„Verflixt!“, rief Krischanitz.
„Was ist?“
„Der Stift is abbrochn“, antwortete er und kramte rasch nach einem neuen.
„Wenn wir Glück haben, ist einer von denen der Mörder“, murmelte Orsini, ohne es zu glauben.
„Super, und des mir!“, redete der Wächter aufgeregt weiter. Offensichtlich hatte ihn das Jagdfieber gepackt. „Wir kriagn diese Ausgeburt schon ...“
„Da!“, rief Orsini plötzlich. „Das könnte sie sein.“
„Wer?“
„Die Zeugin, die die Leiche gefunden hat.“
Der Wächter starrte ungläubig auf den Monitor. „Und?“
„Unsere Spezialisten werden versuchen, die Aufnahmen schärfer hinzukriegen. Durchaus möglich, dass wir noch etwas Brauchbares finden.“
„Ah so ...“, meinte Krischanitz enttäuscht, „i hab ma dacht, wir machn den jetzt gleich ausfindig.“ Er lehnte sich in seinen Sessel zurück. Die Beute war entwischt.
„Na ja“, überlegte Orsini. Er sah eine Gelegenheit, wo sie sich ihm bot. „Wenn Sie Zeit hätten, könnten Sie für uns arbeiten“, sagte er.
„Ja?“ Krischanitz beugte sich interessiert wieder vor. „Gern. Aber wie?“
„Sehen Sie sich die Innenaufnahmen durch. Sie kennen doch bestimmt die Leute, die hier öfter parken.“
Krischanitz nickte.
Orsini reichte dem Wächter seine Visitenkarte. „Wenn Ihnen was ungewöhnlich vorkommt, rufen Sie mich unter dieser Nummer an, egal ob bei Tag oder Nacht.“
„Gruppenleiter KD1“, las der Wächter sichtlich beeindruckt vor. „Was bedeutn das, KD1?“
„Nichts Wichtiges, und ...“, Orsini hob seine Augenbrauen, „wenn notwendig, sehen Sie sich die Videos drei oder vier Mal an – ich zähle auf Sie!“
„Na Ehrnwort!“, erwiderte Krischanitz und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.
Orsini lächelte still in sich hinein und bat dann noch um eine Kopie der Aufnahmen. Beim Gehen fragte er: „Wie viele Brillen haben Sie eigentlich?“
„Insgesamt oder nur hier in der Arbeit?“
„Vergessen Sie’s ...“, antwortete Orsini und trabte die Stufen hoch.
*
Oben sah er um sich. Eigentlich war der Platz im kollektiven Bewusstsein kaum vorhanden, denn wie so viele andere hatte er sein Innerstes einer Garage opfern müssen. Indem man ihm die Eingeweide entfernt hatte, um ihn den vermeintlichen Bedürfnissen der heutigen Zeit anzupassen, hatte man ihm auch seine Seele geraubt. Zufahrt, Stiegenaufgänge und Entlüftungskanäle – kläglich versteckt hinter Gebüsch und Strauchwerk – trugen das Ihrige dazu bei. Beethovens Blick konnte man so gesehen auch als angewidert deuten.
Allerdings hatte der Platz nicht immer so ausgesehen. Die meisten Bewohner dachten wohl nur selten darüber nach, wie sehr sich ihre Stadt in den letzten 150 Jahren verändert hatte. Bevor Beethoven Stellung bezogen hatte, war hier Grünland vor den Toren der Stadt gewesen, durch das sich der Wienfluss durchgeschlängelt hatte, was zumindest auf alten Bildern ziemlich malerisch aussah. Und eine Zeit lang hatte es hier auch einen Ofen zur Vertilgung von Staats Papieren gegeben. Jetzt war es eben eine von vielen behübschten, aber öden Ecken in einer modernen Großstadt. Und wie in allen Städten gab es Menschen, die anderen das Leben nahmen. Wie früher auch.
Am Ausgang der Tiefgarage, bei dem die Kamera montiert war, klebte ein Plakat mit der Aufschrift Polizei überall, Gerechtigkeit nirgends! In gewissem Sinn musste Orsini den Anarcho-Künstlern, die sich auf dem Plakat auch noch zeichnerisch verwirklicht hatten, sogar recht geben, zumindest bei letzterem. Ein anderes Plakat, das an einer Litfaßsäule klebte, stach ihm ins Auge. Werbung für die nächste Erotikmesse. Produkte wie zarte Dessous und strenges Leder sowie Vorführungen internationaler Topmodels. Prüfend glitt Orsinis Blick daran vorbei und blieb an der dahinterliegenden Fassade des Konzerthauses hängen. Auch dort waren in einer Glasvitrine Plakate affichiert, die er aber aus dieser Entfernung nicht lesen konnte. Kamera war keine auszumachen. Er versuchte sich vorzustellen, was genau am gestrigen Abend hier geschehen war. Warum ausgerechnet hier, fragte er sich.
