1 ...7 8 9 11 12 13 ...24 „Ich bin nicht die Nichte, nur ’ne Bekannte.“
„So so. Det konnte ich mir auch jar nicht denken, daß Sie mank die Familie jehören! Jrünkram — !“ Er rümpfte geringschätzig die rote, verschwollene Nase und zog die Schultern in die Höhe. „Jetzt schreiben se an: ‚Alle Sorten Biere!‘ Wahrhaft lachbar! Mit die abjestandene Tunke, die sie drüben verkaufen, möchte ich mer nich mal die Beene waschen. Na, wie is’s, Fräulein, werden Sie sich noch lange drüben aufhalten?“
Sie zuckte die Achseln. „Ich weiß nich.“
„Sie suchen wohl Stellung? Hm? Na, Fräulein, wie wär’s mit ’ne kleine Herzstärkung, ’nen Bittern oder ’nen Süßen?“
„Süßen“, sagte sie ganz verschämt und sah dabei mit glühenden Augen zu, wie er eine große Flasche mit leuchtend rubinrotem Inhalt entkorkte und ihr ein Gläschen bis zum Rande füllte.
„Na prost!“
Sie nippte erst, und dann schloß sie die Augen, stürzte das Ganze auf einen Zug hinunter und schüttelte sich vor Behagen — zuckersüß!
„Na, hat’s jeschmeckt?“
Sie nickte nur strahlend.
Er machte ihr Komplimente über ihre roten Backen, ihre weißen Zähne, ihr blondes Haar; zum Schluß rückte er mit dem Vorschlag heraus, sie solle bei ihm Mamsell werden. „Verheiratet bin ich nich, Krach mit der Frau brauchen Sie also nich zu fürchten, fufzig Taler Lohn is auch keen Pappenstiel, abjesehn von Trinkjelder. Un jute Behandlung“ — er maß sie mit einem langen Blick — „die kann ich Ihnen jarantieren.“
Er drängte sie förmlich zu einer Entscheidung; so umnebelt war sie aber doch nicht von dem einen Gläschen, sie sagte nicht ja und nicht nein. Alle Tage süßer Likör war schon verlockend, fünfzig Taler auch; aber die kriegte sie auch woanders und — nein, die Stellung war nicht fein genug, sie konnte höhere Ansprüche machen. Schnell machte sie sich los.
Drüben war inzwischen Mine in den Laden gerufen worden. Sie hatte den ganzen Tag beim trübseligen Schein eines schwelenden Lämpchens in der Küche gewaschen; durch das lukenartige Fensterchen nach der Straße fiel nicht genug Licht. Allerhand traurige Gedanken waren ihr gekommen, als sie an den düsteren Wänden hinauf sah. Kein Himmel, keine Sonne. Nun arbeiteten die daheim auf freiem Feld — beklommen holte sie Atem —, so heiß wie hier war’s dort im glühenden Sonnenbrand nicht geworden. Keine Luft, keine Luft! Verzweifelt riß sie die Taille auf, streifte den Kleiderrock ab und wusch in Unterrock und Hemdärmeln weiter.
Zornig krauste sich ihre Stirn, ihre Brust arbeitete erregt; wenn die zu Hause wüßten, wie’s ihr hier ging! Aber nein, die sollten nichts davon erfahren, da setzte sie nun ihren Stolz drein; nicht klagen! Sie biß die Zähne aufeinander, unterdrückte die Tränen und machte sich mit einer Art Wut von neuem über die Wäsche her.
„Die wird ja doch nicht weiß“, hatte Bertha gesagt, die vorhin einmal in die Küche geguckt. „Mach nur schnell fertig, was schindste der so?!“
Die mußte weiß werden! Sie bückte sich tief über den Zuber und rieb, daß ihre Muskeln anschwollen und die starken Arme blaurot wurden. Die Seifenflocken spritzten und flogen auf ihre Haare und zergingen da langsam. Wie eine Wohltat empfand sie das Naß an ihrer glühenden Stirn niederrieseln; bei der emsigen Arbeit wurde sie nach und nach ruhiger.
Die stille Grete kam zu ihr in die Küche geschlichen, stellte sich neben sie und starrte trüben Auges in den schmutzig und schmutziger sich färbenden Seifenschaum. Als Mine sie anredete, fuhr sie erschrocken zusammen; ihr kränkliches Gesicht färbte sich purpurn unter der aufflammenden Röte der Scham.
„Warste in de Schule?“ Mine dachte an ihre kleine Schwester Emma, als sie dann fragte: „Haste ooch ’ne Puppe?“
Das Kind schüttelte verneinend den Kopf.
