Abb. 2: Chicken Game
Wir erkennen deutlich: Das Gesamtergebnis ist abhängig von dem Zusammenwirken beider Handlungen. Vor dem Hintergrund des Ziels beider Beteiligten (in dem Chicken Game ist es wohl das Bedürfnis nach Anerkennung, denn in dem Film wollen beide Männer einer Frau imponieren) könnte man nun überlegen, welche Strategien aus der Sicht der einzelnen Spieler:innen die beste ist. Doch dieser konkrete Inhalt soll uns hier nicht weiter beschäftigen. Wichtig ist uns ja die Antwort auf die Frage, wie Handlungen zusammenwirken. Wir halten fest: Handeln wirkt zusammen, indem die beteiligten Menschen sich an anderen Menschen in ihrem Handeln orientieren, das jeweils darauf ausgerichtet ist, den individuell höchsten Nutzen zu erlangen. Allerdings können Sie sich merken, dass damit noch nicht klar ist, was die Beteiligten konkret tun sollten.
In ähnlicher Weise kann auch das kollektive Ergebnis der Einhaltung oder Nicht-Einhaltung von Regeln als ein Spiel modelliert werden. Hierzu können wir z. B. das sog. »Absicherungsspiel« verwenden, das mit der Parabel der Hirschjagd verdeutlicht wird, die auf Jean-Jacques Rousseau zurückgeht.
Zwei Jäger:innen gehen auf die Jagd. Jede:r der beiden konnte bislang alleine ausschließlich Hasen erlegen. Nun versuchen sie sich abzusprechen und vereinbaren, gemeinsam einen Hirschen zu erlegen, der für beide wertvoller ist als ein Hase. Während der Jagd läuft jedem:r der beiden Jäger:innen genau in dem Augenblick ein Hase über den Weg, als sich für beide auch ein Hirsch in unmittelbarer Nähe zeigt. Nun muss entschieden werden, den Hasen zu erlegen oder den Hirsch zu töten. Tötet man den Hasen, ist die Gelegenheit für das gemeinsame Erlegen eines Hirschs vergeben. Den Hasen zu erlegen, ist für jede:n der beiden Jäger:innen eine ziemlich sichere Angelegenheit. Zugleich müssen beide die Handlung des Gegenübers einbeziehen. Befindet sich der/die andere Jäger:in in dergleichen Situation, dann besteht die Gefahr, dass er/sie den Hasen erlegt und man selbst einen Verlust erleidet, weil man weder Hasen noch anteilig einen Hirschen erhält. Die Auszahlungsmatrix könnte also wie folgt aussehen, wenn wir unterstellen, dass beide Jäger:innen zusammen sicher den Hirschen und jede:r für sich ebenfalls sicher einen Hasen erlegen würden (
Abb. 3).
Abb. 3: Assurance Game
Auch Fritz W. Scharpf 16 hat in seiner Darlegung der »Interaktionsformen« (2000) gezeigt, wie nützlich die spieltheoretische Methode zur Analyse des (bei ihm insbesondere: politischen) handelnden Zusammenwirkens ist. Zunächst betont Scharpf, dass die spieltheoretische Annahme von Menschen, die immer nur an dem eigenen höchsten Nutzen interessiert sind, das eine Ende des sozialwissenschaftlichen Spektrums der Handlungsmodellierung darstellt. Dem stehen am anderen Ende jene Ansätze gegenüber, die betonen, dass die Welt zu komplex ist, als dass rein auf den eigenen Nutzen konzentrierte Menschen gesellschaftliche Ordnungen schaffen könnten. Scharpf verfolgt deshalb den Ansatz des sog. »akteurzentrierten Institutionalismus«, um verschiedene Orientierungen zusammenzuführen. Er berücksichtigt bspw., dass manche Menschen tatsächlich ihren eigenen Nutzen maximieren (und etwa so viel Geld wie möglich besitzen) wollen, andere Menschen sich aber vor allem daran orientieren, was moralisch gut ist. Dies mag nicht mal zum eigenen Vorteil gereichen, wenn man z. B. nachts vor einer roten Ampel anhält, anstatt diese zu ignorieren und deshalb später nach Hause kommt.
