Der Glatzkopf wies zuerst zum Stadtpark und dann auf seine graue Latzhose. WKN, MA 30 stand da. „Wir räumen rund um die Uhr dein Dreck weg“, sagte er, machte eine Pause und fügte erklärend hinzu: „Kanalbrigade! Wir habn öfters mit den Gärtnerinnen zu tun.“
„Alles klar!“, erwiderte Orsini. „Und, wann habt ihr sie zuletzt gesehen?“
„Is vielleicht ... ein, zwei Wochen her. I glaub, wir habn die Abflüsse vorn bei der Baustelle am Stubentor kontrolliert. Oder?“
„Zwei Wochen“, verbesserte Conan. „I hab sie aber vor a paar Tag no gsehn.“
„Sind Sie sicher?“
Der Mann fuhr sich durch die schulterlangen rotbraunen Haare, begutachtete das Foto eingehend und nickte.
„Wann war das genau?“
„Keine Ahnung.“
„Welcher Wochentag?“
„Hm. Montag, eventuell. Warum?“
„Wo?“, fuhr Orsini fort, ohne auf die Frage einzugehen.
„Na glei dort drüben, beim Ausgang.“
„Um welche Uhrzeit?“
„Phh!! So zwischen neun und Sperrstunde.“
„Wo waren Sie?“
„Na da, wo i jetzt steh, ungefähr.“
„War sie allein?“
„Eng umschlungen warens net.“
„Ein Mann also?“
„Ja.“
„Können Sie ihn beschreiben?“
„Na. Hab ihn ja nur von hinten gsehn.“
„Hat er vielleicht eine graue Latzhosn und schwarze Stiefel anghabt?“, fragte der Glatzkopf und stieß seinem Kollegen in die Rippen.
Orsini ignorierte die Frage. „Versuchen Sie sich genau zu erinnern. Das wäre wichtig.“
„Eher ... a Anzug. Ja, Anzug auf jedn Fall.“
„Sonst nichts?“, drängte Orsini.
„Na, ... tut ma leid“, antwortete Conan und zuckte mit den Schultern.
„Wo sind sie hingegangen?“
Wieder zuckte der Mann mit den Schultern.
„Wieso wolln S’ des wissn?“, fragte der Glatzkopf.
Orsini kippte den Rest des Kaffees hinunter. „Reine Routine.“ Er spürte, wie die bittere Medizin in seine Eingeweide biss.
„Was gibt’s, Männer?“, fragte ein Mann im gleichen Outfit, der sich dazugesellt hatte. Er trug dicke, schwarze, über dem Knie umgekrempelte Lederstiefel, war um die 50, und auf seiner Kappe stand Teamspüler.
„Tolle Schuhe“, bemerkte Orsini.
„Is unser Boss“, sagte Conan mit einer Spur Ehrfurcht in der Stimme.
„Seklitsch“, stellte sich der Mann vor und reichte Orsini die Hand. Er war von eher gedrungenem Körperbau, hatte noch beinahe durchgehend schwarze Haare und einen dichten Stoppelbart. An seinem dicken Ledergürtel hing ein massiver Schlüsselbund.
„Sie sind also der Trainer“, spielte Orsini auf die Kappe an.
„Kann ma so sagn. Worum geht’s?“
„Er is von der Polizei. Der Mord da drübn“, erklärte Conan.
„Kennen Sie die Frau?“ Orsini hielt ihm Dorothea Hausners Bild hin.
„Kennen is übertrieben. I glaub, die ist Gärtnerin.“
„Des hamma ihm eh schon gsagt. Hast sie irgendwann gsehn in letzter Zeit?“, übernahm der Glatzkopf die Initiative.
„Na.“ Seklitsch schüttelte den Kopf. „Chantal, a Bier!“
Orsini nahm das Foto wieder an sich.
„Sonst no was?“
„Im Moment nicht.“
„Ein Bier?“, fragte Conan.
„Das nächste Mal“, erwiderte Orsini und schnappte sich einen Block vom Tresen. „Ich brauch Namen und Adresse von Ihnen.“
„Für was?“, erwiderte Conan erstaunt.
„Du bist verdächtig“, feixte der Glatzkopf.
„Es gibt ein Video, ich möchte, dass Sie sich das ansehen.“
Conan nickte und gab seine Daten an. Dann kniff er ein Auge zu und blickte zu Seklitsch: „Geht’s in der Dienstzeit?“
„Na, sicher net“, erwiderte Seklitsch, streifte Orsini dabei mit einem abschätzigen Blick und nahm sein Bier entgegen.
„Schönen Dank, meine Herren“, verabschiedete sich Orsini. „Ich melde mich.“
„Wenn die Spülung net funktioniert ...“, bemerkte Conan, machte mit Daumen und kleinem Finger ein Telefon nach, hielt es sich ans Ohr und deutete auf den Zettel, den Orsini in der Hand hielt.
„... mach ma da an Spezialpreis“, ergänzte der Glatzkopf.
