Herr Pickel nickte bestätigend mit dem Kopfe und drückte mit einem leichten Seufzer wiederum seine Rechte aufs Herz, als ob er sagen wollte: „Nein, wie die Frau sich auszudrücken weiss!“
Und Flörke gab gleichzeitig der allgemeinen Bewunderung lauten Ausdruck und fügte hinzu: „Von Ihrem Manne wundert mich des übrijens jarnich: erstens mal von wegen den bejeisternden Jejenstand“ — er verbeugte sich artig gegen die Hausfrau — „und zweitens, weil es eine bekannte Thatsache is, dass die meisten Dichter unter den Blechschmieden zu finden sind! — Uebrijens, ist Herr Zwillich noch nicht zu Hause jekommen?“
„Ach nein! — Er is ja Wahlvorsteher, wie Sie wissen. Heute ist ja Stichwahl, — da wird er wohl vor Zehnen nicht zu Hause kommen.“
„Hm! Schade!“ rief Flörke, „wir hätten ihm gern unsern jenialen Kollegen hier vorjestellt. Vielleicht, dass er doch mal Lust kriegt, seine liebe Familie malen zu lassen.“
„Ach Jott!“ rief Frau Eugenie in gelindem Entsetzen. „Doch nicht unbegleitet?“
„Na natierlich — und ob! Aber mit Taubenflügel an de Schulterblätter — denn fällt et nich so uf! Für Ihre Engel is des ja auch des passendste Kostüm!“
„Nein, nein, diese jungen Herren!“ seufzt Frau Eugenie mit einem bekümmerten Blick nach oben. „Na, eins weiss ich jewiss: einen Künstleer jebe ich keins von meine unschuldigen Täubchen!“
„Ach nee! Ach nee! Des kann doch Ihr Ernst nicht sein, verehrte Frau,“ flötete Flörke mit drolliger Betrübnis; „ich dachte, Sie müssten es doch schon lange bemorken haben, was für ein Auge ich auf Fräulein Else jeworfen habe!“
Herr Pickel rieb sich vergnügt die Hände und beugte sich flüsternd zu der Hausfrau hinüber: „Na, liebe Freundin, was hab’ ich jesagt? Ja, ja, wenn ich nich de Augen offen hielte!“
Frau Eugenie lächelte errötend und verlegen und flüsterte mit einem süssen Blick in Flörkes lustige Augen: „Ja, wenn es sich freilich um Ihrem Lebensjlücke handelt, lieber Herr Flörke ...“
„Ich werde mein Schicksal männlich zu tragen suchen,“ fiel jener rasch ein und wandte sich dann fofort an das hagere Fräulein Döhmke mit der Frage, ob ihr Bruder zu Hause sei.
Tante Albertine schnellte empor, guckte über die Brille, sagte: „Ja, es wird ihm sehr angenehm sein“ — und sass mit einem Ruck wieder auf ihrem Stuhle.
In grösster Hast, als ob sie etwas sehr Wichtiges zu versäumen hätten, verabschiedeten sich die beiden Maler und machten sich dann eiligst die Treppe hinunter und ums Haus herum zum vorderen Eingang hinein.
Sie stiegen die Treppe zu dem ersten und einzigen Stockwerk hinauf, schritten dann einen langen Korridor hinunter, öffneten an dessen Ende eine schmale Thür und sahen eine steile dunkle Stiege vor sich, ähnlich denjenigen, welche in den Berliner Mietskasernen zu den sogenannten Hängeböden, den Mädchenkammern, hinaufzuführen pflegen. Oben angekommen, tastete Flörke ein Weilchen im Dunklen herum und pochte dann laut an eine Thür. Eine heisere Stimme rief „Herein!“ — und die beiden Kunstjünger betraten Vater Döhmkes Turmzimmer.
Der alte Herr, er war noch grösser und fast ebenso schlank wie seine Schwester Albertine, erhob sich bei ihrem Eintritt von dem ans Fenster gerückten Grossvaterstuhl und ging ihnen mit einem vergnügten, heiseren: „Hah! he! he! ’n Abend! ’n Abend!“ entgegen. Er trug einen wollenen Shawl um den Hals, welcher unter eine gestrickte Jacke geknöpft war, die seinen hageren Oberkörper eng umschloss. Seine unheimlich langen Beine staken in einem Paar Hosen von englisch karriertem dicken Stoff und an den Füssen glänzten matt ein Paar ausgetretene Lackstiefeln.
Herr Vollborth wurde in feierlicher Weise vorgestellt und konnte sich nicht enthalten, die seltsame Erscheinung des alten Herrn mit grossen Augen zu mustern. Vater Döhmke gewahrte das und sagte, an sich herabschauend:
„Die Herren haben mich im Negligé überrascht, he! he! Das ist mein Atelierkostüm.“
„Ach, Sie malen selbst?“ fragte Vollborth. „Das wusste ich nicht; — Herr Flörke sagte mir, Sie seien Sammler.“
Der Alte lachte wieder gutmütig und strich sich mit dem Rücken der Hand unter dem Kinn weg. Der graue, struppige Bart quoll ihm unter dem Halstuch hervor und umhüllte ihm wie eine Fortsetzung dieses Kleidungsstückes Kehle, Kinn und Unterlippe, wogegen die Wangen ein Paar ölig aufgesteifter und spiralig nach innen gedrehter Koteletten zierten. Er erklärte dem jungen Manne, dass er unter seinem Atelier den Bootsschuppen verstehe, in dem er bis vor kurzem gearbeitet habe.
