1 ...6 7 8 10 11 12 ...18 Was ging es auch Andere an, ob sie geweint hatte, selbst diese niedliche Tochter des Kohlenschippers, die sie vor dem Verderben bewahren wollte!
„O, wenn diese Kleine nur gewusst hätte, dass es auch Thränen geben kann, die Hass und Rache weinen — jener trockene, brennende Durst nach Vergeltung, der nach jahrelangem, wahnsinnig-schmerzhaftem Schmachten endlich die erste belebende Nahrung in erstickten, heissen Thränen findet. Wie da das Herz jubelt, wo die Augen weinen!
„Fräulein Seidel —.“
Die kleine Arbeiterin vermochte dieses Schweigen, dieses ganze Ausserachtlassen ihrer stets vorlauten Person nicht mehr zu ertragen. Sie fühlte hin und wieder, als ein echtes Berliner Vorstadtmädchen, das Bedürfniss, sich in geschwätzigen Plaudereien zu ergehen, und fand nichts peinlicher, unverständlicher, als eine Stille im Zimmer, wenn sie nicht allein war.
„Ich habe Ihnen doch nichts gethan.“
Jenny Hoff liess sich auf die Diele zu den Füssen ihrer Nachbarin nieder und fasste nach deren Händen.
Maria Seidel blickte jetzt auf.
„Du, Kleine —?“
War es die Rührung, die nach den letzten noch in ihren Ohren nachklingenden Worten Jennys sie überkam, die sie sich zu dem Arbeiterkind herniederbeugen hiess, um einen heissen, langen Kuss auf ihre Stirn zu drücken?
„Du solltest mir etwas gethan haben, harmlosestes aller Geschöpfe?“
Sie lachte. Sie wusste selbst nicht worüber — seitdem seit gestern bei ihr die Stimmungen wie Sonnenschein und Schatten wechselten.
„O, Sie lachen, und mir war’s, als weinten Sie. Ich dummes Ding habe wie gewöhnlich wieder nicht Recht. Was war Ihnen nur gestern? Wie ich mich erschrocken hatte! Ich habe den ganzen Nachmittag an Sie gedacht und habe die Fäden immer falsch gespannt.“
Die Plaudertasche gerieth in ihr Fahrwasser. Sie hatte auch so viel zu erzählen, da sie seit gestern Mittag Maria nicht gesehen hatte, denn Fräulein Seidel hatte sich am Abend vorher zeitig zu Bett gelegt und war nicht nur am Nachmittag jenes Tages der Fabrik fern geblieben, sondern auch heute den ganzen Tag über.
„Die Mädchen hatten gestern von nichts Anderem zu sprechen als von Ihnen und der jungen Frau Rother. Es ist wahr! Erst sprachen sie von Ihrem Unwohlsein und meinten, das hätte was zu bedeuten, denn es wäre so plötzlich gekommen, dann wieder nahmen sie die junge Frau vor und erzählten zum Schluss allerhand Geschichten vom jungen Herrn Rother — Alles durcheinander. Diese Klatschschwestern! Denken Sie nur, die lange Tine, Sie wissen doch, die mit den gemeinen Ausdrücken, meinte, es wäre stadtbekannt, dass der junge Herr Rother früher vor seiner Hochzeit ein ganz liederliches Leben geführt hätte — o, und was sie noch Alles sagte, ich kann es nicht sagen. Woher die das nur weiss ...“
„Was sagte sie noch, Jenny? Erzähle Alles.“
Maria Seidel zog der Kleinen Kopf an ihren Schooss und fuhr mit der weichen Hand über das blonde Haar. Dabei beugte sie sich wieder tiefer herab, als befürchtete sie, dass sonst die Worte des jungen Mädchens ihr Ohr nicht erreichen könnten.
„Oh ...“ Jenny Hoff musste es grosse Anstrengungen machen, davon zu sprechen.
Sie schien sich zu schämen, denn sie drehte ihren Kopf so, dass das Gesicht fast ganz in den Falten des Kleides verborgen war. Endlich sagte sie aber doch:
„Wenn ich durchaus soll ... Die lange Tine meinte, das wisse Jeder, dass Herr Rother vor seiner Hochzeit immer ein paar Geliebten zu gleicher Zeit gehabt hätte, die nun durch Geld abgefertigt worden seien. Sie meinte, die reichen Leute machen das immer so. Seine Frau wisse natürlich nichts davon, auch nicht, dass er ein Kindchen habe.“
Maria Seidel presste einen Laut hervor, der sich in dem Halbdunkel des Raumes wie ein geheimnissvoller Seufzer anhörte. Ihre Hand drückte die Wange der kleinen Hoff, als fände sie dort Etwas, das sie zum stummen Ausdruck ihrer Qual bringen könnte. Das wilde Senken und Heben ihrer Brust war in dem noch hellen Lichtraum des Fensters deutlich zu erkennen.
