Mine wollte erwidern, daß das doch eigentlich nicht recht wäre, aber Frau Reschkes drohender Blick schüchterte sie ein; auch trat ihr Arthur mahnend auf den Fuß. So sagte sie denn — widerstrebend nur glitt es über ihre Lippen —, daß sie es so machen würde.
„Bestimmt?“
„Bestimmt!“ sprach sie nach.
Die Tante lächelte süß. „Setz der doch noch en bißken, Mine! Reschke, jeh, hol man en paar Weiße rin. Uff, die Hitze! Mine wird Durscht haben. Trude, jeh, leuchte Vatern! Von die jroßen Pullen, hörste?! So setz der doch, mein Dochter!“ Sie nickte Mine zu und streckte ihr, als Vater Reschke und Trude im Laden verschwunden waren, die breite Hand über den Tisch entgegen.
„Ne, Mine, wat ick mir freue, dir zu sehn! Ordentlich bange war mich schonst nach der! Was, Arthur“, — sie blinzelte ihrem großen Jungen zu, der blaß und schlenkrig am Tisch lehnte — „det konnte der wohl passen, mit so’n hübschet Mächen hier alleene zu schmusen?! Warte, ick wer’ der!“ Sie lachte und gab ihm einen freundschaftlichen Rippenstoß.
Das wurde noch ein sehr vergnügter Abend. Mine wurde ganz eingewickelt in Freundlichkeit. Der Onkel schenkte ihr immer wieder in ihr Glas zu, es wurde gar nicht leer; die Tante gab ihr allerhand gute Ratschläge und versprach, ihr bald eine bessere Stellung zu besorgen, als die drüben beim ollen „Schnapspantscher“ war. Trude band ihr von dem Krawattentüchelchen, das sie sich ungeschickt umgeknüpft hatte, eine „schicke“ Schleife, und Arthur wechselte zuweilen einen Blick des Einverständnisses mit ihr, der ihr wohltat.
Mine war sehr vergnügt; plötzlich fiel ihr ein: wo war Grete? Draußen hörte man jetzt den Wind heulen und den Regen auf die Steinplatten des Hofes klatschen; der schöne Spätsommernachmittag hatte sich in einen bösen Herbstabend verwandelt. Wo blieb das Kind?
„Ach so, de Jrete“, sagte Vater Reschke auf ihre Frage; die andern nahmen gar keine Notiz davon.
Nach einer Weile fragte Mine noch einmal, sie konnte den Gedanken an das stumme Mädchen nicht los werden. „Wo is se denn hin, de Grete?“ Elli, die bis dahin in der Sofaecke gedruselt hatte, schnellte plötzlich auf. „Die Jrete? Bei de Hallelujamächens is se! Hihihi!“
„Schon wieder bei de Hallelujamächens?“ Vater Reschke grinste. „Die wird an’n Ende ooch noch ’ne Kiepen-Jule!“
Alle lachten.
„Laß ihr man“, meinte die Mutter, „da is se jut uffjehoben.“
„Du, Elli, sing mal das Stück — ach, du weißt schon“, rief Trude.
„Ja, singe mal, Ellichen“, redete die Mutter zu.
Die Kleine zierte sich. „Ne! Ich bin müde!“
„Ach was, singe doch!“
„Singe, Ellichen, singe!“
„Wenn de singst, schenke ich dir ooch en Jroschen“, versprach der Vater.
Elli, die bis dahin mit verdrossenem Gesicht still dagestanden, schleuderte jetzt plötzlich mit einer gelenkigen Bewegung die Beine in die Luft; fast hätte ihre Fußspitze die Nase des sich zu ihr beugenden Vaters getroffen. Ihre gestärkten weißen Röckchen raschelten, wild flatterte ihre blonde Mähne. Schrill setzte sie ein:
„Ich bin die Josephine von die Heilsarmee,
Durch mich bekam die Chose erst ihr Renommee!—“
Alle Mäuler zogen sich breit, mit außerordentlichem Vergnügen lauschte die Familie.
„Wenn ich ’nen Haufen Männer seh,
Denn schieß ich jleich drauf los;
Als Missioneuse bin ich ja
Auch im Bekehren jroß —“
Immer lebhafter das Beingeschlenker, immer schriller der Gesang. Die Zuhörer starben fast vor Lachen. Trude quiekte und wand sich, als ob sie gekitzelt würde; Herr Reschke schlug sich ein über das andere Mal aufs Knie: „Haha—hoho!“ Frau Reschke hielt sich die Seiten: „Hör uff, Ellichen, hör uff! Ick platze—Jotte doch, ick platze!“ Kein Aufhören. Wie eine trunkene Mänade raste das kleine Mädchen. Der Vater trampelte mit den Füßen den Takt, die Mutter ächzte nur noch und wiegte sich hin und her.
Immer kühner wurden die Sprünge, immer kecker die Bewegungen. Nicht mehr gesungen, ohne Atem geschrien, stoßweise nur, kam der Refrain noch heraus:
„Ich bin — die Josephine — von die Heilsarmee“ —
Schallende Bravorufe, stürmisches Händeklatschen, Töne höchsten Entzückens.