„Magste keene leiden?“
Grete schien ganz in sich zusammenzukriechen, scheu sah sie sich um, dann stieß sie heraus: „Zwölf!“
„Was, zwölf Puppens?“
Die Kleine schüttelte wieder den Kopf. „Nein“, und wies mit dem Zeigefinger auf sich selber: „Zwölf Jahr!“
Aha, nun verstand Mine! Richtig, die war ja schon zwölf, zu alt für Puppen! Freilich, die Emma zu Hause war erst achte, aber was war das für ein Mädchen gegen die hier! Von einer mitleidigen Regung ergriffen, strich sie dem Kind mit der seifigen Hand über das glanzlose Haar.
„Du solltest mal bei uns kommen, Grete, da wirste groß un dick!“ Und von einer Sehnsucht ohnegleichen gepackt, erzählte sie dem still zuhörenden Mädchen von dem Vaterhaus mit dem Strohdach, drauf alle Frühjahr ein Storch nistete, von den Pantoffelblumen am Kammerfenster, dem Schweinekoben, den Hühnern auf dem Mist, von dem Dorf mit dem Entenpfuhl, von dem Kartoffelacker und dem Roggenfeld. Die dunklen Kellerwände wichen auseinander, sie sah weit über hellbeglänzte Fluren.
Grete hörte zu mit angehaltenem Atem und einem verwunderten Ausdruck in den matten Augen, die noch nie grünende Saat, noch nie ein wogendes Kornfeld gesehen hatten.
„In’n Tier-arten — is au schön“, brachte sie mühsam näselnd heraus; die Gaumenlaute zu bilden war ihr nicht möglich.
Mine lächeltegeringschätzig. „Aber derheeme, da sollste kucken! Un en Butterschmier“ — sie zeigte vier Finger — „so dick! Ju, ju, da hammers sehr gutt!“
Grete drängte sich dicht an die Kusine. „Nimmste — mir — mit?“
„Ju, ju, da essen mer Kuchen. Ißte lieber mit Mus oder mit Quark? Un de Pflaumen kosten nischt, mer brauchen uns nur uffzulesen, un —“
„Mine, sollst mal in’n Laden kommen“, quakte Ellis dünne Stimme. Die Küchentür aufreißend, steckte sie den mit einem himmelblauen Seidenband umwundenen Haarschopf herein.
„’s is eene da, die dir mieten will.“
Fort war die Heimat mit einem Schlag!
Aufgeregt riß sich Mine die nasse Schürze vom Leib und trocknete die aufgequollenen roten Arme; kaum daß die von der Lauge aufgeweichten Hände das Kleid zuhaken konnten. Nicht einmal ein bißchen ordentlich konnte sie sich machen, Elli drängte:
„Mach, sonst jeht se’! Dalli, dalli!“
So klappte sie denn in ihren nassen Pantinen in den Laden.
Frau Reschke stand in bescheidener Haltung, mit süßestem Lächeln, vor Frau Hauptmann von Saldern und pries mit devoter Stimme, aber unheimlicher Geläufigkeit, die Tugenden des Mädchens vom Lande.
„Jnäd’je Frau, janz was for Ihnen. Stark wie en Ochs und sanft wie en Engel. Un arbeitsam! Komm nur, komm“ ermutigte sie Mine, die an der Tür stehen geblieben war, „schenier dir nicht. Arbeit schändet nich. Jnäd’je Frau, da hat se sich jleich über de ganze Wäsche herjemacht; ick sagte ‚Mineken, laß man, es wird dich zu ville!‘ ‚Tante‘, sagt se, ‚ne, ne, ick sehe schon wo’t fehlt. Laß mer nur, ohne Arbeit kann ick nich leben!‘ Uff meine Verantwortung, jnäd’je Frau, da kriegen Se was Reelles, keene Rumtreiberin wie die andren alle. Jotte doch, was is das heutzutage ’ne Zucht mit die Mächens.“
Die Frau Hauptmann, eine zarte, hochgeschossene Blondine mit leicht vornübergeneigter, schwacher Haltung, stand wie geknickt unter dem Redeschwall der Vermieterin. Nun hob sie die Lorgnette vor die mattblauen, müden Augen und betrachtete das Mädchen, das linkisch, mit einwärts gesetzten Füßen, ohne den Blick zu erheben, mit zerzaustem Haar, in geringer Kleidung vor ihr stand.
„Ist sie denn auch reinlich? Versteht sie denn auch was?“ fragte sie ängstlich. „Peters sagte mir, sie wäre so gewandt.“
„Un ob!“ Die Reschke lächelte siegesbewußt. „Um die is mer nich bange, die find’t sich überall zurecht. Eene paar Tage, denn sollen Se mal sehen!“
„Wie ist es denn aber mit dem Kochen?“
Die Vermieterin räusperte sich „Jotte doch, det sollte keen Hindernis nich sein. Auf’n Lande wird ebent einfach jekocht, täglich Suppe un Fleisch un Jemüse un Kartoffeln, nur sonntags was Extras, en Hühnchen oder ’ne Mehlspeise. Die feine Küche wie bei jnäd’ge Frau in’n hochherrschaftlichen Hause, die lernt aber so eene rasch.“
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