Der Alte kam aber bald auf andere Spuren. Da hatte der Schott so merkwürdige Dinge zu fragen, die sich alle um Fräulein Seidel drehten. Ob das richtig wäre mit dem Kinde ... Ob der Vater noch lebe und ob der Alte wisse, wer er sei ... Wie sie sich zu Hause aufführe und wie wohl die Geschichte eigentlich zusammenhänge, dass so ein Mädchen, die englisch und französisch spräche, in einer Fabrik gegen gewöhnlichen Wochenlohn arbeiten müsse.
Und alles das frug er mit so einer Wichtigkeit, als sei er von der Kriminalpolizei und müsse schlauer Weise recherchiren. Dabei liess er die Jenny ganz links liegen und bekümmerte sich nur um sie, wenn er glaubte, etwas von der Plaudertasche erfahren zu können. Aber da kam er bei der Kleinen schön an! Die von ihrer Nachbarin etwas Schlechtes sagen!
Das kam verdächtig vor. Dem Kohlenschipper ging dann ein Licht auf, als der Schlosser seltsame Sachen durchleuchten liess. Die Seidel hätte es ihm angethan. Er hätte sie vor Augen, wo er gehe und stehe, und selbst Nachts träume er von ihr. Er wisse nicht warum, aber es sei doch so.
Mit der Jenny war’s also nichts. Das war dem Alten nun eine ausgemachte Sache. Er hätte eigentlich über diese Fopperei wüthend werden können, aber er durfte nichts davon laut werden lassen. Die Kleine selbst hätte ihn am Ende ausgelacht. Dann aber fand er das ganze Gebahren Schotts äusserst schnurrig.
Der in die gebildete Mamsell Seidel verliebt? Der mit seiner derben Hand und seinem groben Wesen? Als ob die für einen Schlosser geschaffen war, der tagtäglich mit hartem Eisen umging!
Der biedere Christian Hoff fand diese Idee zu närrisch. Er hatte auch eine zu grosse Achtung vor dieser armen, schönen, immer so ruhigen und doch so freundlichen Mamsell Seidel, die still Morgens zur Arbeit ging und des Abends immer so lautlos ihr kleines Kämmerlein aufschloss; die so fein und vornehm sprach, Handschuhe und Schleier trug und doch im Hinterhause einer Arbeiterkaserne wohnte; die so viel gelernt hatte, dass sie etwas davon noch immer für seine Jenny übrig hatte — seine liebe einzige Kleine, die so aufwuchs ohne Mutter ...
Wenn er daran dachte, musste er sich immer mit dem schmutzigen Aermel über die Augen fahren, als hätte er dort den Ueberrest von Kohlenstaub wegzuwischen, und es war doch etwas Anderes, ganz etwas Anderes, Nasses —.
Sie war ordentlich rührend diese Hochachtung, die der alte Kohlenschipper vor der Seidel hatte — jene wahrhaftige Hochachtung, die der Arme Unwissende immer Menschen bezeigt, die mehr gelernt haben wie er, und doch sich nicht so hoch und stolz dünken, um ihm nicht etwas von diesem Wissen abzugeben.
„Schott, Du bist des Teufels, bilde Dir nichts ein“ — hatte er oft auf den Lippen, um dem hitzigen Krauskopf seine Meinung zu sagen. Da sah er aber in sein Gesicht, in dieses beim Sprechen von heisser Leidenschaft durchwühlte Gesicht, da sah er in seine Augen, in diese brennenden, unheimlich flackernden Augen, deren schimmernde Schwärze ihn an die Kohlenstücke der Gasanstalt erinnerten, und er schwieg.
„Der schlägt dich todt, wenn du ein Wort dagegen sprichst,“ dachte er im selben Augenblick und verschluckte die Worte auf halbem Wege. Er liess ihn reden und schwatzen und rauchte lieber aus seiner kurzen Porzellanpfeife, ehe er ihn unterbrach.
Heute war es wieder so. Da sass er wieder auf der andern Seite des Tisches neben dem jetzt kalten, gekitteten und verschmierten eisernen Ofen und starrte nach seiner alten Manier in das matte Licht der einzigen Familienlampe mit dem abgebrochenen Cylinder und der gesprungenen Glocke. Der Dampf seiner Cigarre vereinigte sich mit dem von Hoffs Pfeife und umzog die Lampe mit hellen Wolken, lagerte sich erst schichtweise im Raum der Stube und zog dann dem geöffneten Fenster zu.
