Der Empfangsdame blieb für einen Moment der Mund offen stehen. „Warten Sie, meine Herren, Sie können nicht so ohne Weiteres ...!“
Orsini und Kubicek waren jedoch schon oben angelangt.
Stadtgartendirektor Ing. Gerhard Weber prangte auf einem polierten Messingschildchen an einer Tür im ersten Stock. Abrupt blieb Orsini davor stehen, sodass Kubicek auf ihn prallte. „Du sagst jetzt da drinnen kein Wort, verstanden!?“, herrschte er ihn an.
Kubicek zuckte zurück.
„Ob du das verstanden hast!?“ Orsini schob sein Gesicht knapp vor Kubiceks Nase.
„Ja“, drückte Kubicek kleinlaut zwischen seinem allzu regelmäßigen ungarischen Porzellan hervor.
Orsini klopfte und trat ein, ohne eine Antwort abzuwarten. „Guten Tag“, sagte er schlicht, nickte den beiden Sekretärinnen zu und marschierte an ihnen vorbei auf die einzige weitere Tür zu. Gedämpfte Musik drang aus dem Raum. „Ich nehme an, hier geht’s zum Direktor?“, fragte er pro forma.
„Ja, aber wer ...?“
Orsini hielt ihnen nur kurz seine Marke hin und öffnete die Tür.
Vor ihnen, an einem großen Schreibtisch, saß ein Mann mittleren Alters, den Kopf in die Hände gelegt. Er entsprach nicht so ganz dem, was Orsini sich unter einem Direktor vorstellte. Zwar trug er den obligaten Anzug, das Hemd darunter war aber schon etwas zerknautscht und steckte auch nur ansatzweise in der Hose. Für einen Drei-Tages-Bart und unordentliches Haar hatte Orsini an und für sich volles Verständnis, inmitten der gediegenen Einrichtung wirkte der Stadtgartendirektor damit aber ein wenig wie eine Fehlbesetzung.
„Was ist denn!“, bellte der offensichtlich in seiner Ruhe Gestörte unwirsch und nahm die Fingerspitzen von den Schläfen. Entweder hatte er geschlafen oder sich auf die Musik konzentriert. Rasch versuchte er, zumindest die seitlichen krausen Locken hinter die Ohren zu zwingen, und sah hoch.
Das Telefon läutete.
„Wollen Sie nicht abheben?“, fragte Orsini.
„Wer sind Sie!?“, fragte der Stadtgartendirektor empört und erhob sich.
„Kriminalpolizei.“
„Und ...!? Ich versteh nicht, wer hat Sie reingelassen?“
„Wir haben den Weg selber gefunden“, entgegnete Orsini.
Eine der beiden Sekretärinnen versuchte indessen, sich an ihnen vorbeizuzwängen, und meinte: „Entschuldigung, Herr Direktor! Die Herren haben sich ...“
„Ist schon recht ...“, beruhigte Stadtgartendirektor Weber sie und schob sie aus dem Zimmer. „Und was verschafft mir die ... Ehre?“ Er stand auf, ging zum Wandschrank und drehte die Musik leiser. Dann musterte er Orsini quer durchs Zimmer.
Orsini musterte ihn ebenso. „Wir werden Ihre Zeit auch nicht lange in Anspruch nehmen“, sagte er kühl. „Es geht ...“
„Das darf ich doch hoffen“, fuhr ihm Weber ins Wort und kehrte zu seinem Schreibtisch zurück. Mit einer gebieterischen Handbewegung wies er ihn an, sich ebenfalls zu setzen.
Orsini bereute insgeheim, dass er Kubicek verboten hatte, den Mund zu öffnen. „Es geht“, fuhr er fort, „um eine Ihrer Gärtnerinnen.“
„Hat doch hoffentlich nichts Schlimmes angestellt?“
„Im Gegenteil. Sie ist Opfer eines Verbrechens geworden.“
„Was?! Was für ein Verbrechen? Und überhaupt, wer?“ Mit einer überlangen Geste richtete Weber seine Krawatte, schob den Knoten ein paarmal nach links und rechts und zog die Schultern nach hinten.
„Dorothea Hausner.“
Webers Augenlider zuckten kaum merklich. Besorgnis legte sich über sein Gesicht. „Doro..., Dorothea?!“, wiederholte er. „Ist ihr was zugestoßen? Ein Unfall?“
„Sie kennen sie näher?“
„Näher? Nein, ... wie man halt eine Angestellte kennt. Aber so sagen Sie doch! Was ist mit ihr?“
„Sie ist heute Nacht ermordet worden.“
„Ermordet? Heute Nacht?“
„Ja.“
„Das, das gibt’s doch nicht!“ Zum zweiten Mal erhob Weber sich. Diesmal jedoch hatte es nichts mit Rangordnungsgeplänkel zu tun. Vielmehr schien er um seine Fassung zu ringen. Eine Weile sagte er nichts, dann fragte er leise: „Wo?“
„Am Beethovenplatz.“
„Am Beethovenplatz? Das ist ja ... gleich um die Ecke. Aber wie ... und warum?“
„Das Warum versuchen wir herauszufinden. Jedenfalls ist sie verblutet.“
„Aber das ist doch ...! Gestern hab ich sie noch gesehen!“ Weber sank in seinen Sessel zurück.
