„Noch nie was von erotischer Fantasie gehört?“, meinte Orsini und ging an seinem Kollegen vorbei. In Wahrheit aber war auch er beeindruckt – diese Einrichtung gab es so nicht bei Ikea zu kaufen. Es war weniger das auf goldenen Füßen stehende Bett mit den weißen Laken, sondern das Drumherum: Es bestand nämlich – mit Ausnahme eines zimmerfüllenden violetten Plüschteppichs – ausschließlich aus Spiegelflächen. Wände und Decken aus verspiegeltem Glas hatte Orsini schon gesehen. Dass aber auch die Fenster, die beiden Nachtkästchen, der Schrank und der Schreibtisch damit verkleidet waren, schien ihm doch ungewöhnlich. Sogar die Lampen glitzerten mit ihren mosaikartigen Glasteilchen.
„Solche Fantasien hätt ich auch gern“, antwortete Kubicek sichtlich beeindruckt. „Jetzt versteh ich, warum der lieber in der Küche geblieben ist.“
„Konzentrier dich auf die Arbeit.“
„Wenn das so einfach wär!“ Grinsend machte Kubicek sich daran, das erste Nachtkästchen zu öffnen. Enttäuscht schloss er es nach einer Weile wieder. „Na, wo haben wir denn unsere kleinen schweinischen Geheimnisse?“ Er redete mehr mit sich selbst und kroch dabei unter das Bett.
Orsini versuchte, die Schublade des kleinen Schreibtisches herauszuziehen, fand aber an der verspiegelten Platte keinen Griff. Dann fasste er die Lade von unten an der Kante und zog sie auf. Drei rote Schals, eine Menge Schminkzeug und zwei Notizhefte lagen darin. Eines der Hefte war noch verpackt. Er schnappte sich das andere und blätterte darin herum. Es war etwa bis zur Hälfte mit Datumsangaben und verschiedenen Abkürzungen beschrieben.
„Was steht da drin?“, wollte Kubicek wissen.
„Pflanzzeiten. Aussaat, Ernte und so weiter. Hast du was?“
„Noch nicht, aber wir kommen ja erst zum Hauptgang.“ Kubicek zog den bis an die Decke reichenden verspiegelten Wandschrank auf. „Deswegen bin ich Polizist geworden“, fuhr er fort und zog einen dunkelblauen, beinahe durchsichtigen BH aus einer Lade. „Kann mir gut vorstellen, wie die beiden gevögelt haben, dass es nur so gekracht hat.“
„Und gibt’s auch was von Interesse?“
Kubicek roch an einem Slip und fuhr ungebremst fort: „Ich sag’s dir: Die haben’s hier getrieben, und ich wette, die waren nicht immer allein.“
In Orsini stieg es sauer auf. „Das ist ja auch ein Schlafzimmer! Ich weiß nicht, was du in deinem Schlafzimmer machst, aber Sex ist an sich noch kein Verbrechen, egal zu wievielt!“, platzte es aus ihm heraus.
„Tschuldigung“, lenkte Kubicek ein, „aber passen tät’s schon irgendwie: Mord aus Eifersucht ...“
„Halt endlich den Mund!“, zischte Orsini ihn an. „Wenn du noch ein Wort sagst, warst du den letzten Tag in meiner Gruppe!“
Stille. Kubicek zog sich ins Badezimmer zurück, aus der Küche hörte man leises Sesselrücken. Orsini öffnete ein Fenster, sah ein paar Minuten lang auf die Straße hinab und wartete, bis sich das nervöse Kribbeln auf seiner Haut gelegt hatte. Vielleicht sollte er seine Drohung in die Tat umsetzen ... Allerdings war das Thema Eifersucht tatsächlich noch nicht vom Tisch. Er schloss das Fenster wieder, sah sein eigenes bartstoppeliges, müdes Gesicht im Spiegel, wandte sich erneut seiner Aufgabe zu und ging zum Wandschrank. Die Wäsche war gebügelt, ordentlich zusammengelegt und sorgsam in Fächern gestapelt. Abgesehen vom Spiegeltick deutete alles auf ein eher biederes, durchschnittliches Pärchen, das in einer aufgeräumten mittelmäßigen Wohnung lebte. Und selbst wenn das Erotische hier ausgefallenere Wege gegangen war – na und? Vor allem beschäftigte ihn die Frage nach dem Zusammenhang mit der Drogensüchtigen. Konnte Hausner sie gekannt haben? Wenn, dann doch eher Dorothea, dachte Orsini. Dass die Drogensüchtige sich auch im Stadtpark herumgetrieben hätte, war denkbar. Aber Hausner? Gedankenverloren tastete er zwischen den Wäschestücken herum, wohl wissend, dass es unwahrscheinlich war, hier etwas zu finden, was den Kollegen entgangen war. In der hintersten Ecke einer der Laden stieß er auf etwas Hartes, Rundes. Vorsichtig zog er daran, bis es zum Vorschein kam. Zwei Kugeln, die mit einer Schnur verbunden waren. Kurz spielte er Klick-Klack damit. Dann legte er alles zurück an seinen Platz und schloss den Schrank.
