Die Dynamik innerhalb von Beobachtungskonstellationen erfolgt in der Regel über diese »wechselseitige Anpassungen« (»mutual adjustment«) der Menschen aneinander: Jede:r passt sich an das Handeln der anderen Menschen und an das kollektive Resultat des handelnden Zusammenwirkens an. Ein typisches Beispiel ist hierfür die Mode (vgl. Simmel 1995).
Eine Mode entsteht u. a. dadurch, dass die Menschen sich wechselseitig darauf ›abchecken‹, was an Kleidungsstücken zu tragen besonders positiv bewertet wird. Im Laufe der Zeit können sich dann durch pures wechselseitiges Anpassen beim Beobachten bestimmte »Attraktoren« herausbilden, solche Punkte, auf die sich die Menschen in ihrer Handlungswahl fokussieren. Mal also enge Hosen, dann wieder Hosen ›mit Schlag‹ oder eine bestimmte Farbgebung der Kleidung.
Schon in der Mode wird offensichtlich, dass Beobachtungskonstellationen normalerweise dynamisch sind und nicht über die Zeit gleichbleiben. Veränderungen werden vor allem durch »Abweichungsverstärkungen« (Schimank 2000: 235 ff.) bewirkt. Das bedeutet, ein Impuls, der nicht der aktuellen Dynamik der Beobachtungskonstellation entspricht, wird noch gesteigert und rückgekoppelt.
In der Mode etwa mögen dunkle Farben der aktuellen Mode entsprechen. Plötzlich werden helle Farbtöne ins Spiel gebracht und von einigen Menschen (oftmals Influencer:innen oder andere Prominente) bevorzugt, z. B. weil die Abweichung vom gewöhnlichen Kleidungsstil die eigene Individualität betont. Die Massenmedien und Social Media geben ein entsprechendes Feedback und spiegeln den neuen Kleidungsstil mit einer Bewertung an alle Menschen zurück. Eine positive Bewertung bedeutet dann zugleich eine positive Rückkopplung, an die dann wiederum alle die Mode beobachtenden Menschen anschließen können. Der ursprüngliche Impuls kann derart verstärkt werden, dass irgendwann alle Menschen sich in hellen Farbtönen kleiden, bis dies ›normal‹ geworden ist (siehe Durkheim 1995). Dann können neue Abweichungsverstärkungen wirken.
Solche Abweichungsverstärkungen sorgen dafür, dass die Dinge sich über die Zeit ändern, wie etwa an der Sprache deutlich wird, wenn einige Begriffe – z. B. ›geil‹ oder ›fett‹ – erst in einigen Milieus benutzt werden und sich dann von da aus in weitere Gruppen ausbreiten und von immer mehr Menschen verwendet werden, die von der ursprünglichen Bedeutung der Worte abweichen.
Es kommt manchmal der Punkt, an dem eine Abweichungsverstärkung einen Schwellenwert erreicht und sich recht lange stabil hält. Am Beispiel der Sprache kann man sehen, dass bestimmte Worte irgendwann Allgemeingut sind, in den Duden aufgenommen werden und sich dann auch sehr lange nicht mehr ändern. Es hat dann ein »Lock-in« stattgefunden. Abweichungen können demnach als alternative Pfade, als Abgabelungen eines eingeschlagenen Weges verstanden werden. Betritt man einen solchen Pfad, können damit Abhängigkeiten einhergehen, die vorher so nicht absehbar gewesen und manchmal kaum mehr umkehrbar sind: Ohne dass dies logisch zwingend wäre, geschieht ein »Lock-in«, etwa wenn die Partygäste das einmal gemeinsam gefundene Thema nicht mehr verlassen können. Der Grund für die an sich unwahrscheinliche Stabilität liegt darin, dass nicht nur Abweichungsverstärkungen, sondern zugleich auch Abweichungsdämpfungen wirksam sein können. Abweichungsdämpfungen (Schimank 2000: 235 ff.) bewahren die Menschen davor, von dem bestehenden Zustand abzuweichen. Wer z. B. in einer Rockergruppe von der Norm, eine bestimmte Kutte zu tragen, abweichen möchte, der/die muss sich wohl auf Abweichungsdämpfungen etwa in Form von Sanktionen einstellen. Auch Gesetze, informelle Regeln, soziale Kontrollen usw. haben normalerweise die Funktion der Abweichungsdämpfung, das heißt, sie sorgen für Stabilität. Sie haben allgemeine Abschreckungswirkung selbst für diejenigen, die noch nicht als abweichend auffällig geworden sind und es auch nicht werden, wenn sie sich abschrecken lassen. Wie für Beobachtungskonstellationen allgemein, gilt auch für Abweichungsdämpfungen normalerweise die antizipierte Reaktion der anderen Menschen auf die ins Auge gefasste Abweichung, um von der Umsetzung der Handlung dann doch lieber abzusehen. Rocker können angeblich hart zuschlagen.