Orsini wartete einen Moment. „Wann genau war das?“
„Was?“
„Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?“
„Warten Sie, das muss ... so zwischen drei und vier gewesen sein.“
„Zwischen drei und vier. Später nicht mehr?“
Der Stadtgartendirektor überlegte einen Augenblick. Einen Augenblick zu lang, fand Orsini. „Nein. Um vier Uhr war ich wieder hier.“
„Haben Sie auch mit ihr gesprochen?“
„Moment. Ist das jetzt ein Verhör?“
„Nein, natürlich nicht“, wich Orsini aus. „Wir versuchen nur möglichst genau, ihre letzten Stunden zu rekonstruieren. Ist Ihnen vielleicht irgendetwas Ungewöhnliches an ihr aufgefallen?“
„Was meinen Sie damit?“
„Wirkte sie verändert? In letzter Zeit, oder gestern konkret – haben Sie mitbekommen, ob sie vielleicht Probleme hatte?“
„Was denn für Probleme?“
„Eheprobleme zum Beispiel.“
Weber sah Orsini kurz an und ging dann zum Wandschrank. Ein neues Musikstück hatte gerade begonnen, Streicher arbeiteten sich kreisend in aufgeregte Höhen. Mit spitzen Fingern drehte Weber den Lautstärkeregler nach rechts. „Eheprobleme“, wiederholte er gedehnt, „ja, die gab es schon länger.“
„Genaueres ...?“
„Kann ich Ihnen leider nicht sagen. So gut kenn ich meine Angestellten auch wieder nicht.“ Weber hüstelte in seine Faust und sah demonstrativ auf die Uhr. „Wir haben gestern ja auch grad einmal ein paar Worte gewechselt. Aber ihre Kolleginnen, die könnten Ihnen da vielleicht besser Auskunft geben“, meinte er dann und sah beim Fenster hinaus. „Um 15 Uhr finden Sie sie alle bei den Garderoben. Sie müssen schon entschuldigen, ich hab gleich einen Termin in der Stadt.“ Webers anfängliche Arroganz schien verflogen. Plötzlich trat er meisterhaft verbindlich auf. „Sie sollen Ihnen alles zeigen, und wenn Sie noch Fragen haben, kommen Sie nur zu mir! Ach ja, ich sage meiner Sekretärin, dass sie Ihnen die Personalakte von der Hausner raussucht“, erklärte er, trat zur Tür und öffnete sie demonstrativ.
Wieso nur hatte er das Gefühl, dass der dringliche Termin in der Stadt soeben erst Form angenommen hatte, dachte Orsini. Es gab mehr Arten, sich bedeckt zu halten, als der Stadtpark Bäume hatte. Dies war eine der eleganteren Versionen.
„Gerne“, entgegnete Orsini, der das Spiel ebenfalls beherrschte, „kommen wir wieder!“
*
Franz Hausner starrte aus dem Küchenfenster auf die gegenüberliegende Häuserfront.
„Kann ich mir noch eins nehmen?“, fragte der junge Polizist.
Hausner drehte den Kopf von den Häusern weg, hin zu dem Milchgesicht in Uniform, das ihn vom Kriminalamt wieder hierher in seine Wohnung gebracht hatte. Er empfand ihn als Eindringling, gegen den er aber vorläufig nichts machen konnte. Der seine Idylle – oder was davon übrig geblieben war – störte. In seiner Abwesenheit war offensichtlich die Spurensicherung über seine Wohnung hergefallen wie ein Schwarm Heuschrecken. Gefunden hatten sie nichts.
„Was?“
„Ob ich darf?“ Der junge Mann zeigte auf die weiße, mit blau-türkisen Schnörkseln verzierte längliche Schüssel mit den Keksen.
Hausner nickte abwesend. Die Schüssel war ein Urlaubsmitbringsel aus Umbrien. An den Namen des Dorfes konnte er sich nicht mehr erinnern, an die Fahrt dorthin schon. Die flirrende Hitze hatte über dem weiten Land gelegen und der Vegetation das letzte bisschen Luftfeuchtigkeit entzogen. Er starrte auf die Schüssel und die flachen mehligen Dinger darin. Jedes davon hatte einen Rand mit insgesamt 52 Kerben. 15 an der Längs- und elf an der Breitseite. Die ebenfalls 15 kleinen Löcher an der Oberseite jedes Keks schienen ihm mit einem Mal wie boshafte punktförmige Augen, die zurückstarrten. Unwillkürlich zählte er sie ab, als könne er sie im Zaum halten, solange sie nur nicht ihre Zahl veränderten.
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