Mit dem »soziologischen Survival-Sixpack« (Schimank/Kron/Greshoff 2002) von Hartmut Esser 8 (1999–2001) wurde mir von Kron in der Einführungsvorlesung zwar ein Angebot gemacht, wie sich die verschiedenen Werkzeuge und historisch relevanten Theorien in ein Modell integrieren lassen. Zugleich war damit die studentische Verwirrung nicht aufgehoben, sondern nur verschoben. Denn das Angebot von Esser ist ein integrales Modell neben anderen Modellen, die ebenfalls integrale Ansprüche hegen, sich selbst mitunter als Supertheorien etikettieren und ebenfalls sehr gute Argumente aufführen. Und leider widersprechen sich diese integralen Theorien und Modelle oftmals. Wäre mir nur eine dieser Theorien und Modelle in der Lehre präsentiert worden, hieße das, mich zu zwingen, mich für eine Theorie zu ›entscheiden‹ und alle anderen abzulehnen bzw. gar nicht erst kennenzulernen. Dieses Entweder-Oder in der Theoriewelt der Soziologie ist nie der Aachener Weg der Soziologie gewesen. Dort gebührt insbesondere Paul B. Hill 9 das Verdienst, darauf bestanden zu haben, dass den Studierenden die Soziologie nicht direkt zu Anfang mit einer Verengung präsentiert wird. Die Perspektivenvielfalt der Soziologie wird als ein wertvolles Gut gesehen und die Studierenden sollten vielmehr selbst in die Lage versetzt werden zu entscheiden, auf welches Werkzeug und welche (integrale) Theorie sie im Laufe ihres Studiums setzen wollen oder eben nicht.
Christina Laut
Diese Lehranschauung beizubehalten bedeutet wiederum, dass die Beantwortung der Frage, welche Probleme die Soziologie denn nun löst, als Leitfaden einer Einführung in die Soziologie nicht an Attraktivität verliert, im Gegenteil. Die Problemorientierung kann, so unsere Annahme, einen roten Faden durch die Soziologie ziehen, dem dann die verschiedenen soziologischen Ansätze, Theorien, Modelle usw. zugeordnet werden können. Auf diese Weise lässt sich die typische Verwirrungserfahrung des Soziologiestudiums mildern.
So reizvoll uns diese Annahme erschienen ist, so schwierig war sie für uns umzusetzen. Die Rede von dem Handlungs- und Ordnungsproblem hat sich als zu allgemein herausgestellt. Mindestens können diese Probleme in sechs differenziertere Probleme unterteilt werden, nämlich in die Fragen
1. wie Handlungen durch die Gesellschaft geprägt werden,
2. wie die Handlungen durch die Menschen ausgewählt werden und
3. wie Handlungen zusammenwirken.
Und es kann gefragt werden,
4. wie gesellschaftliche Ordnungen entstehen,
5. wie sie sich stabilisieren und
6. wie sie sich wandeln.
So plausibel uns diese Aufteilung zunächst erschien, sind wir damit doch erst mal in weitere Schwierigkeiten hineingeraten. Es ist uns z. B. sofort aufgefallen, dass die Antworten auf diese Fragen miteinander verwoben sind, was die Darstellung mindestens erschwert. Wenn man bspw. davon ausgeht, dass die Gesellschaft die Handlungen der Menschen prägt, dann unterstellt man ja bereits, dass es eine gesellschaftliche Ordnung gibt. Die Entstehung dieser gesellschaftlichen Ordnung ist aber zugleich nicht ohne jene Handlungen zu erklären, die sich als geprägt herausstellen. Dies ist wohl das Henne-Ei-Problem der Soziologie. Uns bleibt die Hoffnung, mit dem vorliegenden Lehrbuch einen guten Umgang mit diesem Problem gefunden zu haben. Der Begriff der Problemorientierung ist hier also mehrdimensional, denn er betrifft die Probleme der Soziologie sowie die Probleme der Darstellung der Soziologie.
Eine weitere Herausforderung ist der Zwang zur Begrenzung. Die Idee für dieses Lehrbuch ist, sich praktisch in der Lehre im Rahmen einer Einführung in die Soziologie zu bewähren, in der überwiegend Studierende des ersten Semesters sitzen. Dafür standen an der RWTH Aachen einst im Magisterstudiengang vier Semester zur Verfügung. Durch die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge wurde diese Einführung letztlich auf ein Semester verkürzt. 10 Daraus folgt die Unumgänglichkeit, sich zeitlich und sachlich zu beschränken und tatsächlich auf Probleme zu konzentrieren. Es ist eine problemorientierte Einführung. Wollten wir zu diesen Problemen gleichermaßen alle soziologischen Lösungen angemessen präsentieren, dann wäre dies ein sehr dickes Buch für eine viersemestrige Einführungsveranstaltung geworden. Schön, aber nicht hilfreich für unsere aktuelle Praxis. Wir präsentieren demnach eine Auswahl von soziologischen Lösungen zu den Problemen und stellen diese recht verkürzt dar.
