Alles das brachte der alte Herr in verschiedenen Pausen hintereinander hervor, während er, den einen Zipfel der Serviette oben am Hals hinter den Kragen gesteckt, sich redlich mühte, seinem Appetit auf ein junges Huhn (seiner Lieblingsspeise) gerecht zu werden.
Während er sich dann mit der Serviette den Mund abwischte, um einen Schluck Rothwein zu sich zu nehmen, hatte er Gelegenheit, eine Wahrnehmung zu machen.
„Aber Du isst ja gar nicht, Kind. Und was sehe ich, Du siehst blass aus, scheinst so unruhig — bist Du krank? Vielleicht ein plötzliches Unwohlsein — nimm ein wenig Sodawasser, das wird helfen.“
Das fehlte noch, dass seiner lieben Schwiegertochter nicht sofort Alles zur Verfügung stände.
Rother senior sprang auf, um nach der Klingel zu schreiten, aber Frau Rother junior legte ihre feine weisse Hand auf seinen Arm.
„Bitte, Papa, bemühe Dich nicht, es ist nichts von Bedeutung. Aber wenn Du mir einen Schluck von dem leichten Wein einschenken wolltest, würde ich Dir sehr verbunden sein. Das wird dieselben Dienste thun.“
„Wenn Du meinst, Kind — sonst aber —.“
„Auf mein Wort, Papa.“
Rother senior war überzeugt, setzte sich wieder und bediente seine Schwiegertochter. Dann trat eine minutenlange Pause ein, während welcher er ängstlich durch rasche Seitenblicke das Gesicht der jungen Frau beobachtete. Wirklich, sie bekam wieder Farbe und griff ebenfalls zu Messer und Gabel.
„Ich war nur so erschrocken, Papa, beim Anblick des jungen Mannes vorhin. Denke Dir nur, das war eigentlich ein alter Bekannter von mir. Sein Vater war Privatdocent und befreundet mit meinem Papa. Wir wohnten zehn Jahre lang zusammen in einem Hause und auf einem Flur. Er hatte eine Schwester, mit der ich die Schule besuchte und die meine intimste Freundin war. Wir sind zusammen aufgewachsen. Dann starb sein Vater und wir kamen ganz auseinander. Es soll ihnen nachher sehr schlecht gegangen sein. Der Sohn wurde Kaufmann. Die Tochter gab erst Unterricht in Sprachen, dann trat sie in irgend ein Geschäft ein, ich glaube gar, sie musste arbeiten. Die gute, arme Maria!“
Die schöne Frau Rother seufzte und nippte aufs Neue am Weine.
Dann sagte sie wieder:
„Was er nur denken wird, der junge Herr Seidel! Ich glaube, er hat mich auch erkannt und wird mich für stolz halten. Wie kamst Du zu ihm? Mich interessirt das Schicksal dieser Familie lebhaft. Sie bestand aus lauter guten Menschen. Die Kinder namentlich waren vortrefflich erzogen. Ich entsinne mich noch mancher angenehmen Gesellschaftsstunde mit ihnen.“
Frau Rother sprach das so gelassen — sie schien sich ihrer Jugendliebe nicht mehr erinnern zu können.
Rother hatte mit wachsendem Interesse seiner Schwiegertochter zugehört. Erstaunt war er eigentlich nicht. Das war ein Zusammentreffen von Verhältnissen, Schicksalsschlägen, wie es tagtäglich in einer Weltstadt vorkommen kann.
Aber seine liebe Schwiegertochter interessirte sich lebhaft für diese Familie, das war genug für ihn, um ihr jedenfalls im Voraus einen Wunsch zu erfüllen. Er bemerkte, dass er Seidel als Kassirer engagirt habe ... „Seine Schwester muss auch todt sein, er sagte, er stände allein ... Du warst mit der Familie befreundet? Das ändert die Sache vollständig. Er hat auf mich sofort den Eindruck eines Mannes von gesellschaftlicher Bildung gemacht. Wir könnten ihm vielleicht den Anschluss an unsere Familie gestatten, wenn Du wünschest —.“
Rother senior war seiner Schwiegertochter gegenüber zu allen Konzessionen bereit, die ihr Familienleben behaglicher und angenehmer hätten machen können. Denn dieses Familienleben war ein Band, das auch seinen Sohn umschlang.
„O, Papa, ich würde mich freuen! Ich könnte mein heutiges Benehmen durch einige wohlmeinende Worte gut machen.“
„Also es bleibt dabei.“
Der alte Herr legte seine Serviette zusammen und reichte seiner Schwiegertochter im Aufstehen die Hand.