Sobald die Menschen versuchen, gegebene Beobachtungskonstellationen zu nutzen, um absichtlich auf das Handeln beobachteter Menschen einzuwirken, handelt es sich um eine Beeinflussungskonstellation. Auf Grundlage der Beobachtung wird versucht, die Handlungsmöglichkeiten des bzw. der anderen Menschen zu beeinflussen, sei es bspw. durch Androhung von Schlägen, durch Überzeugungskraft guter Argumente oder durch Anreize wie Geld oder Lob. Das Ziel der Beeinflussung liegt darin, andere Menschen zu einem bestimmten, innerhalb einer gewissen Bandbreite von Möglichkeiten liegenden Handeln zu bewegen, das einem selbst nützlich ist.
Beispiele: Kinder und Eltern
Wenn Kinder z. B. das Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme haben, dann können sie versuchen, ihre Eltern so zu beeinflussen, dass diese etwas Leckeres kochen. Dies muss nicht auf eine Einschränkung der Handlungsoptionen des anderen Menschen hinauslaufen, sondern kann im Gegenteil auch deren Handlungsausweitung beinhalten. Dies geschieht z. B. dann, wenn Kinder das elterliche Bedürfnis nach Anerkennung strategisch nutzen, um diese zum Kochen zu bewegen (»Du kochst immer sooo lecker, Papa!«). Auch Erziehung hat in der Regel das Ziel, den Kindern zu mehr Handlungsautonomie und Handlungswirksamkeit verhelfen zu wollen, indem die Eltern sich mittels Beeinflussungen der Kinder darum bemühen, z. B. deren Selbstbewusstsein zu stärken. Therapien, Coachings etc. zielen in dieselbe Richtung der Erweiterung des Handlungsspielraums durch Beeinflussung.
Die wichtigsten Mittel, um auf andere Menschen Einfluss auszuüben, sind Geld, Gewalt, moralische Appelle, Macht (in anderer Form auch Sympathie, Charisma, Lob usw.), Selbstbindungen und soziales Kapital (›Vitamin B‹). Ganz allgemein wird man diese Mittel als Sanktionen einsetzen, also belohnen oder bestrafen. Diese Sanktionen wirken über verschiedene ›Kanäle‹, indem man sie den anderen Menschen von außen aufzwingt (Macht, Geld) oder diese Mittel so einsetzt, dass die Belohnung oder Bestrafung intrinsisch wirken, z. B. indem er oder sie sich durch Argumente überzeugen lässt oder aufgrund moralischer Appelle ein schlechtes Gewissen bekommt (siehe Parsons 1980: 147) (
Abb. 1).
Abb. 1: Beeinflussungsmedien
Diese Beeinflussungsmittel setzen an der genannten Sinnhaftigkeit des Handelns an, um auf diese Weise den Einfluss handlungswirksam zu machen. So kann man im mehr oder weniger expliziten Wissen um den Sinn der Handlungen Einfluss auf andere Menschen ausüben, indem man z. B. deren Bedürfnisse und Strategien zur Bedürfniserfüllung in das eigene Beeinflussungskalkül einrechnet.
Beispiele: Kinder und Eltern
Wenn ich weiß, dass mein Kind den leckeren Schokoladenpudding als Nachtisch essen möchte, weil es noch Hunger hat, dann kann ich dies nutzen und diesen leckeren Nachtisch als Belohnung für ein aufgeräumtes Kinderzimmer in Aussicht stellen. Ansonsten gäbe es ja auch noch gesundes Gemüse gegen den Hunger. Ich könnte das Kind für das Zimmeraufräumen natürlich auch extra bezahlen oder mit einer WLAN-Sperre drohen, falls das nicht passiert. Eventuell ist Ordnung als wichtiger Wert in dieser Familie auch schon von allen Familienmitgliedern derart verinnerlicht, dass der Hinweis auf ein mögliches schlechtes Gewissen genügt, um zum Aufräumen zu bewegen. Und selbst ein hochgradig egoistisches Kind mag man beeinflussen durch die Erinnerung daran, dass das Aufräumen des Zimmers einen nützlichen Vorteil auch für das Kind darstellt. Denn wenn die Eltern nicht zusätzlich dessen Zimmer aufräumen müssen, haben sie die notwendige Zeit, um Schokoladenpudding zu kochen.
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