„Und dann?“
„Angeblich befanden sich bereits ab 19 Uhr keine weiteren Angestellten mehr im Gebäude.“
„Das heißt, er hätte nach neun für ein paar Stunden verschwinden können?“
„So einfach ist das nicht. Er muss alle 90 Minuten einen Rundgang in dem Gebäude machen und seine Karte an bestimmten Orten in den Scanner stecken. Was theoretisch zwar auch jemand anderer für ihn hätte tun können – aber wer sollte das sein?“
„Gibt es Überwachungskameras?“
„Gibt es. Vom Eingang. Man sieht ihn abends kommen und morgens gehen.“
„Hmm. Wegen dem Handy von der Hausner – lass es anpeilen. Wir brauchen das Ding“, erwiderte Orsini und sah der Kellnerin zu, wie sie mit ihrem leeren Tablett zurückkam.
„Cantaloupe Island“, bemerkte die Kellnerin, nachdem Orsini sein Handy weggesteckt hatte.
„Sie interessieren sich für Jazz?“
„Nein“, gab sie zurück, „ist die einzige Jazznummer, die ich kenne. Reiner Zufall.“ Dass der Zufall genauso alt wie sie selbst war, Charly hieß und ihr WG-Mitbewohner war, verschwieg sie. „Wollen Sie einen Drink? Sie sehen so aus, als könnten Sie was brauchen.“
„Theoretisch gern – praktisch bräucht ich eher einen doppelten Schwarzen!“
„Kommt sofort.“ Mit einer schwungvollen Bewegung leerte sie den alten Kaffeesatz in den Müll, füllte den Filter mit frischem Kaffee und schob ihn an seinen Platz. Sie hatte ungewöhnlich hohe Wangenknochen, fand Orsini, was ihr gut stand. Ihr freundliches Lächeln war mehr oder weniger der erste Lichtblick seines Tages. Dabei war für die meisten hier schon Afterwork-Chilling angesagt.
„Wie heißen Sie?“
„Chantal, und Sie?“
„Conrad.“
„Conrad, sprach die Frau Mama, ich geh jetzt fort und du bleibst da“, deklamierte Chantal, während der Kaffee in die Tasse tropfte. „Sind Sie wegen der Frau hier, die umgebracht worden ist?“
„Ja.“ Er hielt ihr seine Visitenkarte hin.
„Wow, Gruppenleiter. Klingt ja fast nach Drittem Reich.“
Orsini zuckte mit den Schultern. „Hatten Sie gestern Abend Dienst?“
„Nein, leider ... vielleicht besser gesagt, zum Glück nicht.“ Sie krauste ihre Stirn, auf der winzige Sommersprossen wie Gänseblümchen auf einer Wiese blühten. „Was genau suchen Sie eigentlich?“
„Na ja“, antwortete Orsini, „während des Gewitters sind einige Leute von hier aus zum Beethovenplatz rübergelaufen. Kann sein, dass jemand den oder die Täter gesehen hat. Apropos, diese beiden kennen Sie nicht zufällig?“ Orsini schob ihr die Fotos von Dorothea und Franz Hausner hin und schlürfte dabei einen Schluck Kaffee.
Chantal stützte das Kinn auf Daumen und Zeigefinger, studierte die Fotos und schüttelte den Kopf. Während sie mit einer Wodkaflasche hantierte, fuhr sie fort: „Ist sicher spannend, Ihre Arbeit.“
„Manchmal könnte ich durchaus darauf verzichten“, antwortete Orsini. „Und Ihre?“
„Na ja.“ Sie zog einen Mundwinkel hoch und deutete dabei auf die Gäste. „Ich muss jetzt wieder, oder haben Sie noch Fragen?“
„Aus rein kriminaltaktischen Gründen muss ich wissen, ob Sie jeden Tag hier sind ...“
„Nein, das wechselt, meine Tage sind meistens Dienstag, Mittwoch, oder sonst am Wochenende.“
„Alles klar. Dann weiß ich ja, wann ich Sie hier wiederfinde, falls mir noch eine Frage einfällt“, antwortete er und wandte sich einer Gruppe von vier Männern zu, die neben ihm an einem Stehtisch ihr Bier tranken. Es waren eindeutig Musiker. Ein Geigen- und ein Cellokoffer lehnten daneben.
„... das Allegro schleppt sich so dahin!“, stöhnte der eine und zeigte mit dem Finger auf ein Notenblatt.
„Das liegt am Dirigenten“, antwortete der offensichtlich Älteste aus der Runde, „ich versuch schon mein Bestes, aber natürlich ...“
Orsini zückte seine Dienstmarke. „Entschuldigen Sie: Wir suchen jemand, der diese Frau gesehen hat“, unterbrach er kurzerhand und zeigte den Musikern das Foto.