Dann hörte man Stimmen aus dem Vorzimmer, und Rother junior trat mit einem grossen, starken Herrn ein, der in Reisekleidung steckte, und dessen rothes, gesundes Gesicht durch einen kurzen, grauen Backenbart nicht gerade verschönert wurde.
Rother senior war erst ganz überrascht, dann stürmte er mit ausgestreckten Händen dem Besuch entgegen.
„Was sehe ich, mein lieber Freigang — diese Uberrumpelung! Nicht einmal Ihre Ankunft vorher zu avisiren!“
„Es ging nicht, ich bin auf der Durchreise und will morgen wieder fort.“
„Papperlapapp — reden Sie nicht! Sie sind ein paar Tage unser Gast. Sie kommen überhaupt wie gerufen. Wir gebrauchen Maschinen und müssen darüber sprechen.“
Es erfolgte jetzt erst eine Vorstellung der jungen Frau, die der Fabrikant Freigang benutzte, mit seiner Bassstimme dem jungen Paar nochmals persönlich seine Glückwünsche auszusprechen.
Dann war Rother senior wieder besorgt um seinen Gast.
„Sie werden uns das Vergnügen schenken, Sie bei uns frühstücken zu sehen. Louise, liebes Kind, Du bist wohl so gut —.“
Der alte Freigang unterbrach ihn sofort:
„Bitte, keine Bemühungen, meine Herrschaften. Ich komme soeben von Dressel —.“
„O, das ist schade! Dann kommen Sie aber gleich mit nach der Fabrik. Wir können im Wagen plaudern. Wollen Sie?“
Freigang senior war damit einverstanden.
„Adieu, meine Lieben. Louise, liebes Kind, Herr Freigang speist selbstverständlich bei uns.“
Er gab seiner Schwiegertochter den üblichen Kuss auf die Stirn, dann ging man.
Als die beiden Alten im Wagen dahin rollten, sagte Freigang:
„Offen gestanden, lieber Freund, ich bin eigentlich nach Berlin gekommen, um meinen Sohn zu suchen —.“
„Immer noch das alte Verhältniss?“
Im Lärm der Strasse nickte Freigang nur.
„Ihr seid Beide aus zu trockenem Holz geschnitzt. Wenn’s zusammen gerieben wird, giebt’s Feuer,“ meinte Rother nur kurz. Dann kam er hintereinander auf seine Maschinen, seinen Bau und seine Schwiegertochter zu sprechen.
Die „alte Geschichte“.
„Fräulein Seidel, ich glaube gar, Sie weinen.“ Jenny Hoff war wie immer wild und geräuschvoll in die kleine Kammer gestürmt und blickte jetzt zaghaft die am Fenster Sitzende an.
O, wenn die Kleine das gewusst hätte! Sie wäre drüben in der dumpfen, schmutzigen Stube ihres Vaters geblieben und hätte ihre Lehrerin nicht gestört. Sie fand Thränen so hässlich und konnte es nicht begreifen, wie man zu weinen vermochte, wenn man so eine weisse Haut hatte, wie Maria Seidel sie besass.
Jenny hatte recht gesehen, Maria hatte wirklich geweint. Warum, weshalb? Die blonde Hoff hätte nicht zu fragen brauchen. Sie hätte keine Antwort bekommen. In diesem kleinen, einfenstrigen, armselig möblirten Zimmer mit der Aussicht nach dem tiefgähnenden, von Arbeiterkasernen eingeengten Hof war Alles Schweigen: das geheimnissvolle Dunkel, das wie ein unendlich langer, unsichtbarer Schatten immer stärker und schneller zum Fenster hereinzog und Farben und Linien verschlang; die ganze Atmosphäre, zusammengesetzt aus den emporsteigenden Dünsten der Riesenstadt und der schwülen Abendluft des Sommertages, die sich in der Kammer lagerte; die schwarz erscheinenden wenigen Möbel, die geflickte, farblose, traurig dreinschauende Gardine und das Weib am Fenster, die Bewohnerin dieser möblirten Schlafstelle am meisten. In dem hereinbrechenden Dunkel schien sich die niedrige Decke immer mehr zu neigen, herabzulassen, als wollte sie sich schliesslich, wie ein Alp auf die Menschenbrust, auf all dies Schweigen setzen und es ganz und gar erdrücken, noch todter, öder machen ...
Maria Seidel hatte nicht gehört. Wenn man in versunkenen Welten sich befindet, sind die Sinne für das Geräusch der gemeinen, wirklichen nicht empfänglich.
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