Akteurzentrierter Institutionalismus
Der grundlegende Erklärungsansatz des akteurzentrierten Institutionalismus sieht vor, dass es Probleme in der Welt gibt, die Akteure – Scharpf unterscheidet individuelle (Menschen), aggregierte (z. B. Gruppen) und korporative Akteure (z. B. Parteien) – mit bestimmten Handlungsorientierungen, Präferenzen und Kompetenzen abarbeiten müssen. Hierbei geraten sie in ganz bestimmte Konstellationen hinein. Das heißt, die Art der Konstellation beschreibt das Zusammentreffen der unterschiedlichen Strategien, die die Menschen, Organisationen oder Gruppen verfolgen. Es geht ihm um Strategiekonstellationen, die wie in der Spieltheorie zumeist nicht-kooperativ, aber auch kooperativ oder ganz anders (etwa hierarchisch oder auf Abstimmung) ausgerichtet sein können.
Es gibt demnach zwei andere Betonungen in der Modellierung des handelnden Zusammenwirkens, die die vorherigen Überlegungen sehr gut ergänzen: Dadurch, dass die Konstellationen noch mehr in den Mittelpunkt rücken, steht erstens weniger der jeweils individuelle Sinn des Handelns als vielmehr die individuellen Strategien im Vordergrund. Es geht also weniger darum, was der/die Einzelne beabsichtigt – es geht weniger um das Handeln – als darum, wie er/sie das eigene Handeln unter Berücksichtigung des Handelns der anderen Akteure strategisch ausrichtet. Es geht mehr um das soziale Handeln. Und zweitens betrachtet Scharpf in seinen Strategieanalysen nicht ausschließlich die Orientierungen der Akteure an dem Verhalten oder Handeln der anderen Akteure, sondern berücksichtigt insbesondere die Orientierung der Akteure an der Interaktion an sich, wie wir gleich noch zeigen werden.
Wichtig ist, dass auf diese Weise konkrete reale Situationen mit einem hohen Abstraktionsniveau abgebildet und verschiedene Konstellationen miteinander verglichen werden können. Diese Konstellationen laufen in typischen Prozessen ab, die sich als Interaktionsformen ausgestalten. Wie Georg Simmel geht es Scharpf also um die Darlegung bestimmter Formen von Wechselwirkungen. Insbesondere einseitiges Handeln, Verhandeln, Mehrheitsentscheidungen und hierarchische Steuerung werden von Scharpf als derartige Formen hervorgehoben. Die Handlungen der Akteure, ihr handelndes Zusammenwirken in Konstellationen sowie die Formierung in bestimmten Interaktionen finden dabei immer innerhalb eines institutionellen Kontextes statt, etwa in Verbänden oder innerhalb von Organisationen. Aus den Interaktionsformen folgen sodann kollektive Ergebnisse, z. B. politische Entscheidungen, die als neue Umwelt wiederum Probleme beinhalten oder aufwerfen, die wieder abgearbeitet werden müssen usw. usf.
Für unseren Zusammenhang ist die genannte Ergänzung wichtig, dass Menschen sich auch an der Interaktion selbst orientieren können. Das bedeutet, ihr Handeln ist wesentlich dadurch mitgeprägt, mit welcher Einstellung gegenüber der Interaktion (und nicht ausschließlich gegenüber dem Handeln bzw. Verhalten anderer Menschen) sie ihr Handeln ausrichten. Scharpf (2006: 152 ff.) unterscheidet fünf Interaktionsorientierungen:
• Individualismus als Interaktionsorientierung beschreibt die Regel der individuellen Nutzenmaximierung wie in der Spieltheorie.
• Solidarität hingegen meint die uneingeschränkte Kooperationsbereitschaft mit anderen Menschen. Vorteile werden für beide gleichermaßen als solche bewertet, etwa wenn in einer ehelichen Beziehung eine:r der beiden Beteiligten einen beruflichen Erfolg zu verzeichnen hat. Das bedeutet auch, dass jede:r Nachteile hinnehmen wird, solange dies durch die Vorteile des/der Anderen ausgeglichen wird, etwa wenn er wegen des neugeborenen Kindes weniger arbeitet, was monetär durch ihren Karrieresprung ausgeglichen werden kann.
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