„Was ist damit?“
„Schauen Sie genau! Was klebt da drauf?“
„Ein Preisschild, 39 Euro 90.“
„Und exakt 39 Euro 90 habe ich aus meiner eigenen Geldbörse für dieses Großmarktprodukt bezahlt, weil uns das Ministerium den Geldhahn zugedreht hat.“
*
Nach dem ernüchternden Gespräch mit Pokorny hatte Orsini endlich seine Jacke geschnappt und stand nun draußen vor dem Amtsgebäude. Es war noch angenehm warm, so wie es sich für den Frühsommer gehörte. Zwei graue Kleintransporter, die zu Einsatzwagen umgebaut waren, standen auf den amtlichen Parkplätzen. Geräuschlos glitt bei einem der Fahrzeuge die Fensterscheibe nach unten. Die Scheibe stoppte mit einem satten Quietschen.
„He!“
Orsini erkannte die Stimme. Er blieb stehen und sah zum Wagen. Gottschlich lehnte sich lässig ein Stück aus dem geöffneten Fenster. Obwohl es bereits finster war, verdeckte eine goldgerahmte Ray Ban seine Augen. „Genug für heute?“
Orsini antwortete nicht.
„Wie läuft die Ermittlung?“
„Hängt davon ab, wie gut die Tatortgruppe arbeitet.“
Gottschlich blies eine dünne Rauchwolke aus dem Fahrzeug. Die Umrisse der kleinen Aknekrater in seinem Gesicht schimmerten im künstlichen Licht. Im Glas der Brille spiegelten sich die roten und gelben Lichtspuren der vorbeifahrenden Autos. „Hängt eher vom leitenden Ermittler ab.“
„Sonst noch was?“, fragte Orsini und wandte sich ab, um zu gehen.
„Sicher.“
„Dann leg es mir morgen in aller Früh auf den Schreibtisch.“ Ohne Gottschlich eines weiteren Blickes zu würdigen, ging Orsini am Einsatzwagen vorbei. Er war müde. Die Kleider klebten an seinem Körper, er hatte sie seit der Probe am Vorabend nicht gewechselt, und er sehnte sich nach einer Dusche. Dennoch, oder gerade deswegen entschied er sich, zu Fuß heimzugehen, über die große Schleife, wie er den Weg entlang des Rings nannte. Er hielt seine Lederjacke mit zwei Fingern, warf sie über die Schulter, bog nach rechts und marschierte los. Sein Blick war auf den Boden gerichtet. Die Ringstraße hatte ihre ganz eigene Geräuschkulisse. Manches Mal schloss er im Gehen für einen Moment die Augen, nur für wenige Sekunden. Vor der Rolltreppe in die Unterführung am Schottentor blieb er stehen und sah hinter sich. Doch das, was er zu hören glaubte, verklang rasch in einer der Seitengassen.
Vor dem Eingang zur Karlsplatzpassage kaufte er bei einem Straßenhändler zwei Zeitungen: einmal Seriosität und einmal Boulevard – Glanz und Elend quasi. Bei Glanz nahm Dorothea Hausners Tod eine schmale Spalte in der Chronik ein. Elend widmete dem Tod im Park eine halbe Seite mit Foto vom Fundort. Zumindest machte ein schmaler schwarzer Balken das Gesicht der Toten unkenntlich. Wie der Artikel aussehen würde, wenn die Presse spitzbekam, dass es noch einen weiteren Mord mit einer Glasscherbe gab, wollte er sich vorläufig nicht ausmalen. Vor dem Gebüsch, in dem die Drogensüchtige gefunden worden war, blieb er stehen und versuchte, seine Gedanken zu ordnen.
Zwei tote Frauen. Eine Drogensüchtige und eine Gärtnerin. Was hatten die beiden noch gemeinsam, fragte er sich zum x-ten Mal und stierte ins Gebüsch, als läge dort eine Antwort versteckt. Plötzlich bewegte sich etwas. Wind fuhr über die Zweige und ließ die Blätter rauschen. Neben ihm ragten die Bäume dunkel in die Nacht, als wollten sie ihm zu verstehen geben: Hier hast du nichts zu suchen!
Erneut spürte er eine Bewegung, mehr als dass er sie sah. Langsam bückte er sich und griff nach einem am Boden liegenden Ast. Angespannt suchte er das dunkle Gelände ab. Nur eine verschreckte Ratte. Kurz verharrte sie in ihrer Bewegung und sah ihn neugierig an. Wenn du nur reden könntest, dachte er, könntest du mir vielleicht weiterhelfen! Doch die Ratte hatte bereits kehrtgemacht und verschwand nun genauso schnell wie sie aufgetaucht war.
Eine Weile später bog Orsini vom Ring ab. Auf der Stubenbrücke blieb er stehen. Es war ein langer Tag gewesen. Unter ihm spiegelte sich die nächtliche Parkbeleuchtung im Wasser wider. Ein Windstoß fuhr über kleine, sich kräuselnde Wellen. Nicht mehr als ein Rinnsal. Kaum vorstellbar, dass es jahrtausendelang ein Fluss gewesen war, der Mühlen angetrieben und Menschen mit sich gerissen hatte. Er sah zu den weißen Lemurenköpfen hoch, die einsam auf den Brückenpfeilern thronten, Wächtern gleich. Sie sahen aus, als hätte man sie aus überdimensionalen Kartoffeln geschnitzt – knorrig, die ausgestochenen Augen schwarze Löcher in ein hohles Nichts. Orsini war schon unzählige Male hier gestanden – ob sie ihm gefielen, wusste er immer noch nicht.
... Seelen entsteigen dem Nass, las er das Zitat von Heraklit, das an der Brücke angebracht war.
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