Als er aber an Trixi dachte, glitt ein stilles Lächeln über sein Gesicht. Komtesse Beatrix von Lockstätten würde ihm darob nicht böse sein. Sie würde sich mit ihm freuen, denn für ihre junge Liebe gab es nur sommerfrohe Sonne und wolkenlose Seligkeit.
Komtesse Beatrix teilte ihr Jungmädchenzimmer im ‚Haus Friederike‘ mit der Baronesse Jutta von Freitag, einem stillen und blonden Mädchen, das sie sofort in ihr Herz geschlossen hatte. Und so hatte es nicht lange gedauert, bis aus der Zimmergefährtin auch die Vertraute ihres Herzens geworden war.
Jutta war die einzige Pensionsschwester, die um ihr Geheimnis wußte und die auch dafür sorgte, daß Trixi, wenn sie mit den anderen zum Tennisspielen an der Kyburg weilte, mit Achim ungestört sprechen konnte.
Trixis Freundin schwärmte ganz unverhohlen für Achim, was aber in Trixi weder Argwohn noch Eifersucht auslöste. Es entsprach eben Juttas romantisch veranlagter Natur, daß sie für diesen Mann schwärmen mußte, der unter Einsatz seines Lebens ein Verbrechen an Trixi verhütete, indem er den Strolch, der sie im Walde überfallen, niederschlug und der Polizei übergab. Darum war Achim Hollmann in den Augen der Baronesse von Freitag ein Held. Aber er war für sie auch ein Ritter ohne Furcht und Tadel, weil er für Trixis Ehre eingetreten und sich ihretwegen mit dem Grafen von Focke duelliert hatte. Ohne Hasso von Focke überhaupt zu kennen, warf sie einen glühenden Haß auf den Menschen, nur weil er Achims Widersacher war.
Darum war es auch verständlich, daß sie mit allen Anzeichen höchster Erregung zu Trixi ins Zimmer lief, als sie im Sekretariat durch einen reinen Zufall erfahren hatte, Komtesse Irene von Focke, ein ehemaliger Zögling des Hauses Friederike, würde für einige Wochen nach Freiburg zu Besuch kommen und hier Wohnung nehmen.
„Nun denk dir, Trixi“, rief sie der Freundin aufgeregt entgegen, „ich habe soeben gehört, daß Komtesse von Focke hierher kommt! Frau von Ergste hat sie eingeladen, im Hause zu wohnen! Das ist doch sicher die Schwester dieses schrecklichen Grafen, der sich mit deinem Achim geschlagen hat?“
„Ja, das ist seine Schwester“, antwortete Beatrix ruhig. „Und die kommt nun hierher?“
„Morgen schon!“ sprudelte die Baronesse Jutta heraus. „Und dann wird der Bruder wohl auch nicht lange auf sich warten lassen!“
„Da kann man nichts machen, Jutta“, lächelte Beatrix ein wenig sauer. „Wir können den beiden weder verbieten, nach Freiburg zu kommen, noch Frau Ergste ersuchen, sie nicht im Hause zu empfangen.“
„Aber willst du denn das alles so ruhig hinnehmen, Trixi?“
„Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben. Irene ist lange Zeit eine gute Freundin gewesen, wie man eben unter Nachbarskindern befreundet ist. Und daß sich ihr Bruder schlecht benommen hat, rührte wohl daher, daß er auf Achim eifersüchtig war. Männner sind eben manchmal so komisch. Dann verlieren sie gleich jede Selbstbeherrschung.“
„Wenn es ihr Charakter zuläßt, Trixi!“ entgegnete Baronesse Jutta weise. „Nicht alle Männer reagieren dann gleich! Achim Hollmann würde niemals seinen Nebenbuhler beleidigt haben!“
„Nein, Jutta, das würde er nicht!“ lachte Beatrix froh. „Achim ist auch eine Ausnahme, er ist eben ein ganz prächtiger Mensch. Darum liebe ich ihn ja auch!“
„Und was wirst du tun, wenn dir Graf Focke über den Weg läuft? Ich bin sicher, er kommt nur deinetwegen hierher! Ob er über Achim Hollmann gar nichts weiß?“
„Was ich tun soll, Jutta, ich werde ihm ganz unbefangen entgegentreten, ich werde so tun, als ob ich von dem Duell überhaupt nichts wüßte. Damit tue ich Achim sogar einen Dienst, denn ich verhindere, daß Graf Focke zu der Meinung kommt, Achim habe mir gegenüber mit seinem Siege renommiert.“
„Trixi, das könnte ich nicht!“ antwortete Jutta von Freitag schaudernd. „Ich brächte es nicht fertig, ihm auch nur ein freundliches Gesicht zu machen!“
„Denk immer an die Konvention, die uns verpflichtet, Jutta! Oder hast du schon wieder vergessen, was wir im Anstandsunterricht gelernt haben? Man verbirgt seine Gedanken unter der Maske eines Lächelns, wenn man unversehens einem Feinde gegenübersteht, so verlangt es die gute Erziehung von der Dame der Gesellschaft!“
„Und von Achim weiß er nichts?“ kam die wissensdurstige Baronesse wieder auf ihre schon einmal gestellte Frage zurück.