Zugleich soll damit sehr deutlich angemerkt sein: Das vorliegende Lehrbuch ersetzt kein anderes Lehrbuch. Ausdrücklich empfehlen wir die bereits genannten Lehrbücher von Hartmut Esser, Richard Münch und Uwe Schimank. Wer diese Bücher alle gut durcharbeitet, erhält einen hervorragenden Überblick über die Soziologie. Und selbstverständlich sind dies nicht die einzigen sehr nützlichen Einführungen in die Soziologie. Wer sich gut umschaut, findet noch sehr viele andere hervorragende Werke. Das vorliegende Lehrbuch versteht sich ausdrücklich als Ergänzung zu all diesen Einführungen. Es hilft, einen roten Faden durch die Soziologie zu ziehen. In diesem Sinne gilt der Titel: »Soziologie verstehen«. Erste Ergebnisse aus den Vorlesungen, die entlang dieser Struktur gehalten wurden, stimmen uns jedenfalls hoffnungsvoll, dass dies gelungen ist.
Im Laufe dieser Zeit haben wir verschiedenste Aspekte mit unterschiedlichen Personen diskutiert. Ihnen allen sind wir zu Dank verpflichtet. Leider ist es unmöglich, diese alle hier namentlich einzeln aufzuführen. Wir picken lediglich einige Menschen heraus, mit denen besonders viel diskutiert wurde: Neben den o. g. Personen sei aus dem Hagener Team rund um Uwe Schimank Lars Winter hervorgehoben, mit dem Aspekte zu den gesellschaftlichen und soziologischen Problemen sowie zur Erklärung der Soziologie ausgefochten wurden. Aus Aachen haben Lena M. Verneuer-Emre konstruktive und Bettina Mahlert sehr kritische Impulse gegeben. Einen besonderen Dank ist den Studierenden der Soziologie an der RWTH Aachen geschuldet, die an der Einführungsvorlesung teilgenommen und diese sowohl wohlwollend als auch kritisch bewertet haben. Ganz besonders hilfreich sind uns die Kommentare, Anmerkungen und Hinweise von folgenden Menschen gewesen, die das Buch vorab gelesen haben: Ralf Becker, Sven Graumüller, Betim Kai Gecaij, Marina Langohr, Daniel Scherer, Torsten Stephan, Anna-Maria Weihrauch, Benjamin Wittorf. Diese hervorragende Idee, Nicht-Soziolog:innen das vorliegende Buch auf Verständlichkeit prüfen zu lassen, verdanken wir Aladin El-Mafaalani. Viele ihrer Anregungen sind in dieses Lehrbuch eingeflossen. Alles das, was unverständlich geblieben ist, ist natürlich uns zuzurechnen.
Ein ganz besonderer Dank geht an Eylou, den großartigen Zeichner der islieb- und isfies-Comics 11 , die wir hier verwenden dürfen! Wir sind selbst große Fans und können nur empfehlen, in den Fan-Club einzutreten!
Zu guter Letzt: Wir danken den Mitarbeiter:innen vom Kohlhammer Verlag für die Unterstützung in allen Belangen!
Thomas Kron & Christina Laut
1Es handelte sich um ein Schwerpunktprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in dem Soziologie und Informatik interdisziplinär kooperiert haben. Das Hagen-/Dortmunder-Projekt hat unter dem Titel »Untersuchungen zur Dynamik sozialer Systeme anhand der Simulation komplexer, adaptiver Agenten« firmiert.
2Uwe Schimank, geboren 1955, ist Professor für Soziologie. Ein Großteil des vorliegenden Lehrbuchs schließt an Schimanks Einführung in die akteurtheoretische Soziologie »Handeln und Strukturen« (2000) an bzw. übernimmt von ihm wesentliche Argumente.
3Unsere Antwort ist: Ja, die Soziologie löst Probleme, die die Gesellschaft hat. Das bedeutet, die Soziologie kümmert sich nicht nur ausschließlich um das, was sie anhand von Theorien in den Blick bekommt, sondern sie nutzt, dass sie selbst Teil der Gesellschaft ist und diese zugleich soziologisch beobachtet (mithin: sich selbst soziologisch beobachtet). Dies mag erkenntnistheoretisch schwierig sein. Zugleich wäre der Versuch, gesellschaftliche Probleme zu ignorieren, wenn diese nicht in soziologische Sichtapparaturen passen, ebenfalls nicht einfach.
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