„Waren Sie oder Ihre Frau ... künstlerisch veranlagt?“, fragte Orsini wenig später, nachdem er in der Küche gegenüber Hausner Platz genommen hatte.
„Wie meinen Sie das, künstlerisch veranlagt?“
Orsini deutete Richtung Schlafzimmer. „Haben Sie vielleicht erotische Fotos gemacht, irgendetwas, wovon Sie uns erzählen wollen?“
„Das ...“
„Ja?“ Orsini wartete.
„Das war privat.“
„Selbstverständlich. Wie Sie Ihre privaten Räume gestalten und was Sie dort machen, ist uns im Grunde egal. Allerdings, wenn Sie oder Ihre Frau besondere Vorlieben hatten, Verbindungen zu speziellen Kreisen, das müssten Sie uns sagen – Sie verstehen, was ich meine?“
Hausner senkte seinen Blick. Er schien mit der Stille gut umgehen zu können.
Orsini erhob sich, sein Blick fiel auf eine Schüssel mit einem eigenartigen Griff. „Wenn Sie uns also etwas verschweigen, das zur Klärung der Sachlage beitragen könnte, würde das für Sie nicht gut aussehen!“, sagte er zum Abschluss. „Vielleicht fällt Ihnen ja noch etwas ein ... “ Er hielt Hausner die Hand hin und war über dessen weichen, laschen Händedruck überrascht. Wieder hatte er für einen winzigen Augenblick den Eindruck der Zweigeteiltheit, aus dem er nicht recht schlau wurde. Oben das störrische, verschlossene Gesicht, unten nichts als Schlaffheit.
*
Nun hatten die überdimensionalen Mehrzweckhundehütten, in denen bisher Maroni, Punsch, Silvesterkracher und Schokoosterhasen verkauft worden waren, auch noch eine sommerliche Verwendung gefunden, dachte Orsini und sah der jungen Frau in den äußerst knappen Shorts zu. Sie stand bei einem der niedrigen Tische und verteilte Getränke an Gäste, die entspannt in ihren Strandsesseln klotzten. Kubicek hatte er aufgetragen, am Beethovenplatz die fehlenden Aussagen der Anrainer einzuholen, die beiden Uniformierten schickte er auf Rundgang in die Strandszenerie, während er sich bei der ersten Hütte an die Theke lehnte. Für die Befragung der Gärtnerinnen war es ohnehin schon zu spät, das musste eben bis morgen warten. Er war müde. Was kein Wunder war, wenn man die knappe Stunde Halbschlaf auf seiner Couch im Büro bedachte. Außerdem – er spürte das Gewicht seiner Jacke, die er lässig über seine Schulter geworfen hatte – war er zu warm angezogen.
Die Ermittlung glich bereits jetzt einem von Motten zerfressenen unendlichen Teppich, stellte er resignierend fest. Kaum war eines der Löcher gestopft, hatten die flattrigen Biester schon zehn neue in die Wolle gefräst, während er mit dem Stopfen kaum nachkam und auch kein adäquates Insektenmittel zur Verfügung hatte. Wie die Motten hatten sich auch die Wohnungsnachbarn im Haus der Ermordeten auf den Gängen eingefunden. Die Nachricht von der Ermordung Dorothea Hausners hatte sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Auskunftsfreudig waren die Motten nur insofern gewesen, als dass der übliche Bassenatratsch erzählt wurde. Kubicek hatte von einem der Nachbarn erfahren, dass es hin und wieder Streit gegeben hatte, allerdings keine gröberen Auseinandersetzungen. Die beiden hatten offenbar ein zurückgezogenes Leben geführt, wurden als höflich und zuvorkommend beschrieben. Der wenige Kontakt zu den Mitbewohnern war überwiegend von der Ermordeten ausgegangen.
Orsini griff nach seinem Handy, noch bevor es seine Melodie fertig gespielt hatte.
„Er hat um genau 20 Uhr 57 seine Karte durchgezogen“, sagte Elvira Zobl am anderen Ende.
„Hat er den anderen Portier abgelöst?“
„Ja, das hat der bestätigt.“
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