„Gib eam no a Kartn mit“, sagte Seklitsch zum Jeansträger.
„Oder no besser den Orson“, grinste der Glatzkopf. Der Jeansträger lächelte ihm unauffällig zu und zog einen Schlüsselanhänger mit dem Konterfei Orson Welles’, in Plastik gegossen, aus seiner Hosentasche. Er drückte auf das Gesicht, und die weltberühmte Zithermelodie ertönte in nervenden Piepstönen.
„Is doch super, oder?“, höhnte Seklitsch.
„Dauert eh nur a halbe Minutn“, stimmte Conan zu und schlug sich dabei mit der Hand auf den Oberschenkel. Für einen Moment erblickte Orsini auch bei ihm den Kopf der tätowierten Schlange, allerdings auf der Innenseite des mächtigen Oberarmes.
„Hab leider keinen mehr“, sagte der Jeansträger grinsend, zog rasch eine Karte hervor und reichte sie Orsini, der sich zunehmend verarscht fühlte.
„Danke“, sagte er gereizt und ließ die vier Arbeiter stehen. Dritte Mann Tour, stand auf der Karte, besuchen Sie die Original-Kanaldrehorte!
Er brauchte dringend eine Pause, das wusste er. Wann er sie bekommen würde, war allerdings fraglich. Eigentlich sollte er schon längst im Büro sitzen, anstatt die Fußarbeit zu verrichten. Er warf einen letzten Blick auf die beiden Gruppen von Männern. Die Musiker standen ihr Leben lang im Rampenlicht, und die Kanalarbeiter ...
Grübelnd marschierte Orsini zu einem der uniformierten Kollegen. „Und?“, fragte er mürrisch.
„Nichts“, antwortete der Beamte, nahm seine Kappe ab und fuhr sich mit der Hand über die verschwitzte Stirn.
„Ihr befragt alle, die hier arbeiten und in den nächsten Stunden auftauchen. Ich fahr in die Zentrale.“
„Glauben Sie, dass wir was finden?“
„Keine Ahnung. Ihr erreicht mich jederzeit am Handy. Meldet mir alles, auch wenn es euch noch so unwichtig erscheint.“
„Jawoll!“, antwortete der Polizist laut.
Orsini sackte für einen Moment in sich zusammen. Die Afterworkszene hatte auf den Beamten offensichtlich noch nicht abgefärbt. „Du könntest versuchen, dich hier ein bisschen anzupassen“, schlug er halbherzig vor und wies auf die Gäste. Als der Beamte daraufhin fein säuberlich die Ärmel aufkrempelte, zwei Mal und in exakt derselben Breite, zog Orsini endgültig Richtung Stadtpark ab.
Im Gehen griff er in seine Jackentasche und holte die mittlerweile zerknitterte Zigarette, die er von Dr. Mirno bekommen hatte, hervor. Der Filter war abgebogen und hatte einen Riss. Achtlos entfernte er ihn und suchte in seinen Taschen nach Feuer.
*
Markus, oder Mark, wie er von seinen Freunden gerufen wurde, saß auf einer Bank im kleinen Pavillon oberhalb des Wienflussportals, beim Eingang zum Stadtpark, und zupfte nervös am Ärmel seines roten Hemds. Er streifte den Typen gegenüber immer wieder mit fahrigen Blicken. Mark war ihm gefolgt, weil er ein Geschäft witterte, das er dringend brauchte. Dringender als dringend. Das leichte Zittern der Hände hatte bereits begonnen. Er wusste, was das bedeutete: Die Wirkung der drei Benzos ließ nach.
Nervös blickte er auf das Päckchen in seiner Hand. Entweder machte er bald ein Geschäft mit dem Alten, oder gar nicht, dachte er. Er war so mit sich selbst beschäftigt, dass er erst nach dem zweiten Winken des Mannes reagierte. Scheiße, warum machte der Typ das so auffällig? Er blickte um sich. Kein Mensch in der Nähe. Der Pavillon lag etwas abseits. Mark erhob sich und ging auf den Mann zu. „Brauchst was?“
„Hast du Feuer?“
„Feuer?“, entgegnete Mark enttäuscht. Er war wohl an den Falschen geraten.
„Ja. Bei einem Feuerzeug kommt es gelegentlich oben raus.“
„Ja klar, Feuer“, wiederholte Mark zerstreut und begann hektisch, seine Sachen zu durchsuchen. Feuer geben und dann nichts wie weg, dachte er, als er endlich das abgegriffene Feuerzeug gefunden hatte. Unkontrolliert fuhr sein Daumen über das geriffelte Rädchen. „Scheiße“, entfuhr es ihm, als ihm das Päckchen aus der Hand glitt und zu Boden fiel. Gleichzeitig loderte eine Flamme aus dem Feuerzeug. So stand er kurz da wie ein Ministrant, der nicht wusste, ob er sich nach der hinuntergefallenen Hostie bücken sollte, weil er die lodernde Kerze in Händen hielt.
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