„Ich würde gern wissen, ob irgendwer hier den Instrumenten von euch Jesuiten vertraut?“ Der Kapitän ließ seinen Blick über die Menge auf Deck schweifen.
Alle blieben stumm wie die Fische, viele schüttelten den Kopf. Die Menge hatte sich in zwei Lager gespalten, aber die meisten vertrauten auf den Kapitän, die wenigsten auf den Jesuiten.
Ich nahm all meinen Mut zusammen und trat hervor. „Er wird jetzt nichts mehr sagen. Lassen Sie ihn leben“, sagte ich.
Kapitän Picoux sah mich scharf an und schwieg. Schließlich verließ er kommentarlos das Deck, und so ließen endlich auch die Männer Perrot fallen.
Freiherr von Seydewitz hatte einen Freund, der bereits vor vielen Jahren in Japan gewesen war, um Porzellan und Rohseide zu kaufen. Dieser unterhielt gute Verbindungen in die gesellschaftlichen Kreise Frankreichs, und er war es auch, der sich bei den Pariser Jesuiten dafür eingesetzt hatte, dass diese drei französischen Jesuitenmissionare auf die Reise nach China geschickt wurden. Zusammen bildeten wir eine kleine China-Reisegruppe. Ich war der Laienhelfer für die drei Missionare und sollte mich unter anderem um die Geschenke für den Kaiser von China kümmern. Zwei der Missionare, Jean Denis Attiret und Reymond Prunier, waren Maler und der dritte war der Uhrmachermeister Perrot aus Limoges. Wir hatten das Schiff mit über hundert anderen Passagieren in Lorient bestiegen. Die meisten sind Kaufleute, die im fernen Osten Geschäfte machen wollen, einige andere sind französische Marineoffiziere, die zum Dienst in Fernost abkommandiert sind. Kapitän Picoux ist ein Bretone aus der Normandie, der bereits mehrmals in den fernen Osten gesegelt ist. Er sagte, er sei auch einmal in China gewesen: „Ach, dieser barbarische Ort!“ Er sagte, er würde es dort nicht lange aushalten, weil die Menschen weder Rotwein noch Brot kannten. Mit seinem imposanten Bart und einem schwarzen Hut strahlte er ganz die Autorität eines Schiffskapitäns aus. „Allein das Essen, das ist nichts für meinen bretonischen Gaumen! Sie essen ohne Unterschiede jedes Tier. Egal worauf ihr Blick fällt, sie werden es ganz und gar verspeisen.“
So erfuhr ich nun erst, dass Perrot nicht nur ein hervorragender Uhrmachermeister war, sondern auch mit Navigationsgeräten und Astronomie auf vertrautem Fuß stand. Auf diese Reise hatte er sich ein unhandliches Gerät mitgenommen, mit dem er tagelang den Himmel vermaß.
Tagein, tagaus mit einem endlosen Horizont auf dem Meer zu sein, ist monoton und ermüdend. Ich verbesserte im Selbststudium mein Chinesisch und lernte von Frater Attiret das Zeichnen. Ich malte Möwen und die Matrosen auf dem Schiff. Ich zeichnete ohne Unterlass, und je mehr ich zeichnete, desto interessanter wurde es für mich.
Nicht lange, nachdem ich meine versteckte, letzte, aber faulende Zitrone ins Meer geworfen hatte, befiel auch mich der Skorbut. Erst wurde ich von einer so tiefen Müdigkeit befallen, dass es mir nicht mehr gelang, irgendetwas zu tun. Nach einigen Wochen war ich bleich wie ein Gespenst, meine Haare fielen aus und die Krankheit wurde lebensbedrohlich. Glücklicherweise erreichte das Schiff nun das Kap der Guten Hoffnung. Die Krankheit ebbte ab und nach wenigen Tagen war ich wiederhergestellt.
Das Schiff erreichte die Meerenge von Sunda.
Ich bin noch am Leben.
Meine Haare fallen mittlerweile bis über die Schultern und auch meinen Bart könnte ich zu einem Zopf zusammenbinden. Meine Kleidung hängt mir in Fetzen herunter, doch die in meine Unterkleidung und meinen Mantel eingenähten spanischen Dublonen sind immer noch an ihrem Platz.
Auf einmal wird mit bewusst, dass ich Helena in diesem Leben vielleicht nicht mehr sehen werde.
Meerenge von Sunda, 7. September 1764
Ich kann nicht mehr an den letzten Blick Helenas denken, die sich in die Umarmung eines anderen Mannes geworfen hat. Die Tiefe ihrer Augen hat ihr Strahlen verloren, sie sind leer und seelenlos geworden. Hat sie mich schon aufgegeben? Oder hat sie sich selbst aufgegeben?