„Trenk, Erste Geige“, sagte der ältere Musiker und streckte Orsini die Hand hin. „Ist das die Tote von da drüben?“
Orsini nickte.
Trenk runzelte die Stirn. „Noch nie gesehn, tut mir leid“, antwortete er dann und reichte es weiter. Der Kollege neben ihm öffnete den Cellokoffer und steckte die Noten weg. Wie beiläufig und doch höchst einstudiert fuhr er sich durch die makellose Fönwelle, warf einen Blick auf das Foto und schüttelte wie die übrigen den Kopf.
„Hatte jemand von Ihnen gestern Abend Konzert?“, fragte Orsini und deutete zum nebenan liegenden Konzerthaus.
„Ich nicht, aber du hast doch gestern mit deinem Bläserquartett gespielt, oder?“, meinte Trenk zum blassen, ziemlich großen Kollegen auf seiner anderen Seite.
„Und, waren Sie gestern nach dem Dienst zufällig auch hier, was trinken?“, hakte Orsini nach.
„Nein“, entgegnete der Bläser, „warum wollen Sie das wissen?“ Mit dem Zeigefinger schob er dabei seine Brille die Nase hoch.
„Vielleicht haben Sie ja was gesehn ...“
„Leider, ich bin nach der Vorstellung gleich heim.“ Erneut schob er seine Brille zurecht. Sie wirkte in seinem Gesicht ein wenig zu groß.
„Was willst denn wissen?“, mischte sich plötzlich eine tiefe Stimme ein. Sie gehörte zu einem von zwei Latzhosenträgern, die gemeinsam mit einem dritten Mann in Jeans und Pullover hinter ihnen an der Theke standen.
„Kennt einer von euch diese Dame oder diesen Herrn, oder hat jemand sie zufällig die letzten Tage gesehen?“
„Und wer genau will des wissen?“, fragte einer der beiden Latzhosenträger. Von seiner Statur her erinnerte er an einen Bodybuilder. Sein Stiernacken schien den Ausschnitt des T-Shirts sprengen zu wollen und endete erst bei den Ohren, die wiederum beachtlich vom spiegelglatt rasierten Kopf abstanden. Eine tätowierte Schlange wand sich von seinem Handrücken aufwärts und verschwand im Ärmel oberhalb eines beeindruckenden Bizeps.
„Ich.“ Orsini zeigte seine Dienstmarke. „Ist garantiert echt.“
„Gib her“, sagte der zweite Latzhosenträger, der seinem Kollegen in den körperlichen Dimensionen nur unwesentlich nachstand, allerdings von seiner Haarpracht Conan, dem Barbaren, zur Ehre gereichte. Eine Tätowierung konnte Orsini zwar nicht sehen, allerdings war Conan offensichtlich ein stolzer Biker. Harley forever stand nämlich auf seinem Stirnband. Die beiden entsprachen im Grunde genau der Zielgruppe von Männern, auf die es der börsennotierte amerikanische Motorradkonzern abgesehen hatte. Männer, die geboren worden waren, um sehr, sehr wild zu sein und sehr, sehr jung zu sterben, die aber letztlich erkannt hatten, dass dies überaus anstrengend war. Mit fortgeschrittenem Alter verlegten sie sich meist ohnehin lieber aufs Teilzeitwildsein, und das mit dem Sterben für die Ideale schoben sie bis zur Pension hinaus.
Prüfend nahm Conan die Dienstmarke zwischen die dicken Finger.
„Nicht verbiegen, die brauch ich noch“, erwiderte Orsini und griff danach.
Mittlerweile hatte sich der Mann in Jeans das Foto Dorothea Hausners geschnappt und betrachtete es gemeinsam mit dem Glatzkopf. Obwohl er kaum kleiner war als die beiden Fleischgebirge, wirkte er zwischen ihnen beinahe schmächtig. „Ist das die Ermordete von da drüben?“, fragte er.
Orsini nickte.
„Sicher kennen wir die“, bemerkte der Glatzkopf.
„Das ist eine von den Gärtnerinnen“, ergänzte der Jeansträger. Sein Haare passten von der Länge her genau zwischen Glatzkopf und Conans Mähne. Allerdings waren sie brav in der Mitte gescheitelt.
„Und den Mann, kennt ihr den auch?“ Er schob ihnen Hausners Bild hin.
Allgemeines Kopfschütteln. „Na. Wer solln des sein?“
„Ist im Moment egal“, erwiderte Orsini. „Mich interessiert, woher ihr die Frau kennt.“
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