Eine Hand legte sich ihm auf die Schulter. Orsini fuhr zusammen und drehte sich um.
„He, siehst du Geister?“
„Was?“
„Ob du Geister siehst? Hab von dort drüben nach dir gerufen.“
„Ja?“, antwortete Orsini in Gedanken.
„Fahren wir nicht zur Wohnung des Opfers?“, fragte Kubicek.
Orsini deutete Richtung Heumarkt. „Zuerst probieren wir’s noch dort drüben.“
Sand in the City stand in großen Buchstaben auf einer aufgeblasenen knallgelben Kunststoffinsel. Eine eingeknickte Palme ließ ihre grünen Wedel traurig in den feuchten Sand hängen.
„Dort wär i jetzt auch gern ..., ich mein, im echten Paradies. Strand, Sonne, Rum und Weiber“, stellte Kubicek grinsend fest. Dabei zeigte er seine blütenweißen falschen Zähne.
Orsini ging voran, ohne darauf Antwort zu geben.
„Na, hawedere! Wie schaut’s denn da aus?“
Der Sturm hatte Sonnenschirme zerfetzt und Liegen in ihre Einzelteile zerlegt. Auch die bunte Hüpfburg für die Little Pirates sah ramponiert aus. An einigen Stellen hatte der sintflutartige nächtliche Regen im Sand kleine mäandernde Bäche gebildet, deren Form Orsini an die zerronnene Schminke im Gesicht der ermordeten Gärtnerin erinnerte. Zwei mit Rechen bewaffnete Männer waren dabei, wieder Ordnung ins Paradies zu bringen.
„Wann sperren die auf?“, fragte Orsini einen der beiden und deutete auf die Hütten, die allesamt noch verschlossen waren.
„Erst am Nachmittag“, erwiderte dieser und wischte sich den Schweiß mit einem Tuch aus dem Nacken.
Orsini hob einen einsam herumliegenden Volleyball auf. Warum kam er nie dazu, hier nachmittags zu relaxen? Bevor er aber weiter darüber lamentieren konnte, ertönte Cantaloupe Island. „Ja?“, fragte er und kickte den Ball aufs Spielfeld.
„Keine Abwehrspuren unter den Fingernägeln“, sagte Wilasich ohne Einleitung. „Und an den Kleidern auch nichts Außergewöhnliches: Staub, nasse Erde, zwei kleine Styroporkugeln an der Unterseite des Kleides ...“
„Na, das hilft uns unglaublich weiter ...“, ätzte Orsini. Ebenso wie Staub war Styropor etwas, das sich – vom Winde verweht – nahezu überall fand. „Und das Blut im Erdreich?“
„Das dauert.“
„Geht das nicht schneller?“
„Sind genauso unterbesetzt wie wir. Hab grad mit Lehner telefoniert.“
„Und der Chef von Sand in the City?“
„Ist erst ab 14 Uhr erreichbar ...“
Orsini verdrehte die Augen. „Wissen wir schon, wo genau die Hausner gearbeitet hat?“
„Ja, deswegen ruf ich dich an. Ihr braucht praktisch nur um die Ecke zu gehen.“
*
Die große Villa strahlte schon von Weitem Eleganz und Gediegenheit aus. Efeu rankte sich an hölzernen Spalieren empor. Den Balkon zierten tiefrot blühende Blumen. Dahinter sah man die hohen Fenster eines Wintergartens.
„Nobel“, murrte Kubicek abschätzig.
Orsini seufzte und schob das Gartentor, das zum Eingang der Stadtgartendirektion führte, auf. Warum nur hatte er Kubicek überhaupt mitgenommen?
Auf dem kleinen Parkplatz hinter der Jugendstilvilla waren einige Autos geparkt. Eine separierte Stellfläche hatte sogar ein Dach.
„Da parkt sicher der Chef“, meinte Kubicek launisch und folgte Orsini ins Innere.
„Wir möchten den Leiter des Amts sprechen“, sagte Orsini zur Dame beim Empfang, deren Reich eine kleine Ecke im Erdgeschoß umfasste.
Freundlich wies sie auf die Treppe. „Der Herr Direktor hat sein Büro oben. Wen darf ich melden?“
„Uns“, entgegnete Kubicek angriffslustig.
„Ein Verbrechen“, ergänzte Orsini, zeigte seine Dienstmarke, erklärte: „Kriminalpolizei“, und war bereits auf dem Weg hinauf.
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