„Wenn ich dich nicht liebte, stünde ich dann hier?“ Das sind die letzten Worte, die ich aus ihrem Munde hörte. Oft lausche ich diesem Satz nach. Jedes Mal, wenn ich an sie denke, folgt eine noch größere Einsamkeit. Diese Einsamkeit ist wie eine himmelsgroße Welle, die die Erde überschwemmt und bald auch mich verschlingt. Gibt es etwas, das einen Mann noch einsamer macht als das Verlangen nach einer Frau? Oft schaue ich, schaue auf das endlose Wasser und spreche mit mir selbst.
Was bin ich, wenn nicht für dich?
Ohne dich habe ich kein Ziel,
vergeude ich allein die Zeit in der Ödnis der Welt,
fest im Klammergriff von Furcht und Schrecken.
Nichts weiß ich, außer meiner Liebe.
Die Zukunft ist ein dunkler, tiefer Brunnen.
Wenn mein Herz in Trauer erstarrt,
an wen kann ich mich in meinem Kummer wenden?
Kanton, 1. November 1764
Fröstelnd vor Kälte wache ich im Gefängnis auf. Mein ganzer Körper zittert unkontrolliert. Welche Jahreszeit ist überhaupt? Herbst? Ich denke an Helena, will ihr schreiben: Ich bin in China angekommen!
Ich will ihr erzählen, dass ich am Huangpuhafen in Kanton ankam, dass die Landschaft hier lieblich ist, dass ganz in der Nähe eine große chinesische Pagode steht. Ich will ihr sagen, dass ich viele Zeichnungen gemacht habe. Seit ich das Schiff bestiegen habe, habe ich unablässig gezeichnet, ich kann nicht mehr davon lassen. Ich habe das Kontorbuch, das ich in Paris einem fahrenden Händler abgekauft hatte, gänzlich vollgemalt. Ich malte die Seeleute und das Meer, malte Delphine und Wale, die es hin und wieder zu sehen gab. Ich habe für Helena gemalt. Vielleicht kommt der Tag, an dem ich ihr die Bilder zeigen kann. Wird dieser Tag je kommen?
Ich möchte ihr auch sagen, dass ich bis aufs Mark erschöpft bin. Ich habe nicht nur keine Kraft mehr, ich kann auch nicht mehr denken. Jetzt bin ich in China angekommen, weiß aber selbst nicht mehr warum. Ich bin müde und taub, würde gern Winterschlaf halten wie eine Schlange. Ich möchte ihr auch sagen, dass ich Dresden nicht hätte verlassen sollen, sie nicht hätte verlassen sollen. Aber nun ist das alles zu spät. Jetzt begreife ich erst, dass ich nie werde zurückkommen können.
Die Schicksalsgötter haben mich vergessen. Ich kann nur noch einen Schritt nach dem anderen machen.
Gerade eben kam dieser bezopfte Wächter und ich begann sofort zu schreien: „Lasst mich frei! Lasst mich frei!“ Erst danach wurde mir bewusst, dass ich Chinesisch gesprochen hatte. Sie brachten mich in eine Halle. In der Ferne rief jemand irgendetwas. Am Himmel zogen Wildenten vorbei. Ich atmete tief ein, in der Luft lag ein Hauch von Sandelholz.
„Name?“, fragte mich ein Mandschu-Beamter, der auf einem erhöhten Podest saß.
„Wilhelm Bühl“, nannte ich meinen Namen, aber der andere sah mich nur wortlos an.
„Hast du keinen chinesischen Namen?“
„Nein.“
„Herkunft?“
„Ich komme aus dem Kurfürstentum Sachsen.“
„Sachsen? ... Wo hast du Chinesisch gelernt?“
„In der königlichen Akademie in Paris.“
„Wieso bist du nach China gekommen?“
Wieso war ich nach China gekommen? Für einen Moment wusste ich nicht, was ich antworten sollte. Ich hätte nie gedacht, dass meine Reise in China hier oder auf diese Art beginnen würde. Ich hatte mir von China durch meine Lektüre von Leibniz, Voltaire und Montesquieu ein Bild gemacht. Mein China war ein Paradies voller erhabener Musik, Vogelgesang und Blumenduft.
„Um Chinesisch zu lernen“, sagte ich. Aber meine feste und volle Stimme schien nicht den letzten Zweifel zu zerstreuen.
„Um China zu sehen.“
„Du bist den ganzen langen Weg hierhergekommen, nur um China zu sehen?“ Der Beamte hatte leichte Zweifel und befragte mich brüsk.
„Ganz recht“, sagte ich.
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