„Was kann er schon wissen? Vielleicht ist das Gerücht zu ihm gedrungen, daß mein Vater mit dem Rentmeister Hollmann eine Auseinandersetzung gehabt und daß Herr Hollmann seinen Sohn aus dem Hause gejagt hat. Aber er weiß bestimmt nichts von der Unterredung, die Baron Puttlitz und Baron Lauff mit meinem Vater hatten. Also kann er auch nicht ahnen, daß Paps uns seinen Segen gegeben hat.“
„Das dachte ich mir, Trixi! Dann kommt er auch bestimmt deinetwegen. Er will die Verbindung wieder aufnehmen! Du mußt ihm jetzt ein für alle Male einen Kob geben!“
„Den bekommt er schon, Jutta, das laß nur meine Sorge sein! Aber es soll mir niemand vorwerfen können, ich hätte die Gesetze der Höflichkeit verletzt.“
„Gott sei Dank brauche ich den Grafen Focke noch nicht zu meinen Bekannten zählen, aber ich kann mir schon vorstellen, wie er aussieht. Sein Gesicht wird wohl genau so schäbig sein wie sein Charakter. Und wie es erst aussehen mag, wenn er erfährt, daß Herr Hollmann auch in Freiburg ist!“
„Hoffentlich treffen die beiden nicht noch einmal aufeinander! Ich könnte mir denken, daß ihn dann nicht nur die Eifersucht plagen wird, sondern auch noch die Rachsucht wegen des Ausgangs des Duells. Daß er damals den kürzeren zog, wird er Achim nie vergessen!“
„Es wird wohl nur halb so schlimm werden, Trixi“, tröstete Baronesse Jutta, „Freiburg ist groß, und da werden sie sich ja nicht unbedingt in die Arme laufen.“
„Hast recht, Jutta, es muß nicht sein, daß sie sich begegnen. Aber wenn es trotzdem geschieht, wird Achim schon die richtigen Worte finden, um ihn in seine Schranken zurückzuweisen.“
„Und wann siehst du Achim wieder? Heute nachmittag an der Kyburg? Oder kommt er heute nicht zum Tennisspielen?“
„Doch, er kommt!“ antwortete Beatrix überzeugt, „es ist doch die einzige Möglichkeit, uns zu sehen. Ich muß ihm doch sagen, daß mein Vater in drei Wochen kommen wird, um uns seinen Segen zu geben.“
„Hat er geschrieben?“ fragte Baronesse Jutta erstaunt. „Davon hast du mir ja noch gar nichts gesagt!“
„Entschuldige, Jutta, der Brief kam erst soeben an, und als du mit deiner überraschenden Nachricht dazwischen kamst, dachte ich nicht mehr daran.“
„Ob deine Tante wohl mitkommt?“
„Tante Adelheid? Nein, davon schreibt Paps nichts! Ich weiß nicht einmal, wie er es ihr beigebracht hat. Sie war es doch, die sich so sehr gegen meine Freundschaft mit Achim gesträubt hat — und sie überraschte uns ja auch, als wir uns küßten. Ohne ihr Dazwischentreten wäre das ganze Drama sicher vermieden worden.“
„Dann wird dein Vater aber einen schweren Stand haben“, antwortete die Baronesse weise, denn sie lebte sich mit ihrem wachen Verstande sofort in die Situation ein, die gegenwärtig auf Schloß Aihrenshofen herrschte. „Ich kann mir direkt vorstellen, wie giftig deine Tante sein wird und wie sie deinem Vater die Hölle heiß macht, weil er euch seine Zustimmung gegeben hat.“
„Ja, über den Kummer kommt Tante Adelheid nie hinweg“, seufzte Beatrix. „Sie hatte so große Pläne mit mir vor!“ — —
Zur selben Zeit, als die beiden Freundinnen dieses Gespräch führten, holte Baron von Lauff, wie er das versprochen hatte, Achim Hollmann vom Kolleg ab. Sie trafen sich vor dem Gebäude der Universität, wo Rüdiger an der großen Freitreppe Posten gefaßt hatte.
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