„Seht die Fahne der Heilsarmee
In den Lüften wehn;
Macht euch auf! Ihr sollt die Rechte
Gottes siegen sehn.“
„Halleluja, Halleluja!“ Grete sprach das Wort mit einer geheimnisvollen Wichtigkeit, wie eine beschwörende Zauberformel. „Du sollst nich fortjehn, Mine, ohne daß du’t weißt. Du bist jut zu mir, du sollst auch dahin kommen!“
„Ä was!“ Mine machte sich unwirsch los. Als sie dann im Bett lag und nicht gleich einschlafen konnte, fiel ihr Gretes Erzählung wieder ein. Sie ärgerte sich über das dumme Mädchen — was sie dem alles vorgeschwatzt hatten?! Von einer Sternenkrone und einem goldenen Thron, von dem Perlentor und dem Tale des Segens. Wer das glaubte! Da war es doch vernünftiger, man arbeitete wacker und verdiente tüchtig Geld, dann hatte man es sicher herrlich. Und Mine beschloß, gehörig auf dem Posten zu sein und sich so den Himmel zu bereiten. Wohlgefällig lächelnd schlief sie endlich ein.
Ein dreimaliges Trommeln an der blaulackierten Tür weckte sie wieder auf. War die Trude denn noch nicht zu Hause? Es mußte bald Mitternacht sein. Jetzt hörte sie auf der Straße Trudes Stimme, sie klang etwas ängstlich: „Macht mir auf! Macht mir doch auf!“
Eben wollte Mine aufstehen, als drinnen im guten Zimmer die Bettstatt krachte — ein Gähnen und Schnaufen — die Tante rappelte sich schon auf. Jetzt schlürfte sie durch den Laden nach der Tür.
„Nanu, wo haste dir denn so lange rumjedreht!“ dröhnte ihre grobe Stimme.
„Mutter, mach mir auf! Es is spät jeworden, ich konnte nischt dafür!“
Die Tür wurde mit Gerassel auf- und wieder zugeschlossen.
„Na, denkste vielleicht, du redest mir vor, daß de so lange in’t Jeschäft warst?! Na, so dumm!“
„Das war ich auch! Der Chef hat uns so lange dabehalten, wir mußten das Lager in Ordnung bringen, ’s is heute der letzte. Und denn fuhr mir die Pferdebahn vor der Nase weg; und die zweite, die kam, war besetzt, und der Omnibus auch. Ich mußte das janze Ende laufen!“
„Haha, wer det jloobt!“
„Jeh doch hin und frage.“
„Ick wer’ mir scheene hüten. Mir lächerlich machen?! Jeh man rin bei Vatern, der wird dir lehren, um zwölwe kommen! Rumjetrieben haste dir, mit Jott weiß wem! Ick seh es dich an die Oogen an, daß dich eener Süßholz in die Ohren jeraspelt hat. Wie de aussiehst — janz abjeknutscht! Det sage ick dir, verplemperst de dir, denn sollste mal sehen! Dafor haben wir der nich in de Höhere Töchterschule jehen lassen bis in de zweitoberste Klasse. Ick sage dir een for allemal, bringste uns nich een reellen Bräutigam, eenen, der wat in de Milch zu brocken hat, oder wenigstens mal ’ne Pension kriegt, denn kannste wat erleben — du Rumtreibern!“
Trude weinte. „Ich habe mich nich rumjetrieben, Mutter! So wahr wie ich lebe!“
„Marsch rin zu Vatern!“
„So frag doch bloß den Chef, Mutter! Jeh doch hin!“
„I, nu sag mal! Du bist wohl reene verrückt?! Ick weeß, wat ick weeß — biste noch nie um elwe jekommen, was?!“
„Da war ich noch mit ’ner Kollegin spazieren jegangen. Man hat so’ne Sehnsucht nach’n Endchen frische Luft!“
„Nanu, hab ick denn da en Wort über verloren? Aber um zwölwe zu kommen, ein’ aus’n besten Schlaf raus zu trommeln, det is denn doch zu ausverschämt. De brauchst jetzt nicht zu heulen! Heul nachher, wenn de deine Maulschelle von Vatern weg hast!“
„Jlaub mir doch, Mutter!“ Es klang wie ein Aufschrei.
Frau Reschke lachte zornig. Mine hörte das Zuschmettern der Glastür und dann in der guten Stube ein dumpfes Durcheinander von Herrn und Frau Reschkes Stimmen. Auch Elli piepte dazwischen. Von Trude keinen Laut; sie verteidigte sich nicht mehr.
„Haste jehört?“ flüsterte Bertha, die auch erwacht war, und stieß Mine kichernd in die Seite. „Die nehmen de Trude ordentlich vor!“
Von Gretes Strohsack her kam ein tiefer Seufzer.