Da — draußen vom Hof her eine klägliche Stimme, kaum verständliches Rufen!
Trude quietschte hell auf: „Die Josephine von der Heilsarmee!“ Vor Lachen taumelnd, stolperte sie nach der Hintertür, um der Schwester zu öffnen. Sie hatten alle das Klopfen nicht gehört.
„Na, kommste endlich?“ rief die Mutter; sie konnte vor Lachen kaum ein Wort vorbringen. Die ganze Familie lachte, als Grete, geblendet vom Lampenschein, verblüfft von der unerklärlichen Fröhlichkeit, die sie empfing, starr dastand.
„Steh nich so dammelig“, schrie die Mutter. „Wie siehste aus? Quatschnaß!“ Und der Vater rief: „’ne jebadete Kiepen-Jule!“
Und alle lachten, lachten: „Haha-hoho-hehe-hihi!“
Einen hilfesuchenden Blick warf Grete umher; ihre schmalen Wangen bedeckten sich mit einer fliegenden Röte, ihre Lippen bewegten sich zitternd. Ein Freudenschein glitt über ihr Gesicht, als sie Mine entdeckte.
Diese zog das Kind an sich. „Warum kommste nich bei mer, Grete?“ flüsterte sie ihr ins Ohr. „Komm doch!“
Und Grete flüsterte wieder: „Se ließ mir ja nich, se paßte mir uff!“ Ein Zucken ging durch ihren dürftigen Körper; beide Arme um den Hals der Cousine schlingend, wisperte sie in leidenschaftlicher Umarmung: „Ich hab Ihn jesehen —! Er war da — jetzt — heute — mitten unter uns! Bei uns, bei mir! Im Saal!“
Mine fuhr zurück; betroffen starrte sie die kleine, vom Regen triefende Gestalt an. Ein entrückter Glanz war in Gretes Augen.
*
Die ganze Woche über dachte Bertha an ihren Sonntag; schade, daß der nur alle vierzehn Tage war. Das war ein Tropfen für ihren Durst; sie amüsierte sich immer famos.
Ganz versunken konnte sie mitunter am Herd stehen und in die Flammen starren; und dann ließ sie im Geist noch einmal alle Bilder des Sonntags an sich vorüberziehen: das Gewühl der Menschen, die bunten Kleider, die lachenden Gesichter. Sie hörte die Tanzmusik und das Scharren der Füße, die Schmeichelreden, die man ihr zugeraunt.
Sie war sehr beliebt, man riß sich um sie. Leicht wie eine Feder flog sie im Tanz dahin, ihre hübsche Gestalt wirbelte von einem Arm in den anderen wie ein Blumenblatt, das der Wind treibt. Im tollsten Jagen behielt sie immer ihre gleiche kühle Frische; kaum, daß sich die zarte Röte auf ihrem blonden Gesicht um eine Schattierung vertiefte. Kein feuchter, verwirrter Schimmer kam in das klare Blau ihrer Augen, wenn sie einer verstohlen auf den Fuß trat oder ihr ein heißes Wort ins Ohr flüsterte; sie sah ihn groß an, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie lachte nur hell, eigentümlich glashell; das machte die Männer ganz toll.
An einem ehrlichen Bewerber fehlte es ihr auch nicht; der Bursche Peters hatte seinen Dickkopf rettungslos in sie verschossen. War er auch keines Marschbauern Sohn sein Vater war Halbhufner auf der Geest —, so hatte er doch ein kleines Häuschen zu erwarten, zwei Kühe und ein Dutzend Schafe. Und hartnäckig schilderte er ihr sein Wandrup auf der baumlosen Heide als das Schönste auf der Welt. Abends kam er von seinem Burschengelaß, das, fünf Treppen hoch, oben auf dem Boden neben der Waschküche lag, zu ihr in die Küche heruntergeschlichen; dann saß er auf der Eimerbank und schnitzelte verlegen an einem Stückchen Holz, während sie am Herd lehnte, die Arme über die Brust gekreuzt, die Füße in zierlichen Lederpantöffelchen weit vorgestreckt.
Um ihren Mund zuckte ein Lächeln — das sollte ihr fehlen, einen heiraten, der nichts hatte! Das sah man ja hier bei Hauptmanns, was nutzte es denn, daß sie sich gern hatten? Immer das Billigste, und die alten Hosen vom Herrn wurden für Kurtchen zurechtgemacht. Die gnädige Frau drehte jeden Groschen um, dabei wurde sie so nervös, ganz unausstehlich, und kam in die Küche gelaufen und sagte: „Das ist ja, als ob Sie einen Ochsen braten wollten“, wenn noch ein paar Kohlen im Herd glimmten. Auch wollte sie’s durchaus nicht leiden, daß Peters abends in der Küche saß, da wurde zuviel Petroleum verbrannt. Wenn Peters nicht da war, blieb die Küche dunkel, und Bertha stand unten in der dämmrigen Haustürnische oder schwatzte im Reschkeschen Keller. Dagegen hatte die Frau Hauptmann nichts, mochte es Mitternacht werden, wenn nur das Mädchen morgen in aller Frühe wieder auf den Beinen war.
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