„O, nicht so an meinem Haar ziehen, bitte — das thut weh.“
Jenny Hoff machte eine kurze Pause, folgte dann der Aufforderung Marias und fuhr fort:
„Tine erzählte, ein Mädchen aus der Fabrik, sie soll sehr schön gewesen sein, hätte sich vor zwei Jahren mit ihm eingelassen. Jetzt ginge sie aber sehr fein, denn sie sei Kellnerin geworden. Sie lebe mit ihrer Mutter sehr nobel, und das meist von dem Gelde, das sie für ihr Kind jeden Monat von Rother bekäme ...“
Maria Seidel athmete auf, schwer, wie von einem starken, beklemmenden Druck befreit. Sie also war mit den gemeinen Enthüllungen der frechen Tine nicht gemeint.
Und die Plaudertasche Jenny begann wieder:
„Lina Schmidt heisst das Mädchen. Haben Sie schon von ihr gehört? Tine meint, sie trage jetzt den Kopf sehr hoch und wolle auf der Strasse Niemand mehr von den alten Arbeiterinnen aus der Fabrik kennen.“
Lina Schmidt — ein Kind, das stimmte.
O, Maria kannte das Frauenzimmer wohl. Sie hatte ihr Kind bei derselben Frau Sandkorn in Pflege, wo sie das ihre hatte. Gewiss, das musste ein und dieselbe Person sein. Also auch von ihm! Das hätte eigentlich Veranlassung zu neuen Betrachtungen geben müssen, aber die Tochter des Kohlenschippers schnitt jeden Gedankenfaden durch. Sie wartete erst gar nicht die Antwort auf ihre Frage ab, sondern hatte neue Dinge, allerhand buntes Zeug bereit, wovon sie plauderte: Nichtigkeiten, Zänkereien aus den Arbeitssälen, die sie für wichtig genug hielt, um sie zu erwähnen. Ach, sie konnte noch so unschuldig plaudern, trotz der Gemeinheiten, die ihr Ohr bereits tagtäglich vernahm! Aber sie hörte vorerst nur die Worte, ohne den eigentlichen Sinn zu verstehen. Sie war auch erst sechszehn Jahre, und seit kaum drei Wochen in der Fabrik. Was konnten ihre Kolleginnen da schon verlangen!
Und plötzlich kam sie auch auf eine ihre kleine Person ganz besonders interessirende Angelegenheit zu sprechen, bei deren Erwähnung sie selber staunte, dass sie noch nicht daran gedacht hatte.
„ ... Denken Sie nur, Fräulein Seidel, was mir heute passirt ist. Schon das zweite Mal. Der Lehrling aus dem Comptoir, Sie wissen doch der junge Mensch, der immer so fein gekleidet geht, der Herr Brendel (sie meinte den Volontair und Neffen vom alten Rother) kommt heute Vormittag zu mir heran und erzählt mir wie schon so oft allerlei Geschichten, wie er sich am Abend vorher amüsirt hatte. Ich habe sonst nie darauf gehört, immer kurz geantwortet und ruhig weiter gearbeitet. Heute frug er aber wieder wie schon gestern allen Ernstes, ob ich nicht mit ihm nach irgend einem Theater gehen wolle, er meinte nach dem Germaniatheater oder Americain. Er bat, ich sollte früher aufhören, er hätte schon dafür gesorgt, dass mir das gestattet würde, schnell nach Hause gehen, mich anders anziehen, und dann wolle er mich irgendwo erwarten. Er bat so sehr und that so freundlich ...“
„Kind, dass Du es nie in Deinem Leben wagst! Denke an Deinen alten guten Vater!“
Jenny Hoff fühlte sich im selben Augenblicke zurückgestossen, denn Maria Seidel hatte sich halb von ihrem Platz erhoben. O, was sie da gehört hatte, das war der Anfang der alten verführerischen Melodie einer Grossstadt, die die Sinne betäubt und benebelt. Sie kannte diese Melodie, sie klang ihr ewig im Gedächtniss wieder.
Sie war erregt von dem Gehörten und zugleich erschüttert von der Naivetät der Kleinen, die gross zu ihr aufblickte, wie verständnisslos bei dem plötzlichen Ausruf ihrer Beschützerin. O, sie hätte nichts davon gesagt, wenn sie dadurch die Ruhe Marias gestört sehen sollte.
„Komm her, Jenny. Kind, Du musst auf mich hören.“
Als hätte sie etwas gut zu machen, setzte sich Maria wieder und zog Jenny liebevoll zu sich empor, so dass sie den zarten Oberkörper des Mädchens wie den eines Kindes in den Armen hielt und an sich presste.
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