„Schlaf doch, Grete“, ermahnte Mine. „Warum schläfste denn nich?“
„Ich — graule — mir so“, ächzte das unglückliche Kind.
Als Bertha längst wieder tief atmete und auch Mine die schweren Lider zugefallen waren, weinte Grete noch leise.
Das war Mines letzte Nacht im Keller; ihr und Berthas Abschied am andern Tag vom Reschkeschen Grünkram war kein allzu herzlicher. Nicht nur, daß Frau Reschke ihnen täglich zwanzig Pfennige Schlafgeld und dreißig Pfennige Kostgeld pro Person berechnet und Mine einen Haufen Arbeit aufgebürdet hatte, jetzt verlangte sie auch noch von jeder drei Mark — „für ihre Bemühungen“, wie sie sagte.
Als Mine Opposition machen wollte — hatte sie sich nicht allein drüben beim Destillateur vermietet? — die Tante hatte keinen Finger darum geregt — hob Herr Reschke, der gerade mit einer Gießkanne das welkende Gemüse übergoß, diese drohend in die Höhe. „Bloß, weil de die Nichte bist, tut se’s for dreie, sonst kost’s viere; aber wenn de nicht die Schnauze hältst, denn — “
Bertha brachte durch Zupfen und Auf-den-Fuß-treten, die Erregte zum Schweigen. Sie zeigte die freundlichste Miene beim Abschied; aber als sie mit Mine die Kellertreppe hinaufstieg, drehte sie sich oben noch einmal um und verzog ihr hübsches Gesicht zu einer häßlichen Grimasse.
Nun diente Mine schon die zweite Woche in der Destillation. So nahe es war, sie hatte noch nicht einmal Zeit gefunden, zu den Verwandten hinüber zu gehen; sie hatte auch keine Lust dazu. Ihr Herr schickte sie in einen andern Grünkram auf der Kirchbachstraße, dessen Besitzer ein guter Kunde von ihm war.
Eines Abends klopfte es leise an die Hintertür der Küche. Als Mine öffnete erstaunte sie sehr, Elli draußen zu finden. Vorsichtig spähend schlüpfte die Kleine herein.
„Is der Olle nich da?“
„Wer? Der Herr?“
„Er soll mir nich sehen, der olle Schnapspantscher! Mutter schickt mir, du sollst bei uns kaufen kommen!“
„Ich kann nich“, sagte Mine, „ich muß doch gehen, wohin der Herr mer schickt.“
„Jawoll!“ Elli lachte pfiffig. „Na, ich hab’s dich bestellt von Muttern. Komm man ja morgen, sonst kriegste Mordskrach.“
Schon war sie wieder fort; Mine lief ihr nach und schrie hinter ihr drein: „Was macht denn de Grete?“
Elli drehte sich noch einmal flüchtig um und zuckte die Achseln: „Was jeht mir das an? Ich weiß nich!“
Mine ärgerte sich über das freche Ding; sie hatte eine förmliche Sehnsucht nach der stummen Grete, viel mehr als nach Bertha. Die hatte sie mehrmals, als sie den Laden fegte, drüben auf der anderen Straßenseite vorübertänzeln sehen, das jüngste Kind von Hauptmanns an der Hand. Sie schien sehr vergnügt und drehte den Kopf hin und her; nur nach der Destillation sandte sie keinen Blick.
Nun hoffte Mine auf den Sonntag; da hatte sie Ausgang und wollte die Freundin aufsuchen, vielleicht, daß sie miteinander einen schönen Spaziergang machten. Sie freute sich darauf und konnte die Nacht vom Sonnabend auf Sonntag vor Aufregung kaum ein Auge schließen.
Sie warf sich ruhelos in dem eisernen Klappbett, dessen Drahtnetz zerrissen war und ihr bei jeder Bewegung mit den spitzen Enden durchs Unterbett in den Rücken stach. Es war ein schmales Lager, auch nicht für ihre Länge berechnet, sie mußte krumm liegen und die Füße hoch ziehen.
Die ersten Nächte hatte sie aber doch wie tot geschlafen, die jetzige Tätigkeit, in ihrer Ungewohntheit, strengte sie mehr an als die schwerste Arbeit auf dem Felde. Eine Art Verzweiflung überkam sie, wenn sie daran dachte, daß sie’s nie lernen würde, die Biergläser so zu füllen, daß sie noch nicht voll waren, und doch eine Riesenhaube Schaum oben überquoll. Auch war sie nicht flink genug dabei, vergossene Bierneigen aufzuwischen; die Gläser, die sie hinterm Schanktisch spülte, glitten ihr viel zu langsam durch die Hände, und ihr Gesicht war lang wie drei Tage Regenwetter, wenn sie, mit verschlafenen Augen blinzelnd, im Tabaksdunst bis Mitternacht auf ihrem Posten ausharren mußte.
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