Was die hier in Berlin „nah“ nannten! Der Weg von der Bülow- bis zur Göbenstraße dünkte den Mädchen zweimal so weit, wie der durchs ganze Dorf. Und immer blieb Bertha an den Schaufenstern stehen, besonders an den Konditorläden konnte sie nicht vorüber; dann funkelten ihre Augen in einem schimmernden Glanz, hurtig leckte ihre Zunge über die roten Lippen, als schmeckte sie schon Süßes.
Endlich kamen sie an die Göbenstraße.
„Eins, zwei ..., sechs, sieben, achte!“ Mine zählte laut, und doch wäre sie noch in ihrer Verwirrung vorbeigelaufen, hätte Bertha nicht „Halt!“ gerufen.
Mehl und Vorkost
Obst und Gemüse
von Jakob Reschke
stand mit großen weißen Buchstaben auf der mit glänzend himmelblauer Ölfarbe gestrichenen unteren Wandhälfte des Parterres.
Die Holzstufen, die hinunter führten in den Keller, waren rechts und links flankiert von hohen Körben. Obenan ein mit schon welkenden Bohnen gefüllter; diesem gegenüber einer rot von der Suppe, die zerplatzte und zerdrückte Preißelbeeren vergossen.
Das Fenster, in gleicher Höhe mit dem Bürgersteig, bot ein buntes Durcheinander: Kohlköpfe, Gurken, Äpfel, Zitronen, Bücklinge, Birnen, Pflaumen, Heringe, Brot und weißer Käse; in der Mitte ein Körbchen „Garantiert frische Trinkeier“.
An Inschriften war überhaupt kein Mangel, überall baumelte ein Pappstückchen:
Täglich frisches Landbrot
Feinstes Petroleum, pro Liter 18 Pfg.
Einmacheessig
Kleine Fuhren werden gefahren
Perleberger Glanzwichse
Rollmops
Alle Sorten Biere, frei ins Haus
Hier kann gerollt werden.
Größer aber als alle, prangte ein Zettel:
Gesindevermietungsbureau
von Frau Amalie Reschke.
Die Stufen waren feucht, glitschig von zertretenen Gemüseresten. Hier lag ein Kerngehäuse, da ein ausgespuckter Pflaumenstein, dort schimmelten Traubenschalen; alle die Mägde, die unten Obst geholt hatten, probierten auf der Treppe davon.
Es war ein sehr frequentiertes Geschäft, den ganzen Tag schlug die Klingel an, die sinnreich unter einer Treppenstufe angebracht war; sie keifte und gellte und zeterte in einem hohen, ohrenzerreißenden Diskant. War Frau Reschke wirklich einmal hinter der Glastür mit den gegelbten Gardinchen, die in die Wohnung der Familie führte, verschwunden, gleich rief das durchdringende Geschrill sie wieder herbei. Da gabs kein Sich-unbemerkt-in-den-Laden-schleichen, wenn auch die blaulackierten Türen weit in den Angeln zurücklagen und sich erst abends, lange nach zehn, schlossen.
Die Mädchen stellten ihr Gepäck oben nieder und tappten die schmierige Treppe hinunter.
Mine schrak zusammen, daß ihr das Herz im Leibe erzitterte, als unter ihrem derben Tritt auf die Stufe die verborgene Klingel ertönte. Das war ein scharfes, nicht endenwollendes Läuten, ein warnendes, bösartiges, bissiges Gebelfer. Sie wagte nicht, sich zu rühren, der Schweiß brach ihr aus. Gott sei Dank, jetzt hörte es auf! Bertha hatte sie die Treppe vollends hinabgezogen.
Nach der Helle der Straße schien es unten völlig dunkel. Erst allmählich gewöhnten sich die Augen daran und lernten unterscheiden.
Da stand eine kleine dicke Frau hinter dem Ladentisch, der mit Schachteln und Körben, Glaskrausen, Broten und Kruken so hoch bepackt war, daß sie kaum darüber wegsehen konnte. Eine helle Kattunschürze saß prall um die mächtigen Hüften; der Busen, über den der Schürzenlatz sich spannte, zeigte den Schmuck einer rosa Aster.
„Was soll’s denn sein?“ fragte sie außerordentlich freundlich und schmunzelte die Mädchen an.
