ließ sich nicht heben, starr, wie tot lag er auf der Decke.
Jetzt wachte sie wieder; und jetzt, gerade, als sie aufschreien wollte: „Diebe!“ fiel ein heller Schein über ihr Bett, und unter ihren blinzelnden Lidern vor sah sie den Onkel, notdürftig bekleidet, torkelnd vor Müdigkeit, auf den Herd zutappen. Er nahm das braune Kaffeetöpfchen aus der noch warmen Asche und tappte wieder hinaus.
Also es war Morgen! Das gab ihr eine Art von Beruhigung; endlich fielen ihr die Augen zu. Sie schlief fest, aber sie träumte Entsetzliches, mattete sich ab in einem vergeblichen Kampf, rang nach Luft, in einem erstikkenden Brodem. Ein kalter Finger, der sie unter der Nase kitzelte, erweckte sie. Sie schlug mit den Armen um sich und wußte nicht, wo sie war.
Die winzige Küche war voll von Menschen. Arthur stand an der Wasserleitung und ließ Wasser in seinen Krug plätschern; Elli sprang im Hemdchen um ihn herum und trieb allerlei Faxen. Vor dem Spiegelscherben kniete Trude, im kurzen Röckchen, und brannte sich den ganzen Kopf voll Locken, während Bertha, in einer ihrer Nachtjacken mit Häkelspitze, dabei stand und aufmerksam zuschaute.
„So müssen Sie sich auch die Haare machen“, riet Trude, „das is schick“.
„Wer’ schon“, sagte Bertha, „später! Jetzt kleid mer das“ — sie strich sich mit beiden Händen über ihr glattes Köpfchen — „noch ganz gutt!“ Sie hatte recht, sie sah bildhübsch aus mit dem glattgesträhnten, weichen Blondhaar, das ein dichtes Flechtennest über dem gar nicht verbrannten, milchweißen Nacken bildete.
Arthurs Krug lief über, das Wasser plätscherte auf den Boden, er hatte nicht acht darauf, seine Augen richteten sich starr auf das hübsche Mädchen und verschlangen dessen Gestalt.
„Du Schlemihl“, schrie Trude, „Gib doch Achtung, das Wasser spritzt mer ja auf die Frisur!“
„Na, wenn schon!“ Nun drehte er den Leitungshahn so weit wie möglich auf, daß das Wasser nach allen Seiten sprühte.
Elli kreischte laut vor Vergnügen; wie eine Balletteuse ihr Hemdchen mit spitzen Fingern fassend, schwenkte sie die Beine und piepte in höchster Höhe: „Ach Schaffnehr, lieber Schaffnehr, was haben Sie jetan?!“ Das war ihr Leib- und Magenstück; im Wintergarten, wohin ihre Eltern sie am ersten Osterfeiertag-Abend mitgenommen, hatte sie’s gehört.
Die anderen lachten, nur Mine nicht, sie war ärgerlich, daß sie verschlafen hatte, und wollte gern aufstehen.
„Langschläfern, man fix“, rief Trude und wollte ihr das Deckbett wegziehen. Mit einem Schrei riß Mine es wieder über sich und warf einen ängstlichen Blick nach Arthur hin.
Dieser fing den Blick auf. „Man los! ich wer’ euch nischt abkucken!“ Er stellte sich breitbeinig hin.
„Er soll rausgehen“, jammerte Mine.
Trude schrie vor Lachen.
„Ach Schaffnehr, lieber Schaffnehr“, kreischte Elli.
Die Wasserleitung plätscherte, oben übers Pflaster rasselten Milch- und Gemüsewagen, an der Fensterluke trappten Arbeiterstiefel vorüber; es war ein Höllenlärm.
„Ruhe“, rief Bertha in alles Getöse hinein. Lachend faßte sie Arthur an den Schultern und schob ihn, ehe er sich’s versah, zur Küche hinaus. Als er ihr einen raschen Kuß aufdrücken wollte, wich sie geschickt aus, entschlüpfte ihm, schlug die Tür vor der Nase zu und drehte den Schlüssel um.
Nach ein paar Minuten drückte jemand von außen auf die Klinke.
„Wer ist da?“
„Nanu“, schallt die Stimme der Reschke, „was soll denn det heißen? Injeschlossen?! Det is nich Mode hier, bei uns kann allens jesehen werden; zu verberjen haben wir Jott sei Dank nischt!“ Sie war schlechter Laune, Reschke war eben wiedergekommen und hatte empörend teuer eingekauft. Den Weißkrautkopf zehn Pfennige im Engros, und die Metze Pflaumen drei Mark! Wenn man berechnete, was einem davon alles verdarb, wie sollte man da etwas verdienen?! Sie rüttelte ganz gefährlich an der Tür.
Bertha schloß rasch auf.
Frau Reschke war noch in Morgentoilette, die aus Unterrock und Nachtjacke bestand. Der starke Busen hing ihr bis auf den mächtigen Leib; in niedergetretenen Filzschuhen schlotterte sie zum Herd. „Wenn ick so lange in de Klappe liejen wollte!“ brummte sie mit einem grimmigen Blick auf Mine, die eben im Begriff war, ihre Strümpfe anzuziehen. „Macht man, daß ihr hier raus kommt! Jeh, Elli, mein Herzblatt, jeh, lege dir noch en bißken bei Papan! Ne, wenn ick det jeahnt hätte, so’n Jeruder!“
Stürmisch rasselte sie mit den Herdringen, durchstocherte die Asche nach ein paar Funken und setzte einen großen Blechtopf mit Wasser auf.
„Mine, wenn de deine Tojilette beendet hast, jeh man bei Onkeln durch — aber leise — rechts in den Keller! Hol den Waschzuber her, er steht mank de Kartoffeln. Ik wer dir de weißen Kleidchens von Ellin einweichen, un Trudes Stickerei-Unterrock, un Arthurs Sporthemd, un Strümpfe und Taschentücher, un sonst noch en paar Kleenigkeiten. Zu’n Sonntag muß allens parat sein. Nanu, wat stehste wie eene von de Puppenbrücke? Immer dalli! Du wirst der wundern, wenn de in Stellung kommst.“
Mine stand in der Tat starr wie aus Stein gehauen; war das dieselbe Frau, die gestern so schmunzelnd hinterm Ladentisch gestanden, mit so einschmeichelnder Stimme gefragt hatte: „Was soll’s denn sein?“
„Ich wer’ gehn, Frau Reschke“, sagte Bertha gefällig und schlüpfte aus der Küche.
Im guten Zimmer überraschte sie Elli, die, während ihr Vater hinter der Gardine schnarchte, Rock und Hose, die überm Stuhl hingen, visitierte, ob nicht irgendein Groschen oder Fünfpfennigstück sich in den Taschen verkrümelt hatte. Als sie Bertha gewahrte, lächelte sie pfiffig. „Der wacht nich uff!“ Und dann setzte sie altklug hinzu: „Heute überhaupt! Er hat ja einen jekippt!“ —
Während Mine am Vormittag in der dunklen, stickigen, vom Brodem der kochenden Lauge noch stickiger gewordenen Küche sich die Hände an der vergrauten Wäsche der gesamten Familie durchrieb, bediente Bertha mit im Laden. Frau Reschke hatte wieder ihre Geschäftsmiene aufgesetzt — hell, freundlich, eitel Wohlgefallen.
Читать дальше