Jetzt wo Mine so allein hinaus in die Fremde sollte, zu lauter Unbekannten, kam ihr die Bertha wie eine Freundin vor. Sie preßte zutraulich deren Hand.
„Nä, wie mer das aber freit! Warum haste mersch denn nich ehnder gesagt, daß de ooch nach Berlin machst?!“
Die andere lachte. „Keenen Schimmer nich han ich vorher davon gehatt! Es gefällt mer aber uff eenmal nich mehr zu Haus. Alles alleene klauen — de Mutter ist immer weg, un wenn se zu Haus is, kippt se eenen; un dann schnarcht se entweder, oder se räsoniert. Das paßt mer noch lange nich. Un als se gestern so geschimpft hat, dacht ich: ‚Na wart! Heut nacht is se beim Bauer Reim zu Liebuch, der hat se gestern abend mit dem Wägelchen geholt; de Frau kriegt’s sechste. Da läßt se sich’s immer wohl sein, da dauert’s lange. Wenn se von da wiederkommt, bin ich bald in Berlin. Hahaha!“ Sie lachte ihr helles Lachen.
„Nä — aber“, stotterte Mine ganz verblüfft.
„Recht hat se“, brummte Max beifällig.
„Was ich brauch, han ich vorerscht!“ sagte Bertha und stieß mit dem Fuß an ein nachlässig zusammengerolltes Bündel und eine Pappschachtel, die sie unter das Kalb geschoben. „Das andere Gelumpe kann se behalten, da is nischt mit los. In Berlin schaff ich mer doch alles neu an. Du sollst mal sehn, was ich forn Hutt krieg! Vom erschten Lohn wird er angeschafft.“ Sie hielt den hübschen Kopf so aufgereckt, als trüge sie schon einen Florentiner mit lauter weißen Federn darauf.
„Du bist eene!“ stieß Max hervor und betrachtete sie mit bewundernden Blicken.
Sie fuhr mit leichter Hand ums Kinn. „Gefall ich der? Das ist recht, Jüngelchen!“
Er brummte Unverständliches. Daß sie ihn „Jüngelchen“ nannte, empörte ihn. Wußte sie nicht, daß er bald achtzehn war, so alt wie sie?! Daß er ein forscher Kerl war, wollte er ihr schon beweisen. Er suchte ihren Fuß unter dem Gewirr von Beinen, das sich auf dem engen Räumchen zusammendrängte, glitt mit der Hand höher hinauf und kniff sie tüchtig in die Wade.
Mit einem hellen Schrei fiel sie rücklings über; Mine hielt sie besorgt fest und faßte zugleich nach ihrem Eierkorb, der ins Wanken geraten war.
Der Bauer drehte sich auf dem Kutschsitz um: „Nanu, was ’s denn los?“ Mine war sehr böse auf den Bruder, aber Bertha lachte aus vollem Halse — war das ein Spaß! Von nun an schaute sie den jungen Menschen immer mit einem schelmischen Blinzeln an.
Sie erzählten sich noch dies und das; der ganze Dorfklatsch wurde abgehandelt. Bertha gab manches Späßchen zum besten — was kriegte die nicht auch alles zu sehen und zu hören! Nur als Bauer Obst auf einen Schatz anspielte, hatte sie keine Ohren.
„Das sollt mer fehlen“, fertigte sie ihn kurz ab. „Ich weiß, wie’s zugeht, uije! Dafor bin ich meiner Mutter Tochter. Nä, nä —“, sie schüttelte sich in einem inneren Grausen —, „ich will vorerscht mein Leben genießen.“
Mine wußte darauf nichts zu sagen, sie verstand die andere nicht einmal. So legten sie schweigsam das letzte Viertel des Weges zurück. Die Sonne hatte den Nebel durchbrochen und stand groß und leuchtend über der Flur. Weit hinten in dem Gewirr von Strahlen lag das Heimatdorf; man konnte es längst nicht mehr sehen, und doch blickte Mine zurück, bis ihr die Augen übergingen.
Unverlaßbar teuer dünkten ihr auf einmal die weiten Felder, über die der Wind strich; von den blauen Kiefernwäldern herüber kam ein harziger Duft. Sie stieß einen Seufzer aus und zog den Duft ein, als sollte ihr die Brust springen. Die Schwalben waren schon weggezogen, leer waren die Drähte zwischen den Telegraphenstangen, auf denen sie sonst gereiht saßen — ein weißer Brustlatz neben dem anderen. Aber auf der Wiese dort, in der Niederung, stand noch ein einsamer Storch, regungslos auf einem Bein. Mine hielt den Atem an — blieb der hier? Aber Bertha schrie laut: „Husch, husch, puff!“ Langte dem Bauer über die Schulter, ergriff die Peitsche und knallte übermütig. Da breitete der Vogel die Schwingen aus und flog hoch in die Luft, bis er nur mehr wie ein dunkler Fleck gegen die helle Sonnenscheibe stand.