„Das is se“, wisperte Bertha und puffte Mine in den Rücken. „Nu sei nich uffs Maul gefallen!“
Mine machte ein paar zögernde Schritte gegen den Ladentisch; den Eierkorb wie zum Schutze vor sich hinhaltend, stotterte sie:
„Ich — bin et — de Mine!“
„Wer?“
„Nu, die von Heinzes, aus Golmütz!“
„Jotte doch, Heinzes Mine aus Golmütz?!“ die Frau schlug die Hände zusammen. „Warum sagste det denn nich jleich?! Ick kenne so ville Minens. Na, det ’s ja reizend, daß de hier bist!“ Sie reichte der Nichte die Hand. „Ick sagte schon zu Reschken: ‚Wetten?! Die kommt nich, die is bange vor Berlin.‘ “
„O ne.“
„Na, denn setz der!“ Scharf musternd überflog der Blick der Kennerin die zierliche Gestalt Berthas. „Wen haste denn da mitjebracht?“
„’ne gutte Bekannte.“
„So, Fräulein, Sie suchen wohl auch Stellung? Was? Det wird nich schwer halten.“ Wohlgefällig lächelte die Frau und wendete sich dann gegen die Glastür. „Reschke, Reschke!“
„Was ’s denn los? Ich bin bei’s Bücherführen“, grunzte die Stimme des Mannes hinter der Tür.
„Quatsch! Deine Nichte is anjekommen! Man fix!“
„I, da soll doch!“ Die Glastür öffnete sich, und Reschke in Hemdsärmeln und niedergetretenen Schluffen erschien neugierig. Mit einem geübten Griff faßte er Bertha unters Kinn. „Na, Mächen, du hast der ja janz vermost rausjemausert! Als ich vor neun Jahren bei de Schwester zu Besuch war, warste man noch recht unbedeutend. Aber nanu!“
„Ich bin de Mine, Onkel“, sagte Mine.
„So — du — ?!“ er sagte es etwas langgezogen. „Na, freilich, nu kenne ich der ans Jeschlechte! De Knochen von der Anne, un de Nase von ihm, Heinzen. Na, mach der’s bequem, tu, als wärste zu Hause!“
„En scheenen Gruß von Vatter un Mutter“, murmelte Mine und suchte unter all dem Wirrwarr auf dem Ladentisch ein Plätzchen für ihren Eierkorb. „Selbstgelegte. Unse sein alle zusammen gesund derheeme. Un de Male wird Ostern eingesäjent.“
Es hatte sie zwar kein Mensch gefragt, aber es war ihr so selbstverständlich, von den Ihren zu sprechen, hier, bei den nächsten Verwandten. Der starke Mann da, mit der klumpigen Nase und den freundlichen kleinen Äugelchen, war doch der einzige Bruder der Mutter, ihr Stolz, der Krösus, von dessen Glück sie ihren Kindern und auch anderen Leuten gern und viel erzählte. Mine trat dicht an ihn heran und gab ihm die Hand. „Sei bedankt, Onkel, wenn de mer zu ’ner gutten Stelle verhilfst! Ich möcht auch mein Glück hier machen!“
„Hoh, Hohoho“ — Reschke wollte sich ausschütten vor Lachen. „Da denken se alle, das Jeld liegt hier uff de Straße! Ja, Mächen, da mußte dich an meine Frau verhalten, die hält den Teufel an der Strippe. Soll se ’n for Ihnen ooch mal springen lassen, Fräulein?“ Er zwinkerte Bertha zu. „Red nich so ’n Quatsch“, fuhr ihn seine Frau an, „du weeßt recht jut, wie ’s heutzutage mit die Herrschaften is, die sind zu wählerisch, mit die nettsten Mächens machen se Krach. Un mit ’n Lohn knappsen se, det ’s schon mehr himmelschreiend. Nu machen sie alle von außerhalb nach Berlin, janze Rudel Mächens, un denken wunders, was hier los ist — ja Kuchen! Fünwe, zehne, fufzehn — eene Mandel!“ Sie zählte die Eier. „Fünwe, zehne, fufzehn — Na, aber wir werden schon sehen — zwei Mandeln! Fünwe, zehne, fufzehn — drei Mandeln! Du brauchst keine Bange nich zu haben — fünwe, zehn, fufzehn — fünf Mandeln! Det wär ja noch schöner, du keene Stellung kriegen?! So’n hübschet Mächen, so bescheiden, un so tüchtig! Da laß du nur die Reschken for sorjen!“ „Na siehste’t“, sagte der Onkel und klopfte sie auf die Schulter. Mine strahlte übers ganze Gesicht; Bertha lächelte in sich hinein.
Die Reschkesche Wohnung bestand außer dem Laden und dem großen Zimmer hinter der Glastür, wo das Piano stand und das durch einen Kattunvorhang verdeckte Bett des Ehepaares, aus einer Kammer und einer winzigen Küche. Rechts vom guten Zimmer war noch ein fensterloser niedriger Raum, in dem Kartoffeln und Scheuersand aufgeschüttet lagen und ein paar große Hunde herumlungerten. Mit ihnen fuhr Reschke zum Markte.
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