Allerdings hatte seine Erscheinung mehr vom alten Seemann als vom Künstler. Und auch die zahlreichen Aquarelle, Oelbilder und Skizzen, welche die vier Wände seines engen, aber sehr behaglich altväterisch ausgestatteten Stübchens vollständig austapezierten, stellten vorzugsweise Seestücke, Schiffe und Uferlandschaften dar. Es waren vorzügliche Arbeiten darunter, welche Vollborth mit grossem Anteil betrachtete. Mehrere, und zwar nicht die schlechtesten Bilder, rührten von Flörke her. Der Alte freute sich sichtlich des Beifalls, den der junge Künstler seiner Sammlung zollte.
„Sie sind wohl lange zur See gefahren, Herr Döhmke?“ fragte Vollborth.
„O ja, auch das!“ versetzte der Alte, indem er den jungen Herren eine Prise anbot und dann selbst bedächtig schnupfte. Die Dose, die er wohlgefällig hin- und herwandte, war von Gold und reich mit Edelsteinen besetzt. „Hübsch, was?“ schmunzelte er, indem er Vollborth das Kleinod reichte. „Das hab’ ich von dem armen Kaiser Max bekommen.“
„Ach, Sie waren also auch in Mexiko?“ Vollborth machte immer grössere Augen. „Als Kapitän wohl?“
„Nee — hehe! als Unternehmer, was man so sagt!“ erwiderte Vater Döhmke und strich sich über den spärlichen grauen Haarwuchs. Und dann fuhr er zu dem andern gewendet fort: „Ihr junger Freund kennt mir wohl noch jarnich?“
„Wir wollten ihm die Ueberraschung nicht verderben,“ lachte Flörke.
„Na, dann klären Sie’n man bisken uf!“ rief der Alte. „Aber ich denke, dazu rühren wir uns erst mal ’n ordentlichen Toddy an — was?“
Man war es zufrieden und Vater Döhmke zündete sofort die grosse Spirituslampe an, die auf dem eisernen Ofen stand, und setzte Wasser auf. Unterdessen musste Vollborth dem alten Herrn über seine Person Auskunft geben und sich durch Beantwortung einiger Dutzend Fragen über Herkunft, Bildungsgang und so weiter auslassen. Die Art und Weise des wunderlichen Alten zu fragen, hatte in ihrer Derbheit nichts von zudringlicher Neugier an sich; es schien, als betrachte er es als sein Recht und seine Pflicht, sich nach der Weise der homerischen Gastfreunde möglichst genau über die Verhältnisse eines Menschen zu unterrichten, bevor er ihn seiner näheren Bekanntschaft würdigte. Vollborth war ein recht empfindlicher junger Mann, aber durch die naive Geradheit des alten Sonderlings konnte er sich doch nicht verletzt fühlen, sondern antwortete folgsam wie ein Schüler im Examen: er heisse Manuel Vollborth, sei als Sohn eines hamburgischen Kaufmannes in Valparaiso geboren, habe früh seine Eltern verloren; sei dann bei Verwandten in Deutschland schlecht und recht erzogen, dummer Streiche wegen mehrmals von der Schule gejagt worden, habe früh sein Talent zur Malerei entdeckt, aber darum harte Kämpfe mit seinen Verwandten gehabt, und endlich, nachdem er es auf dem Gymnasium wenigstens zum Einjährigenzeugnis gebracht, sich gänzlich von ihnen losgesagt, um in München die Akademie zu beziehen. An seinem einundzwanzigsten Geburtstag habe er zwei Dutzend Hundertmarkscheine als angeblichen Rest des väterlichen Vermögens ausgezahlt erhalten und sei damit nach Italien aufgebrochen, um seine Seele in Schönheit zu berauschen. Binnen zwei Jahren sei sein Geld auf die Neige gegangen und er nach Berlin gekommen, um hier seine mehr oder weniger unbekleideten Fabelwesen bei den Bankiers unterzubringen. Die Bankiers wollten aber vorläufig noch nichts von ihm wissen und er sei daher gegenwärtig darauf angewiesen, seine alte Leinwand als Hungertuch zu benutzen. Ein paar dürftige Aufträge für Kopien von Museumsbildern und das Bildnis einer verstorbenen Schlächtermeistersgattin nach Photogramm hätten ihn in den letzten Monaten notdürftig über Wasser gehalten. Seine vorrätigen Gemälde habe er für ein Butterbrot, ein unbelegtes, an einen Kunsthändler verkauft. Neue Bilder könne er nicht malen, da ihm die Mittel fehlten, Modelle zu bezahlen.
Читать дальше