„Magst Du sagen, was Du willst, Hoff, sie hat mirs angethan. Nenne mich einen Verrückten, sage, ich sei der grösste Narr auf der Welt, aber ich kann nicht anders, ich muss sagen, ich kann nicht mehr leben, wenn ich nicht weiss, dass sie mein Weib wird. Sie hat so was Apartes — ich weiss, sie passt nicht zu uns da in der Fabrik, aber siehst Du, das ist es gerade, was mich so reizt. Und lass sie wirklich ein Kind haben, ein uneheliches, wie sie Alle sagen, was kümmert’s mich. Ich will sie nehmen, wie sie ist. Wenn sie klug ist, wird sie sich die Sache überlegen und nicht nein sagen, wenn sie auch schon andere Manieren hat wie ich. Aber sie steht allein und immer wird’s doch nicht so mit ihr gehen können — sie wird älter und älter werden ... Du musst mit ihr reden, vernünftig reden, ’s geht nicht anders. Ich weiss nicht, wie ich’s anfangen soll. Wenn sie mich auslachen würde, Du weisst, Du kennst mich — ich wüsste nicht, was ich thäte vor Wuth, ich erwürgte sie auf der Stelle, mag dann werden aus mir was will ... Nimmt überhaupt gleich Jeder so ein Mädchen, die schon ein Kind hat von einem Andern? Zuletzt thut’s doch immer nur ein Arbeiter. Dazu seien wir gut genug, denken die Herren Ehrabschneider — aber’s wird doch noch mal anders werden in der Welt, wenn wir am Ruder sind und dieses Bourgeoisgesindel, diese aristokratischen Kanaillen —.“
„Kalt Blut, kalt Blut, Schott, reg’ Dich nicht auf, komm nicht in Dein altes Fahrwasser, ’s lohnt sich nicht der Mühe. Wir werden’s nicht mehr erleben. Lass ’s gut sein. Wir wollen dabei bleiben, wo wir waren. Ich sehe schon, Dir ist die Sache verteufelt ernst mit dem Fräulein, aber Schott, Schott, Du weisst nicht, ob sie noch frei ist, ob sie nicht schon einen Bräutigam hat, einen, der zu ihr passt.“
Dem alten Christian Hoff war das so herausgeplatzt, er wusste nicht wie. Er wollte den Menschen da vor ihm auf andere Gedanken bringen.
Aber hätte er nur lieber geschwiegen, denn seine Worte waren Oel ins Feuer.
Der alte Tisch bekam plötzlich einen Ruck, dass die Lampe wackelte, denn der junge Arbeiter hatte durch eine kräftige Bewegung seine alte Lage an der Wand verändert.
Er streckte den linken Arm aus und liess die Hand schwer auf des Kohlenschippers Schulter nieder, dass dieser in seiner gekrümmten Haltung sich nach unten bewegen musste.
Der ganze schauerliche Ernst einer unbezähmbaren Leidenschaft lag in seiner Stimme, als er sagte:
„Hoff, ich sage Dir, zieh mich nicht auf, bei unserer alten Bekanntschaft, zieh mich nicht auf! Wenn das wahr wäre, was Du da gesagt hast, wenn sie wirklich schon einen Andern hätte, ich sage Dir, ich könnte ’s nicht ertragen, wenn ich wüsste, wer’s ist, wenn ich sähe, dass er mehr voraus hätte bei ihr, wie ich, ich schlüge ihn nieder wie einen Hund, so wahr Gott lebt! Ich sage Dir —.“ Der ganze Körper des jungen Arbeiters zitterte. Es war, als durchrieselte sein warmes Blut plötzlich ein kalter Strom, der jede Fiber in ihm in Aufregung bringe.
Und etwas von dieser Aufregung ging wie durch einen elektrischen Strom auch auf Christian Hoff über. Er wusste, dass dieser Mensch mit der drohenden Haltung, die immer den Eindruck machte, als wollte er gleich dreinschlagen, mit den farblosen Lippen und dem scharfmarkirten, tief eingegrabenen Zug um sie, seine Worte bewahrheiten würde und ginge er selbst dabei zu Grunde.
Aber Gott sei Dank, es war noch nicht so weit, der Alte hatte da etwas in den blauen Dunst gesprochen, ohne Sinn, nur um den Schott auf andere Wege zu bringen.
Es war ihm jetzt selbst eine Genugtuung, seinem jungen Freunde den erweckten Verdacht zu nehmen, in seiner Brust die wild auflodernde Flamme der Eifersucht zu ersticken.
„Nicht gleich so wild, nicht gleich so wild, Schott. Ich wollte Dich nur auf die Probe stellen. Wenn man so was sagt, da merkt man gleich am besten, wie weit die Liebe geht. Das ist, als wenn man Wasser auf heisses Eisen giesst, um zu sehen, ob es noch zischt. Du kannst ruhig sein. Die Mamsell Seidel wohnt nun schon ein ganzes Jahr hier, aber sie kennt keine Mannsperson, es kommt auch keine zu ihr. Sie hat zwar eine Menge Freunde —.“
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