Der blieb also auch nicht hier! Mine gähnte; sie fühlte sich durchfröstelt und übernächtigt, ihr war gar nicht gut zu Mut. Hatte sie doch auch fast keinen Schlaf bekommen. Gestern, nach Feierabend, war sie im Sonntagskleid zu den Nachbarn gegangen und hatte sich verabschiedet; heimgekehrt, hatte sie den Staat abgelegt und noch bis spät Mitternacht der Mutter den Brotteig geknetet, die Milchsatten abgerahmt, gebuttert, Brennholz gespalten und den Flur gefegt. Dann erst noch in ihrer Kammer die letzten Sachen in den Reisekorb getan, und als sie sich endlich niederlegte, beengte sie die fest schlafende Emma, mit der sie das Bett teilte. Sie hörte die Turmuhr jede Stunde schlagen; ein seltsames Gemisch von Freude und Schmerz nahm ihr den Schlaf.
Blaß und nachdenklich saß sie auf dem Wagen, älter erscheinend, als sie in Wirklichkeit war.
Fidlers Bertha dagegen traute man nicht einmal ihre achtzehn zu. Die sah blutjung aus, frisch wie eine Heckenrose und ebenso hübsch wie diese. Ihr blondes Haar glänzte seidig; sie trug es glatt aus der reinen Stirn gestrichen, nur im Nacken hatte sie sich mit der Tollschere, die die Mutter zu ihren Hauben brauchte, ein paar Löckchen gebrannt. Aus ihren klaren blauen Augen schaute sie vergnügt in die Welt; sie hatte einen Kinderblick.
Als jetzt der Wagen auf der Höhe der Chaussee angelangt war und unten in der Niederung der Warthe das Städtchen sich präsentierte, mit seinen zwei Türmen, dem Rathaus und dem Brückenbogen über dem Fluß, richtete sich Bertha hoch auf. Sie stieß einen Freudenschrei aus: „Siehste, da — da, das rote Haus?! Das is der Bahnhof — da is de Jesebahn, da fahren mer nach Berlin!“ Sie strahlte vor freudiger Erwartung, die blonden Haare flatterten ihr im lustigen Wind, beide Hände streckte sie aus, als wollte sie so das Glück ergreifen.
Mine nickte, ohne zu sprechen.
Sie fuhren durch die Kirschbaumallee, die die Hopfenpflanzungen bis zur Stadt durchzieht. Wenig verschrumpelte Blätter nur mehr an den Bäumen, und auch diese bereit, im nächsten Windstoß davonzufliegen. Als Mine das letztemal hier gegangen, war’s Sommer gewesen, und der Pächter, der gerade Kirschen pflückte, hatte ihr ein paar Hände voll prächtiger roter Früchte geschenkt. Das Wasser lief ihr noch im Munde zusammen.
Die ländliche Stille der Felder war zurückgeblieben; in den Scheunen der Vorstadt klapperten noch nach altbäuerlicher Weise die Dreschflegel. Aber schon mischte sich das Fauchen einer Maschine ein. Jetzt sprühten Funken aus einer offenen Schmiede. Das Kalb entsetzte sich und hielt sich kaum mehr auf den zitternden Beinen.
Die Wagenräder ratterten über das Pflaster, Fenster klirrten, Ladentüren klingelten, ein Radfahrer kam angeschnauft, eine Glocke gellte. Menschen standen zur Seite. Schulkinder liefen johlend dem Wagen nach. Das Kalb stieß ein angstvolles Blöken aus, einen jämmerlichen tierischen Hilferuf.
„Halt’s Maul!“ Bauer Obst hob ärgerlich die Peitsche.
Jetzt kam das Haus des Schlächters an der Ecke, mit der fettigen, trägfließenden Gosse davor; Kalbsviertel und Speckseiten, Würste und blutiges Geschlinge baumelten im Fenster. Die roten Gardinchen der Ladentür flatterten in einem plötzlichen Windstoß und reckten sich lang in die Gasse wie gierige Zungen.
Die Ohren spitzend, die Augen herausdrückend, stieß das zitternde Kalb einen markerschütternden Schrei aus und machte einen wilden Satz; es wäre vom Wagen gesprungen, hätte Max es nicht noch gerade bei einem Hinterbein erwischt.
„Brr — hott, hü! Verdammtes Beest“, schimpfte der Bauer.
„Es riecht das Blut“, sagte Bertha lachend und hob witternd das Näschen.
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